Die Hardcore-Szene trauert: Am 24. Juli erlag der Sick Of It All-Sänger mit 59 Jahren dem Krebs. Freunde und Fans würdigen seine Bedeutung.
New York (stj) - Jahrelang prangten die Autogramme von Lou Koller und seinen Sick Of It All-Kollegen auf Tarnhose und Longsleeve, ganz hardcore-unlike erbeten, nachdem wir uns beim Super Crash Open Air 1996 zufällig neben dem Merch-Stand beim Urinieren begegnet waren. Danach zeigten wir im Moshpit natürlich erst recht 120-prozentigen Einsatz. Mit 20 Jahren ist man eben noch nicht Teil des "Injustice System", sondern schreit seinen Hass auf festgefahrene Strukturen offen heraus.
Für uns waren Sick Of It All stets das Bindeglied zwischen frühen Straight-Edge-Crews wie Youth Of Today und dem metallischeren New-York-Hardcore von Biohazard. Sie verbanden die in den frühen Neunzigern aufkommenden Grooves mit Gangshouts und einem empathischen Hardcore-Spirit. "Step Down", "Just Look Around", "Clobberin' Time", "Scratch The Surface" – die Liste der Hits ist auch dank Lou Kollers aggressiver, energiegeladener Stimme endlos.
Die Anführer einer Generation
Lou gründete die Band 1986 in Queens gemeinsam mit seinem Bruder Pete und Schlagzeuger Armand Majidi. Drei Jahre später rollten sie mit dem Debütalbum "Blood, Sweat & No Tears" über die Szene. 1992 legten sie mit "Just Look Around" ein starkes Werk nach und avancierten zu Anführern einer zweiten New-York-Hardcore-Generation.
Umso größer war der Aufschrei, als Sick Of It All zum Majorlabel EastWest wechselten, um mehr Menschen zu erreichen. Für die DIY-Evangelisten ein No-Go, Sell-out-Rufe waren die Folge. Ungeachtet der hitzigen Diskussionen verkaufte sich die dritte Scheibe "Scratch The Surface" bis 1997 weltweit rund 250.000 Mal. In einer Zeit, in der harte Grooves von Pantera bis Sepultura im Mainstream ankamen, eroberte das Album trotz aller Vorbehalte einen festen Platz im Herzen der Fans.
Nachhaltigen Schaden nahm die Band infolge dieses Schritts nicht. Das ist neben ihrer Ausdauer, unzähligen Liveshows und zwölf Studioalben vor allem Lou Kollers Integrität, Bodenständigkeit und Leidenschaft für die Hardcore-Szene und ihre Werte zu verdanken.
Die Hardcore-Szene trauert, und mit ihr die Rock-Welt
Die Nachrufe und Reaktionen kommen auffallend ohne Pflichtfloskeln aus. Von Madball, Rancid, Dropkick Murphys und Pennywise bis zu Metallica, Pantera, Doro und Gary Holt erinnern Kolleg*innen an Kollers großen Einfluss, seine Energie und seine Hilfsbereitschaft. Auch wir fühlten uns Lou immer näher als anderen Frontmännern. Trotz seines Charismas wirkte er nie unnahbar, selbstverliebt oder einschüchternd.
Beim damaligen Super Crash Open Air 1996 traten auch die Crossover-Veteranen Pro-Pain mit Gary Meskil am Mikrofon auf. Der Unterschied hätte kaum größer sein können. Auch wenn Meskil als Pionier fest zur New Yorker Hardcore-Gemeinde gehört, wehte der umarmende, positive Szene-Spirit an diesem Tag nur bei einer Band über die grünen Wiesen von Schülldorf bei Rendsburg.
Lou Koller sei Dank.
"In the underground, integrity lies within."
Rest in power, Lou.
(Lou Koller ist am 24. Juli 2026 an den Folgen seiner Erkrankung an Speiseröhrenkrebs gestorben. Er wurde 59 Jahre alt.)
[Text von Stefan Johannesberg]

2 Kommentare
Echt traurig. Ich erinnere mich noch, wie ich bei einem Sportskameraden im Auto auf dem Weg zu einem Auswärtsspiel die Scratch the Surface gehört habe. Sommer 1996 war das. Da war es um mich geschehen. Meinen Eltern gefiel die Musik dieser Kapelle, als ich dann das Album wenig später zum Geburtstag bekam, zunächst einmal gar nicht.
Anders als Pro-Pain sind SOIA meines Wissens auch nie im deutschen raum regelmäßig auf irgendwelchen Deutschrock-Grauzonen-Abschaum-Festivals aufgetreten.
Anyway, kann mir NYHC immer nur in kleinen Dosierungen geben, weils schnell zu mackerig wird, aber SOIA waren immer die angenehmsten Vertreter dieser Szene. RIP, Lou Koller.