Cat Coore, Gründer der stilprägenden Band Third World, ist am Sonntag in Kingston gestorben.
Kingston (phk) - Cat Coore, Cellist, Gitarrist, Komponist und Arrangeur der bekannten und populären Roots Reggae-Gruppe Third World, ist im Alter von 69 Jahren gestorben. Er hatte seit geraumer Zeit unter Durchbrüchen der Speiseröhre gelitten und wurde wiederholt operiert. Bei Nachwirkungen der letzten OP versagte seine Atmung.
Bekannt war er als der "Mister Reggae Ambassador", der Herr Botschafter des Reggae. Ihre Trauer brachten bereits Shaggy, Morgan Heritage, Sean Paul, Jamaikas Kulturministerin Olivia Grange und Premierminister Andrew Holness zum Ausdruck. Musiklegende Coore habe den Rhythmus, den Spirit und die Botschaft der kleinen Karibikinsel "in jede Ecke der Welt getragen", so der Regierungschef auf X. Die Musiklegende war kürzlich noch auf Tour, etwa letzten August in Amsterdam.
Cat, bürgerlich Stephen Coore, verantwortet die konsequenteste Vermischung der Musikgattungen Pop, Reggae, Funk, Disco, Folk, Klassik, Hip Hop und Soul und sorgte für einen der meistgespielten Reggae-Songs in deutschen, österreichischen und Schweizer Radio-Programmen, "Now That We Found Love".
Das Ensemble zählt außerdem zu den am häufigsten auf Reggae-Compilations vertretenen Interpreten. Die Band steht für zahlreiche mittelgroße Szene-Hits. Dazu gehörten der frenetische Wah Wah-Funk-Tune "Talk To Me", ...
... der Afro-Discopop "Lagos Jump", der trockene Rap-Klassiker "Theme From The Underdog", Third Worlds ewige Sommer-Hymne "96 Degree In The Shades" und das ebenfalls bis zuletzt live performte "Jah Love".
Third World verstanden sich einem Liedtitel zufolge als "Reggae Ambassador(s)", als Botschafter ihres Genres. Andere Songs unterstreichen ihr Programm, "Roots With Quality" für die "Reggae Party" zu veranstalten.
Cat Coore gründete die Band zusammen mit seinem Kumpel, dem Keyboarder Michael Cooper, genannt Ibo, im Jahr 1973 als Abspaltung der später ebenso weltbekannten Band Inner Circle. Zur Gründungs-Crew zählten neben einem bald ausgeschiedenen Schlagzeuger mehrere im Lauf der Zeit bereits verstorbene Mitglieder. Ibo Cooper starb 2023 an Krebs. Cat hatte in den letzten Jahren immer wieder Tourneen und einzelne Auftritte in Europa, die er mit Musikern jüngerer Generationen bestritt.
Obwohl Cat Coore seltenst Sänger der Band war, man seine Stimme nur vereinzelt, auf einer Solo-CD, bei Third World sonst mehr im Background und in den Harmonies hört, war er nach dem Sängerwechsel von Bunny Rugs zu AJ Brown quasi der Kopf der Gruppe. Einerseits repräsentierte Cat die Band als Ton angebender Typ auf der Bühne und als Interviewpartner nach außen. Andererseits fungierte er als wichtige kreative Quelle nach innen: Als Cellospieler war ihm klassische Musik vertraut.
Einzelne Soli an diesem Instrument, das der menschlichen Stimme als am ähnlichsten gilt, baute er zwar selten, aber geschickt in die Shows ein. Seit jeher zeigte er sich offen für verschiedene musikalische Strömungen und sorgte zwischen ihnen für maximale Durchlässigkeit. Beides, das Cello und die Kompromissbereitschaft, brachten Third World aber auch den Ruf ein, keine authentischen Rastafari-Ghetto-Vertreter zu sein, sondern eine gutbürgerliche Band, die international abhob. Mit Blick auf die hohe Qualität vieler Alben scheint diese Kritik so irrelevant wie an den Haaren herbei gezogen, verhinderte jedoch oft die Anerkennung in Reggae-Insider-Kreisen.
Third World legten einige großartige Longplayers vor, die unter den Non-Single-Tracks nachdenkliche, sozialkritische Texte enthalten und sehr wohl dem Kern von Roots und Soul entsprechen, wie etwa die Ballade vom "brandneuen Bettler", "Brand New Beggar"" mit Gründungssänger Prilly Hamilton.
Handwerklich war die Band mit Ausnahme der schräg produzierten 2010er-CD "Patriots" meist über alle Zweifel erhaben. Zudem coverte sie selten und wenn, dann gerne mal eine der spirituellsten Gruppen, The Abyssinians, daneben Ur-Größen wie Bunny Wailer oder Ska-Pionier Don Drummond. Dabei ist ausgerechnet "Now That We Found Love" ein Soul-Song aus Philadelphia von Kenneth Gamble und Leon Huff.
Begonnen hatte die eigenwillige Crew ihre Arbeit an diesem Cover mit einer hypnotischen Darbietung inklusive langem Keyboards-Intro und mit mehreren Drum- und Percussion-Soli, bevor der Tune fürs Radio drastisch beschnitten wurde. Und auch sonst hatten die Jungs den Soul im Herzen und den Funk in den Füßen. Zum Beispiel in "Sense Of Purpose".
Als Höhepunkt ihrer beachtlichen Langlebigkeit veröffentlichte die Band im Sommer 2019 unter Regie des Bob Marley-Sohns Damian das vielseitige und gefühlvolle Album "More Work To Be Done". Kennzeichen der meisten Longplayer - so auch hier - wurden die gezeichneten Cover-Artworks in Ethno-Look, die afrikanische und karibische Symbole plakativ vereinen und den klischeehaften Begriff der 'Dritten Welt' ironisch karikieren.
"More Work To Be Done" enthält einige der besten Rasta-Balladen, die je aufgenommen wurden. An der LP beteiligten sich neben Szene-Stars wie Busy Signal und Adidas-Model Chronixx auch der beliebte Schmusesänger Tarrus Riley, die begnadete Casting-Gewinnerin Tessanne Chin und einer der stimmgewaltigsten Dancehaller, Pressure Busspipe. Damian schrieb mit, beispielsweise das antirassistische "People Of A Different Colour", das sich für Akzeptanz zwischen den Religionen stark macht.
Wir hatten das Glück, mehrere lustige und liebenswerte Begegnungen mit Cat Coore erleben zu dürfen. Er bleibt uns als aufmerksamer Beobachter des Zeitgeistes in Erinnerung, als hervorragender Dramaturg von Alben und Live-Shows, als jemand, der Nudelgerichte mag, als Profi, der sein gesamtes Leben der Musikkarriere verschrieb und dabei auf sympathische Weise auf dem Teppich blieb.
Finanziell lohnte sich die Sache nach dem Corona-Lockdown leider nicht mehr, wie er zerknirscht feststellte. Einen Grammy erhielt die Gruppe auch nie, obwohl sie insgesamt neun Mal nominiert war. Zuletzt verloren Third World gegen die Newcomerin Koffee, die ein Werk mit 15 Minuten Spieldauer einreichte.
Diese Schmach hielt Coore aber nicht vom Touren ab. Er wollte die Songs weiter mit nachwachsendem Publikum teilen und erreichte mit seiner nonchalanten Art unablässig immer wieder bei Festivals neue, junge Fans der Generation Z. Beim letzten Treffen wirkte er bereits sehr krank im Erscheinungsbild, kurz darauf unterzog er sich erfolgreich einer Operation.
Neben "More Work To Be Done" war laut Cat wirklich noch viel mehr Arbeit für die Band zu tun. So habe es mit den Marley-Brüdern Damian und Stephen einen Vertrag über insgesamt zwei Alben gegeben. Ein zweites sei bereits 2021 in Arbeit gewesen, aber erst der Pandemie, dann der Inflation, schließlich den gesundheitlichen Problemen zum Opfer gefallen. Wie eine Nachfrage vor einem knappen Jahr beim Label ergab, machten die Marleys wohl unterdessen einen Rückzieher, und eine amerikanische Indie-Firma habe wohl Interesse an dem Album bekundet. (Wir haben nie einen Ton daraus gehört.)
Third World zählen zum Club der radiotauglichen und kommerziellen Jamaikaner, denen neben Toots & The Maytals, Jimmy Cliff, Lee 'Scratch' Perry, Max Romeo, Bob Marley, Burning Spear und ein paar weiteren das Interesse des einstigen Chefs von Island Records, Chris Blackwell, vergönnt war. Das Sextett nahm in kurzer Zeit sechs Alben mit Island Records auf, oft mit Blackwell als Producer. Als dann der Durchbruch mit "Now That We Found Love" gelang, folgte die Band einem Angebot zur Konkurrenz CBS, wo etwa Bob Dylan, Leonard Cohen oder Johnny Cash Geld in die Kasse spülten. Third World passten zwar nicht ins Portfolio, machten in dieser Zeit aber einige ihrer genialsten Nummern - und trafen auf Stevie Wonder, in gegenseitiger Verehrung. Es war ihre große Phase.
Als letzter Überlebender verbleibt Mitgründer Richard 'Bassie' Daley, der nicht mehr tourt und dessen scheu abgemischte Bassline im letzten Hit "Loving You Is Easy" wieder demonstriert, woran es heutigen Reggae-Produktionen oft ermangelt: an satten Bass-Grooves.
Auch wenn Cat Coore nie wirklich groß im Rampenlicht stand, so war er doch ein kerniger Typ, ein Original, eine ungewöhnliche Erscheinung und ein Songwriter, ohne den es in der Musikgeschichte manche Abzweigung nicht gegeben hätte. Thank you for all the music, Cat! Dich zu lieben ist wirklich easy.

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