laut.de-Kritik

Noah vertont sein Tagebuch.

Review von

Als ich damals als Teenager mein Leben dem Tagebuch anvertraute, hatte das ungefähr die gleiche chaotische Erzählart wie Noah Kahans neues, extended Album "The Great Divide: The Last Of The Bugs". Es war wie ein innerer Monolog, der sich zuerst im Kopf zusammenbraut und dann wie ein Platzregen auf das Papier des zerfledderten Notizbuches ergießt. Mit ähnlicher sprachlicher Intensität wirft Kahan einen Blick zurück auf seine Heimat Vermont und strickt einen dicken Pullover aus Vergangenheit und Gegenwart, der zwar warm, aber auch ein bisschen kratzig ist.

Und wie das oft so mit Wollpullis im Frühling ist, ist das eine Stunde und 40 Minuten lange Werk des Sängers zwar recht klassisch, aber irgendwie auch echt viel. Um die Menge von 21 Songs nicht einzeln zu besprechen (wir säßen bei meinem perfektionistischen Drang, alles zu inkludieren, stundenlang hier), sortiere ich in zwei musikalische Kategorien: die Stillsitzer und die Kopfwipper, die meinen Körper in Bewegung setzen.

Mit zirpenden Grillen und Klaviertönen setzt "The End Of August" die Stimmung für das folgende Album, Adlibs verstärken den verträumten Einstieg. Gemeinsam mit "Doors" sind die zwei bei mir als Kopfwipper markiert, vor allem der zweite Track catcht mit seiner eingängigen Melodie und den prominenten Gitarrenakkorden.

Manchmal erkennt man die Dinge vor der Nase nicht als das, was sie wirklich sind. Davon singt Noah Kahan in "Doors" und thematisiert, dass er sich trotz Spotlight weniger gesehen fühlt. "Have you ever stared directly at the sun? / Have you ever shared some closeness, so exposed / To have it spit back by someone?"

Ohne Low kein High, deshalb folgt mit "American Cars" die Ernüchterung und auch der erste Stillsitzer. Die Klangwelt, die sehr einheitlich folkig und stomp-and-hollerig ist, zieht sich neben Track drei durch das gesamte Album. "American Cars" erinnert irgendwie an den Titelsong des Longplayers, nur leider als eher matte Version. Im Gegenteil dazu glitzert das nächste, ruhigere Tracktrio und lässt meinen Kopf sanft wippen. Noah Kahan wünscht sich den "Downfall" von jemandem im gleichnamigen Song herbei, nicht aber aus reiner Boshaftigkeit, sondern weil er weiß, dass dann die Person zu ihm zurückkommt - ein etwas toxisches Liebeslied. "Staying Still" ist dann auch für meinen Kopf angesagt, nur der Pre-Chorus bleibt hier im Gedächtnis.

Gekommen um zu bleiben sind die nächsten drei Kopfwipper. Im Titelsong "The Great Divide" schwelgt Kahan in Erinnerungen, obwohl er weiß, dass er heute mit der Person nichts außer der Vergangenheit gemeinsam hat. "I hope you settlе down / I hope you marry rich / I hope you're scarеd of only ordinary shit". Der Folk-Pop findet im typisch amerikanischen Setting statt - ziemlich relatable zeigt "Haircut". Wer kennt es nicht, wenn man sich nach einer Trennung auch eine große äußerliche Veränderung wünscht - Veränderung am Kopf für Veränderung im Kopf.

Dass Trennungen auch außerhalb von romantischen Beziehungen hart sind, thematisiert Noah Kahan in "Willing And Able". "And we stay up and fight 'bout the childhood lie / That we both had the courage to leave / I'm willing and able / If you wanna kick this rock around / If you've got a bone to pick with me" hört sich an wie Geschwister, die sich voneinander entfernen. Trotz zurückgelassener Heimat beim Auszug aus dem Kindheitszuhause wird man nicht automatisch als neue und bessere Version seiner selbst wiedergeboren, darauf macht der Musiker im Stillsitzer namens "Dashboard" aufmerksam.

Mein Kopf ruht sich in "23" weiter aus, nur um sich in "Porch Light" wieder zu bewegen. Könnte auch daran liegen, dass mich der Track sehr an "False Confidence" aus dem Debütalbum "Busyhead" erinnert, zu dem ich schon damals getanzt hab. Nicht nur melodisch ist der Track interessant, auch die Perspektive, aus der Kahan singt, denn sie ist nicht die eigene, sondern die seiner Mutter, bestätigte der Musiker.

"Deny Deny Deny" ist laut, "Headed North" ist leise, beide haben meinen starren Kopf zur Folge. Erschöpft und zart singt Kahan in "We Go Way Back" über Ruhe nach dem Sturm, der sich Tournee nennt. Erfolg ist kein leichter Weggefährte, trotzdem macht der Sänger nicht nur für sich, sondern auch für seine zukünftigen Kinder weiter "So they can watch me go to work, fall asleep on the couch / They'll say, "I wanna be you, but I don't wanna be that". Nach diesem Stillsitzer folgen bis auf "A Few Of Your Own" nur Kopfwipper. Mit Lyrics wie "This ain't Watertown, I'm on alien ground / I'm a collеge kid with my windows down" kreist "Orbiter" länger in meinem Bewusstsein. Es klingt nach dem unfertigen Versuch, die eigene Abgehobenheit vom normalen Leben zu verarbeiten. "Dan" lässt einen Kindheitsfreund von Kahan vermuten, der über Freundschaft hinaus, für die Zerrissenheit des Artists stehen könnte. Es ist ein unfertiges, ungefälliges Ende eines Albums, das viel in den Raum stellt, aber nichts final auflöst.

"The Great Divide" verarbeitet Kahans meteoritenhaften Aufstieg, die Schwierigkeiten, die dieser mit sich gebracht hat, und die Frage nach Zuhause und Liebe. Stilistisch stützt sich der Sänger immer wieder auf Naturbeschreibungen und amerikanische Redewendungen. Dabei hinterfragt er seine Existenz nicht nur selbst kritisch, sondern hält auch der Perspektive seiner Freunde und Familie einen Platz am Mikrophon frei. Und um jetzt nochmal auf das Ranking zurückzukommen: Endstand 13 zu 8 für die Kopfwipper.

Trackliste

  1. 1. End Of August
  2. 2. Doors
  3. 3. American Cars
  4. 4. Downfall
  5. 5. Lighthouse
  6. 6. Paid Time Off
  7. 7. Staying Still
  8. 8. The Great Divide
  9. 9. Haircut
  10. 10. Willing And Able
  11. 11. Dashboard
  12. 12. 23
  13. 13. Porch Light
  14. 14. Deny Deny Deny
  15. 15. Headed North
  16. 16. We Go Way Back
  17. 17. Spoiled
  18. 18. All Them Horses
  19. 19. A Few Of Your Own
  20. 20. Orbiter
  21. 21. Dan

Videos

Video Video wird geladen ...

Weiterlesen

LAUT.DE-PORTRÄT Noah Kahan

Es gehört viel dazu, ein Genre zurück in den Mainstream zu bringen. Vor allem den Indie-Folk: Das ist eigentliche in Genre, das sich in seiner Natur …

Noch keine Kommentare