laut.de-Kritik

Zwischen Blind Guardian und DragonForce.

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Witzischkeit kennt keine Grenzen? Mitnichten! Im Heavy Metal wie in der Fantasy gilt: Dies ist eine ernste Angelegenheit. Da kenne ich kein Pratchett und kein Pardon. Umso ärgerlicher, dass Power Paladin auf "Camelot Rock City" wie einst König Arthur mit Kokosnüssen statt Pferd die Burg betreten: Die Gitarren blasen fröhlich zur Fanfare, die Riffs galoppieren kraftlos, und Sänger Atli Guðlaugsson hüpft herum wie ein Hofnarr.

Doch zum Glück ist dies der einzige Ausfall und Comedy-Track auf "Beyond The Reach Of Enchantment", dem zweiten Album der Isländer Power Metaler. Die restlichen Tracks finden wie auf dem Debüt ihren Sweet Spot zwischen Blind Guardian, Helloween und DragonForce. Dabei schalten sie in Sachen Härte und Variabilität sogar noch einen Gang höher. Vom Start weg gilt für Power Paladin: Macht Schwerter zu Gitarren. "Sword Vigor" startet mit einem astreinen Metal-Riff à la Priest, die Drums wirbeln wie Drizzt Do'Urden über das Schlachtfeld. Guðlaugsson entdeckt seine Liebe für Rob Halford und Klaus Meine und schreit sich auf höherem Tonniveau die Seele aus dem Leib. Nur den kurzen Spielotheken-Synthie in Minute drei hätte es nicht gebraucht.

Die erste Schlacht erreicht ihren Höhepunkt, als Drummer Júlíusson auf "Glade Lords Of Athel Loren" das Tempo noch einmal erhöht. Doublebass, Blind Guardian-Breaks und Gesangsharmonien entladen sich im mächtigen Refrain. In den Lyrics wird eine Geschichte aus einem Teil der Warhammer-Welt erzählt, in der Elfen gegen das Chaos kämpfen. Kongenial zur Story baut die Band Mittelalter-Folk-Anleihen und gar Growls ein, die sich mit Klargesang im Kampf Licht gegen Schatten duellieren. Auch das Duell der Gitarristen Jóhannsson und Thorisson symbolisiert den Tanz der magischen Klingen.

"The Royal Road" drosselt das Tempo wieder, große Chöre und mitreißender Schlager-Mosh wechseln sich im Refrain ab. Der Power Metal-Track leitet jedoch nur zu einem wahren Geschoss an Song über: "The Arcane Tower". Guðlaugsson und Majestica-Gastsänger channeln ihr inneres Kiske-Deris-Duo, Júlíusson erinnert sich wieder an die Doublebass und die Band an ihre Liebe zu Blind Guardian. Hier stimmt alles, von den Soli über die Strophen bis hin zum sphärischen Mittelteil. Besser kann man melodisch-hymnischen Speed Metal nicht spielen.

Auf "Aegis Of Eternity" überrascht Guðlaugsson kurz mit dunklem, kräftigem Gesang, um dann im Refrain wieder die Flügel aufzuspannen. Helloween pur. "Keeper Of The Crimson Dungeon" schwingt statt Schwerter eine schwere Streitaxt. Bombast und Leichtigkeit treten bei dem astreinen Metal-Track ein wenig in den Hintergrund. Diese Seite steht Power Paladin ebenfalls richtig gut und lässt für die Zukunft einiges erhoffen.

Vorerst beenden die Isländer ihr Zweitwerk aber gebührend mit dem neunminütigen Epos "Valediction". Vom Akustikintro über den Hochgeschwindigkeitszug bis zu astreinen Midtempo-Mosh-Parts, die jede Thrash-Band mit Kusshand nehmen würde, und einem wundervollen Prechorus, der von "Imaginations from the Other Side" stammen könnte, fügt sich alles wie von Geisterhand stimmig zusammen.

Mitreißend wie das Debüt erreichen Power Paladin vier Jahre später das nächste Level. Diese Band gehört nicht auf die Partystage, sie ist bereit für die große Bühne. Metal ist eben eine ernste Angelegenheit, alles andere ist Tankard.

Trackliste

  1. 1. Sword Vigor
  2. 2. Glade Lords Of Athel Loren
  3. 3. The Royal Road
  4. 4. The Arcane Tower
  5. 5. Aegis Of Eternity
  6. 6. Camelot Rock City
  7. 7. Keeper Of The Crimson Dungeon
  8. 8. Valediction

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