laut.de-Biographie
Ray Lozano
"Ich habe mir drei Begrifflichkeiten in den Kopf gesetzt", erklärt Ray Lozano gegenüber WDR Cosmo ihre Prioritätensetzung. "Ehrlichkeit, Verbundenheit und 'Kapwa'." Bitte, was? "'Kapwa' ist ein Begriff aus dem Tagalog, der Sprache der Philippinen. Er bedeutet 'I am we' - also 'Ich bin du und du bist ich'. Es geht darum, dass wir uns gegenseitig spiegeln und in Verbundenheit bleiben."
Das klingt ausgesprochen wholesome. Kein Wunder, dass Ray Lozanos Musik so vielen Menschen Anknüpfungspunkte bietet, und das keineswegs nur in ihrer Heimatstadt Köln: Die Streamingklientel der Sängerin, Songwriterin und Produzentin sitzt unter anderem in Los Angeles, London, Sidney und Melbourne und beschert ihr locker Aufrufe im mittleren zweistelligen Millionenbereich. Als "die derzeit womöglich erfolgreichste unbekannte Musikerin" beschreibt sie ihr Label Melting Pot Music Mitte der 2020er Jahre.
Ihre Geschichte beginnt, wie so viele, zu Hause. Als Spross einer philippinisch-deutschen Familie kommt Ray Lozano in Köln zur Welt. Musik ist zu Hause allgegenwärtig, der ältere Bruder ist Pianist. Ray Lozano schaut ihm auf die Finger, interessiert sich bald aber mehr für die Bassflöte, über die sie zum Saxofon findet. Eher zufällig, so erinnert sie sich später gegenüber dem Blog musikmachen.de, stellt sie fest, dass sie singen kann: "Ich hab' dann ganz schnell gemerkt, dass das genau das Instrument ist, das mich am meisten herausfordert und mit dem ich mich am besten ausdrücken konnte."
Ray Lozano hat obendrein das Glück, eine Schule zu besuchen, die musikalisches Engagement fördert. Vernetzung mit anderen Musikinteressierten ist also kein Problem, sie engagiert sich in verschiedenen Projekten, Bands und Chören und beginnt nach einem Logic-Kurs, in ihrem Kinderzimmer ihre eigenen Playbacks zu produzieren - "auf schrottiger Software", wie sie später sagt.
Soul, Hip Hop und Jazz nennt sie als musikalische Einflüsse. Als wahren Augenöffner erlebt sie aber mit 15 ein Album von Jill Scott. Wie sehr sie das als Künstlerin geprägt hat, erzählt sie in einer Gastkolumne im Magazin Off Key: Sie, die sich immer als "zu weiß für meine philippinischen Tanten, aber zu asiatisch für manche Deutsche" empfunden habe, findet in der Kollegin eine Art große Schwester, zu der sie aufschauen und von der sie lernen könne.
Paradoxerweise führt die ständig gestellte Frage "What would Jill Scott do?" nicht dazu, dass sich Ray Lozano zu einer bloßen Kopie entwickelt: Sie erkennt, dass neben Musikalität und Storytelling auch Authentizität und Ehrlichkeit wichtig sind, wenn ihre Kunst die Herzen der Menschen erreichen soll. "Jill Scott hat mir dabei geholfen, als Songwriterin meine eigene Stimme zu finden."
Trotzdem tritt sie zunächst in die zweite Reihe zurück und hat damit auch gar kein Problem: "Im Hintergrund zu stehen, hat mir nie was ausgemacht. Den/die Leadsänger/in zu supporten und meinen uniquen Soundteppich zu legen, sich mit der Band auf einer anderen musikalischen Ebene zu verbinden, fand ich immer reizvoll." Erste Auftritte hatte Ray Lozano mit einer Coverband in kleinen Bars, aber schnell gemerkt, dass das nicht so wirklich ihr Ding ist. Stattdessen singt sie fortan Backingvocals für Max Herre und Mark Forster, Revolverheld und Jan Böhmermann, Yvonne Catterfeld und Joy Denalane. Letztere nimmt sie als Supportact mit auf Tour.
Wie bei quasi allen Kolleg*innen, die von heute auf morgen ihrem Beruf nicht mehr nachgehen können, dreht die Corona-Pandemie auch bei Ray Lozano alle Regler auf Null. Ihr Solo-Debüt "Pairing Mode" erscheint zwar erst im Frühjahr 2023, birgt aber die Erfahrungen aus dieser seltsamen Zeit: Eine Reihe Soundschnipsel hat die Musikerin da versammelt, die allesamt verschiedene Facetten des Alleinseins spiegeln.
"Nur weil etwas kurz ist, gibt man sich ja nicht weniger Mühe", rechtfertigt sie die Skizzenhaftigkeit der Songs, die kaum je über die Ein-Minuten-Marke hinauskommen. "Man hat alles gesagt, das hat mir persönlich dann auch gereicht." Sie habe den Moment einfangen und auch den Zeitgeist mit seinen immer kürzeren Aufmerksamkeitsspannen spiegeln wollen. "Musikalische Polaroidaufnahmen", so nennt sie es selbst.
Für das in Gänze gerade einmal eine Viertelstunde lange Werk hat Ray Lozano mit ihrem Producerkollegen Samon Kawamura zusammengearbeitet, über den sie sagt: "Samon inspiriert mich einfach. Ich kann mit ihm musikalisch Dinge ausprobieren, die ich mich vielleicht sonst alleine gar nicht so traue, weil ich es mir selber nicht zutraue. Und das kitzelt er auf eine ganz natürliche Art und Weise raus."
Die Fachpresse stört sich nicht an der Kürze. Vom Spiegel bis zur BBC preisen alle unisono den modernen Ansatz von Indie-Soul, den Ray Lozano und Samon Kawamura auf "Pairing Mode" vorlegen. Neon-ghosts.de verortet es "auf einer Wellenlänge mit Solanges 'When I Get Home'" und attestiert Ray Lozano die "Eigensinnigkeit einer Tierra Whack". Die Stadt Köln ehrt sie mit dem Holger Czukay Preis in der Kategorie "Zukunftspreis", mit folgender Begründung:
"Die philippinisch-deutsche Musikerin, Sängerin, Produzentin und Multi-Instrumentalistin Ray Lozano präsentiert auf ihrem Debüt-Album 'Pairing Mode' sehr erfrischenden und authentischen Hip Hop und Soul. Ray Lozano beweist ein herausragendes Gespür für innovative und zukunftsweisende Sounds. Ray Lozano hat für ihr Debüt-Album eine besondere Form gefunden, die als Kommentar zur Streaming- und Social-Media-Ära verstanden werden kann. Keiner der Songs ist länger als zwei Minuten, typische Popsongstrukturen bleiben außen vor. Ihr außerordentlich nuancierter Gesang deckt ein breites Spektrum an Gefühlen ab. Sie spielt mit kleinen Irritationen, kann aber mit ihrer Stimme auch den ganzen Raum einnehmen."
Das 2025 nachgelegte Album "Silk & Sorrow" macht vieles ähnlich gut, eins jedoch ganz anders: Es verliert sich nicht wieder ihm Snippet-Charakter. Ray Lozano liefert Songs, die diese Bezeichnung auch wirklich verdienen, und lotet thematisch diesmal innere Widersprüche aus, etwa die Sehnsucht nach Nähe bei gleichzeitiger Angst vor Verletzungen. Abgesehen davon vertraut sie auf Bewährtes: Wieder lässt sie sich von Samon Kawamura als Ko-Produzent assistieren, wieder veröffentlicht sie beim Kölner Label Melting Pot Music.
Musikmachen sollte Spaß machen, das steht für Ray Lozano felsenfest. Für den Fall, dass es einmal nicht rund laufen sollte, hat sie das Gegenmittel für sich längst gefunden: "Auch, wenn meine eigene Musik sich vom Oldschool-R'n'B der 2000 längst entfernt hat, höre ich immer noch 'Who Is Jill Scott?', wenn mich einmal eine Art Schreibblockade befällt. Ich gleite dann einfach für einen Moment wieder in diesen Zustand der Leichtigkeit, um mich daran zu erinnern, warum ich eigentlich tue, was ich da tue. Warum ich so sehr liebe, Musik zu machen und in meinen Songs Geschichten zu erzählen."
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