laut.de-Kritik
Gemischtwarenladen mit einigen Knallern im Angebot.
Review von Philipp KauseDie Tedeschi Trucks Band um Susan Tedeschi und Derek Trucks stand stets für ausgeprägtes Retro-Feeling und keinesfalls für die Zukunft. Insofern leitet der neue Albumtitel "Future Soul" in die Irre.
In "Who Am I" singt Susan selbst, "oh, hear call of the old-fashioned tune". Was sich das Tentett - zwölf Leute, wenn man die Background-Sänger mitzählt - wünscht, ist allerdings eine Zukunft voller Soul, wie sie unter Grunge-Riffs und sich aufbäumender Blues-Metal-Gitarre im Titellied darlegen: "... hope the future's got soul in it".
Wie wichtig es ist, die Background-Stimmen Alecia Chakour und Mark Rivers mitzurechnen, beweist das mehrstimmig superharmonische "I Got You". "Es fühlt sich wie die Band an, aber es fühlt sich nicht wie etwas an, was wir zuvor gemacht haben", ordnet Trucks den Track ein. Nun, mag sich so anfühlen, und sicher platzt diese Platte schier vor Intensität, reiht sich aber doch recht wiedererkennbar in den bisherigen Katalog der seit 16 Jahren aktiven Gruppe ein.
Sie taktet mit einem einprägsamen Funk-Groove die Platte auf. Auszug aus der Lyrik: "As a man made of steel I was livin like a life gave all I could give and I took all I could take". "Crazy Cryin'"Freude am Proggen führt das lärmige "Hero" auf.
Das süß georgelte "What In The World" mit sumpfig ungefähren Dröhn-Tönen aus dem Blues- und Southern Rock-Register bereichert ebenso das Spektrum wie der Boogie-Rock'n'Roll in "Be Kind" mit einem taktvoll an den Tasten gleitenden Gabe Dixon. Blues-Gegniedel im Stile der Allman Brothers hagelt es im wogenden, ekstatischen und gleichwohl holzig-rustikalen "Devil Be Gone", vom Grundgefühl her wieder einmal einer Grateful Dead-Reinkarnation einschließlich erdigen Swamp-Blues-Takten von Minute 2:36 bis 3:16.
Trotz des "Future Soul" im Titel und des glibberigen Grafikdesigns im Artwork dominiert hier keine Soulmusik: Wie jede andere hineingemischte Musikrichtung der TTB-Rezeptur bekommt der Soul in der 'Pi mal Daumen'-Mixtur vieler Einflussquellen seinen Platz eingeräumt und trägt zum Gesamtbild bei. "Under The Knife" mit verteilten Stimmen handelt thematisch von der Seele, strahlt als warmer, sonniger und bläsergeprägter Psychedelic Folksoul. Gerade Saxophon (Kebbi Williams), Posaune (Elizabeth Lea) und Trompete (Emmanuel Echem) spielen untergeordnet in die Produktion mit hinein.
Mike Elizondo zeichnet verantwortlich für die Frage, welche Zutat an welcher Stelle mehr oder minder zum Vorschein kommt und wie sich die Tracks dann im Set anordnen. Elizondo, renommierter Hip Hop-Producer aus der Liga von Dr. Dre bis Eminem, hat zuletzt Sheryl Crows Stil reformiert und ihre Geschichten auf "Evolution" erfolgreich umverpackt. Als Multiinstrumentalist und Produzent prägte er den Sound von Lauren Daigle, von ihm stammen Platten wie Eli Paperboy Reids "Come And Get It" oder Avenged Sevenfolds "Nightmare", und er sorgte mehrmals bei Gary Clark Jr. für den entscheidenden Schliff.
Trotz seiner Star-Produktion liegt eine authentische Platte vor, die markig und farbenfroh manchmal mitreißt, manchmal zum Zurücklehnen einlädt. Heraus kommt einerseits ein Gemischtwarenladen, andererseits ein gut durchflowender, durchhörbarer Longplayer, der bei aller Mosaikartigkeit abgerundet wirkt. Die größten Stärken von "Future Soul" wurzeln im Rod Stewart-mäßig raspelnden und gleichwohl glasklaren Gesang in Balladen wie "What In The World", "Ride On", "Shout Out" oder "Who Am I", hinzu kommend der Spitzenmusikalität, den tollen, geschmackvollen Arrangements und in der durch und durch atmosphärischen Klang-Couleur.


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