laut.de-Kritik

Neue Stimme, alte DNA.

Review von

Für Metalcore-Bands mit Erfolgsgeschichte gibt es kaum eine größere Herausforderung als den Besetzungswechsel auf zentraler Position. In der Mixtur aus Härte und Soft Skills schlägt das Herz auch für The Amity Affliction im Bereich der Clean Vocals. Über all die Jahre hatte Ahren Stringer nicht nur die Basslines beigesteuert, sondern auch über seine engelsgleiche Stimme einen Wiedererkennungswert etabliert. Jetzt soll es ohne ihn, aber mit Gesang weitergehen.

Das muss keine schlechte Nachricht sein, denn zur Wahrheit gehört auch: Es brauchte eine Veränderung, wenn sich die Australier noch mal aus dem stagnierenden Status des letzten Jahrzehnts herauslösen wollen. Seitdem sie sich mit "Youngbloods", "Chasing Ghosts" oder "Let The Ocean Take Me" furios zum heißen Scheiß der Szene aufgeschwungen haben, ist der nächste Schritt ausgeblieben. Die immer gleichen Songschablonen haben sich inzwischen in der stets schwermütig bis depressiven Grundstimmung abgenutzt. Das konnte auch Stringers Gesangstalent zuletzt nicht mehr kaschieren.

Als Eins zu Eins-Ersatz übernimmt Jonathan Reeves von den Kaliforniern Kingdom of Giants das Mikrofon. Trotz neuer Stimme wagen The Amity Affliction nur leichte Verschiebungen in ihrer DNA. Grundeigenschaften bleiben unangetastet. Der Teufel verbirgt sich im Detail. Auch wenn die hohe, klare Stimmfarbe an den Vorgänger erinnert, hinkt der Vergleich. Der Titeltrack zu "House Of Cars" legt gleich offen, wie schnell sich die Vocals einem austauschbaren KI-Sound nähern. Gleichzeitig beschränkt sich der Einsatz auf wenige Dosen. Über die komplette Spielzeit übernehmen die Hooks eine ergänzende Rolle. Zugunsten von mehr Härte liegt der Fokus auf dem bereits bekannten Shout-Spektrum von Joel Birch.

In Momenten sogar nah am Death Core grunzt der Frontman besonders die tieferen Lagen. "Kickboxer" oder "Reap What You Sow" sparen sich jeden Anflug von Melodie, um allem Verdruss ein perfektes Ventil zu liefern. Zum Ende läuft die Double Base in "Eternal War" auf Whitechapel-Niveau heiß. Erst damit gelingt es wirklich, den brutalen Abriss mal authentisch in die Tat umzusetzen, statt ihn nur krampfhaft anzudeuten.

Drum herum bleibt die Akzentuierung in Richtung finstere Aggression instrumental und im Song-Writing zu indifferent. Besonders ohne das Wechselspiel mit den gegensätzlichen Clean-Passagen verlieren sich Birchs Shouts in Monotonie. Ein Phänomen, das die Band schon lange begleitet. In "Speaking Tongues", "Afterlife" oder "Swan Dive" befruchten sich beide Elemente gegenseitig. Ganz zum Trotz aller aufkommenden Störgefühle angesichts des glatt produzierten Klargesangs gewinnen die Tracks so automatisch an Format.

Im Gesamteindruck überwiegen jedoch all die uninspirierten Aspekte der Platte. Mit "Vida Nueva" und "Beso De La Muerte" trüben inhaltsleere Kurztrips in den spanischsprachigen Raum das Bild. Über soliden Metalcore geht die Chose zu keinem Zeitpunkt hinaus. "Break These Chains" erinnert noch mal daran, dass die ständige Wiederholung der immer gleichen Leadzeile nicht zu den besten Ideen zählt. Verstörende Techno-Samples täuschen in "Bleed" nicht über die fehlende Dramaturgie im Songwriting hinweg.

Absurd, dass Stringers letzter Auftritt auf "Not Without My Ghosts" eigentlich noch mal jede Menge Potenzial aufblitzen ließ. Mit neuer Stimme und einer verstärkten Gewichtung der harten Gangart haben sich "The Amity Affliction" in eine Sackgasse der manövriert. Die eigene Identität hat zu viel Substanz verloren. Für treue Fans erfreulich werden Basiselemente immerhin ins Ziel gerettet. Vielleicht lässt sich darauf noch mal aufbauen?

Trackliste

  1. 1. Vida Nueva
  2. 2. Kickboxer
  3. 3. House Of Cards
  4. 4. Heaven Sent
  5. 5. Bleed
  6. 6. Break These Chains
  7. 7. Beso De La Muerte
  8. 8. Swan Dive
  9. 9. Speaking Tongues
  10. 10. Afterlife
  11. 11. Reap What You Sow
  12. 12. Eternal War

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1 Kommentar

  • Vor 2 Sekunden

    Super Album, ich liebe die raue Wucht. Joel Birch ist ein stimmgewaltiges Monster, das Emotionen so direkt greifbar und brutal vermittelt wie fast kein anderer im Genre. Die Cleans fallen da etwas ins Generische, okay, aber Reeves weiß schon, was er da macht, KoG-erprobt wie er ist.
    Die Loblieder auf Stringer verzerren auch etwas den Status, dass er u.a. federführend beim Electroquatsch-Album "Misery" war, das die Band fast aus der Kurve warf.