laut.de-Kritik
Leichte Schwere aus den Verstärkern.
Review von Philipp KauseVerschiedene Gedankenkonzepte auf der Welt stellen sich Ganzheitlichkeit vor. In der Anthropologie heißt das Holismus, alle Lebensbereiche beeinflussen sich wechselseitig in einem System. Bei den Rastafarians steht dafür die Zahl 9, da so viele Monate eine Schwangerschaft dauert, bei Wolfgang Schäuble und Christian Lindner war es die 'Schwarze Null' fürs Kaputtsparen eines Systems von allen Seiten, James Taylor und Ray Lema glauben an "Gaia".
Bei Tito Larriva und seiner Garage-und-mehr-Band Tarantula steckt auch alles in einem, die Liebe, die Natur, das Chaos der Welt, Zeit, Raum, das Paradies, die Zerstörung und sämtliche Musikstile, die seit der Schellackplatte bis zur Trennung von Soundgarden irgendwo - einschließlich Mexiko - Rock-Historie schrieben.
Titos Ganzheitlichkeit auf "!Brincamos!" umfasst den Universalismus aus tief sitzenden Blues-Wurzeln und ungebrochener Faszination für Verstärker-Musik der ersten Stunde ("Sneer At The Drummer"), aus der Liebe zu harmonischen Arrangements mit Doo-Wop-geschultem Background-Gesang und Hippie-Flowerpower-Stimmungen ("Be Someone") und aus dem Talent für herzhaften Stoner Rock ("Red Shoes"). Eine Latin-Variante von gleichzeitig The Velvet Underground und Television kennzeichnet den Opener "X The Soul", und selbst für Belcanto-Gesäusel mit Easy Listening im Klassik-Maßanzug ("Wasp") ist Tito sich nicht zu schade.
Als heißes Highlight mimt er in spastischem Spanisch einen Typen, der verzweifelt Sätze spuckt, wie ein Drogenkartell-Boss in Panik, kurz bevor seine Kokain-Lager aufgedeckt werden. "Clavo Y La Cruz" nennt sich das schauspielerische Meisterstück. Es balanciert zwischen Chicano-Soul und den Persiflagen Weird Al Yankovics.
Fans von Chuck Prophet, Midnight Oil und vielleicht auch Giant Sand werden sich im "Slow Dream" schnell zuhause fühlen. "99 Point 9" ist dagegen ein Fall für die Leute mit Eddie Cochran-Postern im Keller und allen Konfigurationen von The Whos "Tommy", BluRay bis Vinyl, im Schrank. "We Danced" geht trotzdem raus an fortgeschrittene Lambchop-Follower, und "Everybody Needs" kehrt den Singer-Songwriter nach vorne und lässt sich eher dem Publikum des Go-Between Robert Forster zuordnen.
Eigentlich kommt Tito aus dem Punk, und in seiner Einstellung merkt man das: Genre-Grenzen sind anarchistisch nieder zu reißen, denn es ging sowieso eines aus dem anderen hervor und verband sich wieder mit etwas weiterem. Über "!Brincamos!" schweben gleichermaßen die Leichtigkeit von Surfpop und die Schwere von Grunge, all das gehört zum Leben dazu.
Sein Top-Masterpiece auf diesem Album hätte eigentlich Dan Auerbach auf den Plan rufen müssen. Der Black Key ließ sich doch tatsächlich diese Scheibe für sein Label Easy Eye durch die Lappen gehen. Dabei würde nichts besser dort ins Programm passen. Der fuzzy zitternde Wüstenrock in "The Price" zieht eine ganz intensive Stimmung nach sich. Das Timing im Lied und die Vocals zum ausgesprochen schönen Text, die sitzen einfach. "In the darkness of the night, underneath the pale moon light (...) with flames of love that burn through time. / They walk the earth hand in hand - watching chaos with the land (...) as human love comes and goes / eternal love forever bound, broken chains lay on the ground." - Zarteste Background Vocals umschmeicheln die eingefrorenen Riffs. "The Price" ist bisher eine der besten Aufnahmen dieses Jahres und neben "Clavo Y La Cruz" ein zweiter Grund, wieso man diese Scheibe unbedingt gehört haben sollte, sobald man sich ein bisschen für E-Gitarren und kuriose Kultur-Höhepunkte interessiert.
Noch keine Kommentare