laut.de-Kritik
Wiener Lieder voller Seele und Schwermut.
Review von Kerstin KratochwillDrei Jahre nach dem dunklen "Wie die Nocht noch jung wor" versucht der Singer-Songwriter Voodoo Jürgens auf seinem mittlerweile vierten Album eine sanfte Neu-Erfindung, um seinen inzwischen zahlreich gewordenen Epigonen davon zu eilen. Doch wie heißt es in Wien so schön – nur ned hudeln. Und so finden sich auch auf "Gschnas" die typischen Voodoo-Versatzstücke wie Wiener Lied, Wirtshaus-Melancholie und Tom-Waits-Schmerzensmomente – aber eben mit einer unglaublichen Ruhe und Nonchalance neu justiert.
Wunderbar gibt er so auch wieder den österreichischen Leonard Cohen im zart tropfenden "Kassiber". Die Balkan-Rhythmen finden sich vermengt mit vertrackten Beats in "De An Und De Aundan", Fünfziger-Jahre-Nostalgie schwingt in "Da Dings" mit, und der Beisl-Schmäh breitet sich bräsig beim "Taxitänzer" aus – auch ohne "Tanzschein"*...
Apropos: Niemals geht man in Wien auf eine Faschingsparty, man geht auf einen Gschnas, und das natürlich möglichst lässig. Ein Gschnas steht aber auch für wertlose Kunsterzeugnisse (charmant und cool in dem Zusammenhang, dass das Plattencover vom Künstler selbst gemalt ist). Beides zusammen heißt dann, einfach möglichst kaputt und zerschlissen zu so einem Fetzenball zu gehen.
Ungezwungenheit und Unbekümmertheit sind also die neuen Zutaten im Zaubertrank der neuen melodisch umarmenden Songs. Und so heißt es im Titelsong: "es soi Faschingskropfn regnan (...) und alle soin was davon haum". Doch Voodoo wäre nicht Voodoo, wenn es jetzt allzu paniert und gezuckert wird, auch den elendigen Zweifel und die mitleidslose Schlaflosigkeit beklagt er mit spukhaften wie gespenstigen Songs.
Im melodisch zum Text kontrastrierenden Schlaflied "Ka Ruah" deckt er uns am Ende des Albums doch noch zu mit Weisheit und Wiener Lied, wenn er sich wünscht "Hirnkasl oschoitn, in Morpheus Oame liegn", doch man ist mit Sorgen gefüllt und finden keinen Schlaf bis ... "du merkst, dass langsam a Liad auf deine Lippn wochst".
*Titel des österreichischen Beitrags zum ESC 2026. Den dieses Jahr in Wien stattfindenden Eurovision hält Voodoo Jürgens für "nicht wirklich für Musik".


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