laut.de-Kritik
Mit Brandon Flowers und Phil Collen zurück in die Achtziger.
Review von Kai ButterweckAls musikalisches Sprachrohr der amerikanischen Arbeiterklasse füllt Bruce Springsteen seit einem halben Jahrhundert die größten Stadien. Einer seiner Fans hört auf den Namen Brian Fallon: Auch der The Gaslight Anthem-Frontmann präsentiert sich als geerdeter Verfechter kerniger Heartland-Werte.
Irgendwo dazwischen, mit etwas mehr Pop-Appeal, aber ähnlich bodenständig, rockend, nimmt der Kanadier Bryan Adams seine Fans mit auf Reisen in bessere Welten. Letztgenannter und dessen Werk "Run To You" sowie die ruhigeren The Police-Momente nennt Brian Fallon als Referenz, wenn es um das Klangbild seines fünften Soloalbums "Not Bad For New Jersey" geht.
Und ja, die Verbindung zwischen dem rockenden Opener und Adams' Arena-Großtaten der Achtziger ist nicht von der Hand zu weisen. Auch Fallon hat das Gespür für große Melodien. Wenn satte Chöre dem eh schon ohrwurmträchtigen Refrain noch mehr Schub verleihen, grinsen Fallon und seine The Painkillers-Bandkollegen über beide Ohren. Rim Clicks sind genauso gerne gehört wie ordentlich Hall auf der Snare ("Better Before"). Brian Fallon versucht sich an einem Brückenbau zwischen den Achtzigern und dem Hier und Jetzt.
Gemeinsam mit dem kanadischen Folk- und Countrysänger Donovan Woods ballt Brian Fallon die Fäuste und positioniert sich breitbeinig und mit geschwollener Halsschlagader in der Gesangskabine ("The Big Sleep"). Gemeinsam mit Lori McKenna sitzt er am Lagerfeuer und besingt mit traurigem Unterton das unrühmliche Ende einer zerrütteten Beziehung ("On Good terms"). Ähnlich ruhig und folkig geht es auf "Love At The End Of The World" zu. Fallon und The Killers-Mastermind Brandon Flowers vereinen sich in einem melancholischen Duett.
Zwischendurch wird natürlich immer wieder gerockt. "Nobody Likes You In NYC" und das gemeinsam mit Def Leppard-Gitarrero Phil Collen eingespielte "Somewhere You Shouldn't Be" klingen dabei wie verschollene "Zurück In Die Zukunft"-Soundtrack-Stücke. Zwischen den Breaks und Bridges geht es bisweilen erdig und kompromisslos zur Sache. Aber das große Ganze strahlt stets auf Hochglanz poliert.
"Fading On Me" klingt wie der kleine Bruder von "Crown Of Thornes" aus der Feder von Mike Ness. Das mystische "Walkin' Through The Garden" kommt mit einem wunderschönen Refrain aus dem Dunkel ins Licht. Seite an Seite mit Avantgarde-Veteran Marc Ribot läutet Fallon dann das rockige Ende ein ("Wolf By The River"). Nach knapp vierzig Minuten ist die Zeitreise zurück in die Achtziger beendet.
Gut möglich, dass sich der eine oder andere The Gaslight Anthem-Fan ärger wird, dass Songs wie der Titeltrack oder "Nobody Likes You In NYC" nicht auf dem nächsten Longplayer der Hauptband landen werden. Ansonsten bleibt nicht allzu viel hängen. Die solide Mixtur aus Rock, Folk und klassischem Singer/Songwriter-Liedgut hätte 1985 wahrscheinlich mehr Aufsehen erregt. Im Spätsommer 2026 reißt man damit keine großen Bäume aus. Fallon ist trotzdem gut bei Stimme. Und passt das Songwriting passt und sitzt der Refrain, gibt es für Rockfans auch nicht viel zu Nörgeln.


4 Kommentare mit 5 Antworten
Hat ein bisschen zugenommen, der Brian, oder trägt er nur unglückliche Kleidung?
Ich hab Gaslight Anthem 2024 live gesehen. An dem Tag war die komplette Band außer Form, vor allem Brian Fallon. Stimmlich wie körperlich. Total zerzauselt und auch ziemlich in die Breite gegangen. Mittlerweile sieht er wieder gesünder aus.
Ich wollte gerade genau das selbe schreiben. War ein witziges Konzert, weil es die Band eigentlich gar nicht gebraucht hat. Knapp 3000 Jünger die die Hits mitsingen waren für einen guten Abend genug.
Um Fallon war ich danach aber wirklich besorgt.
Ja, der hat sich im Vergleich zu den Anfängen verdoppelt bis verdreifacht. Die Fotos sind noch vorteilhaft.
Seltsam. Erst steht da etwas von „Gespür für große Melodien“, und dann heißt es: „Ansonsten bleibt nicht allzu viel hängen“ – nachdem SÄMTLICHE SONGS aufgezählt wurden.
Ja, wie jetzt? Ist das nicht ein Widerspruch? Ist dem Rezensenten plötzlich eingefallen, dass er das Album ja gar nicht gut finden darf, weil es sich schließlich um 80s-Stadionrock handelt? Hat da etwa die Geschmackspolizei an der Tür geklingelt und gesagt: „Sie müssen hier auch Anspruch, Originalität und Indie-Appeal beachten, sonst werden Sie verhaftet und drei Wochen lang auf der Wache mit The King of Limbs von Radiohead gequält?“
Ganz ähnlich bei „Plattentests.de“: Viele lobende Worte, dann magere sechs von zehn Punkten. Leute, macht Euch locker! Wir haben alle zuweilen einen cringy Musikgeschmack.
Schöne Platte. Die Songs sind zuweilen ein bisschen einfach, aber komplett unverkrampft und mit optimistisch-warmer Grundstimmung. Man merkt, dass Fallon mit diesem Sound ganz bei sich selbst ist. Der Boss schreibt immer noch die besseren Texte, ein „Run to You“ ist vielleicht auch nicht dabei – aber gerade in den Sommermonaten sollte das hier wunderbar funktionieren. Einen Song wie „On Good Terms“ kann man eigentlich auch nicht viel besser machen.
Brian Fallon macht ein Brian Fallon-Album. Keine Innovationen, keine großen Überraschungen, durch und durch solide. Ich mag´s.
Yo. Ich finde auch, die Heartland-Einflüsse klingen hier um einiges unverkrampfter als noch gelegentlich bei The Gaslight Anthem. Er macht das, weil er komplett Bock drauf hat.
Ist er eigentlich immer noch Kreationist?
I believe. Er redet nur nicht mehr drüber