laut.de-Kritik
Leicht, seicht und einfach so.
Review von Manuel RautheFrancesco Wilking ist mit AnnenMayKantereits Christopher Annen zusammen aus Versehen ein Album passiert. Wilking hat sich von seinen Bands Die höchste Eisenbahn und Tele eine kleine Auszeit gegönnt. Man musiziert halt ein bisschen vor sich hin mit den Leuten der deutschen Indie-Bubble, die Wilking allesamt persönlich kennt, wie Annen ihm im gemeinsamen Interview bei radioeins unterstellt. Und auf einmal entpuppen sich ein paar Jamsessions, an die sich Producer Fabian Langer mit einem Mikrofon angeschlichen hat, als fertiges Album.
Wenn man Wilking darüber reden hört, denkt man beinahe, ihm passiert das öfter. "Wir dachten dann, wir haben jetzt viele schöne Demos, mit denen wir dann irgendwas machen, und dann waren das aber schon die fertigen Songs", kommentiert Wilking den Entstehungsprozess im gemeinsamen Interview mit radioeins. Es wäre sonst schade gewesen um die über zehn Lieder, die nach den ersten zwei Recordingsessions fertig waren, ergänzt Annen. Nachdem die Wie- und Warum-Fragen mit einem "Einfach so" und einem Schulterzucken erschöpfend beantwortet sind, stellt sich jetzt die wichtigere Frage: Wie ist das Album denn so? Sind die Songs wirklich zu schade, um auf einer Festplatte zu vergammeln, oder wären sie da doch ganz gut aufgehoben?
Beide spielen in ihren Bands Gitarre und singen. Also wird auf dem Album hauptsächlich von zwei Akustikgitarren untermalt im Duett gesungen. Annens kehlige, jugendlich gebliebene Stimme harmoniert hervorragend mit der im Vergleich kernigen, tieferen Stimme Wilkings. Auf dieses Grundgerüst werfen sie gelegentlich poppige oder rockige Drums und instrumentieren mit Banjo, Trompete oder Synths entsprechend weiter. Es ist bezeichnend, dass ich nach dem ersten Hören circa eine halbe Stunde lang einen hartnäckigen Beatles-Ohrwurm vor mich hin gesummt habe, bevor mir Melodien aus diesem Album im Kopf geblieben sind. Sind sie dann aber doch.
Die Texte handeln oft von nichts Konkretem, Alltagsfloskeln, die jeder kennt, werden fragmentiert eingestreut, kommen und gehen, wie sie gerade Lust haben. "Ich ess meine Nüsschen, der Morgen fühlt sich weich an", "Ich saug den Flur, mach das Fenster zu ohne zu speichern." Sie sind poetisch genug, um nicht sofort zu verraten, was gemeint ist. Manchmal transportieren sie ein Gefühl, das man intuitiv versteht, manchmal versteht man es nicht, und das ist auch okay. Insgesamt weiß man irgendwie, wovon die beiden reden, oft ohne den Finger genau drauflegen zu können.
Das Album enthält 15 Titel zwischen Indiepop, Rock zu Folk. Das treibende Akustikgitarrenriff des titelgebenden Introtracks legt einen Start hin, der Laune macht. Die nächsten Songs plätschern angenehm vor sich hin.
Ein erstes Mal wirklich aufhorchen lässt "Ich Hab Einen Wolf Gesehen". Endlich beschleicht mich nicht das Gefühl, die Melodien und Akkordprogressionen so ähnlich schon einmal bei den Beatles, Pink Floyd oder sogar Cros "Trip" gehört zu haben. Ein Pad, bestehend aus einem einzelnen, pulsierenden Ton, leitet den Song ein und zieht sich komplett durch. Der synchrone Gesang von Annen und Wilking ohne weitere Instrumente wirkt mystisch. Sie singen von einer Begegnung mit einem Wolf auf einer Lichtung. Die Melodie ist spannungsgeladen, der Hörer ist mit dabei. Eine Akustikgitarre löst die Spannung auf und taucht den Song in heimelige Lagerfeuer-Wohlfühlatmosphäre. Im zweiten Chorus setzt dazu ein sanfter, astraler Chor ein, in den man sich am liebsten reinlegen möchte.
Nachgehallt ist mir ironischerweise auch das Gegenprogramm dazu. Auf "Nicht Sehr Alt" trällert Annen ein albernes, kleines Liedchen davon, dass ihm seine Zimmerpflanze leidtut, die er in seinem Apartment sich selbst überlassen hat. Die Mundharmonika jammert der Pflanze hinterher, die Gitarre klimpert mit Leichtigkeit vor sich hin. Schönes Leben, wenn das deine Probleme sind. Und ein Positivbeispiel dafür, was rauskommen kann, wenn man nicht darüber nachdenkt, was mit der Musik dann passieren soll. Generell zieht die zweite Hälfte des Albums qualitativ an. Einziger Ausreißer nach unten in die Ödheit ist da "Gut Genug".
Am Ende haben die beiden Vollblutmusiker das Rad nicht neu erfunden, ihm nicht einmal einen sonderlich neuen Anstrich verpasst. Haben sie auch nie behauptet. Hätten sie vier, fünf Songs gestrichen und eine EP daraus gemacht, wär das auch okay gewesen. Trotzdem überzeugt ein Großteil des Albums einfach mit gutem Songwriting. Kann man auf jeden Fall so machen.
1 Kommentar
Klingt schön, leidet aber ein Stück weit am Jung, Brutal, Gutaussehend Syndrom. Und Willking ist dann der Kollegah, der die Highlights setzt.