laut.de-Kritik

Der erste Stern am schwarzen Nachthimmel.

Review von

Wir befinden uns in Europa zu Anfang der 1990er Jahre. Hardrock, Heavy Metal und ihre gängigsten Derivate sind bezüglich ihrer Popularität auf dem absteigenden Ast, was sicherlich an fehlender Innovation in der Musik liegen dürfte. Spielarten des Punk und Alternative Rocks dominieren schon bald die Charts, etablierte Acts der härteren Musik passen sich an, und es werden einige extremere Spielarten lauter, die bereits im Jahrzehnt davor aus dem Mainstream-Metal hervorgegangen sind.

Die wohl gruseligste zudem theatralischste nennt sich Black Metal und schwappt bereits in einer zweiten Welle durch die Räumlichkeiten zumeist jüngerer Hörer*innen. Auf die Vorreiter der ersten Welle wie etwa Venom, Hellhammer oder Bathory gehen Trademarks wie Gesichtsbemalung, das Kokettieren mit finsterer Symbolik und Lyrik sowie wie die meist legendär beschissene Qualität ihrer Aufnahmen zurück. Die Musik ist einfach, düster und unbequem, und man versteht sich anfangs darauf, mit Musik und Auftreten zu provozieren, ohne der Sache zu viel Ernst beizumessen.

Der Ernst betritt mit besagter zweiter Welle die mit Kerzen und Ziegenköpfen dekorierte Bühne, und die recht überschaubare Szene speziell in Skandinavien eskaliert völlig. Die Musik hat deutlich an räudiger Rohheit zugelegt, die Produktionen werden weiter vereinfacht. Satanische Zirkel und Bruderschaften werden gegründet, einige historische Kirchen abgefackelt und sogar Morde begangen. Eine detaillierte Schilderung würde den Rahmen hier sprengen, aber weitere Recherchen in die Richtung seien hier wärmstens empfohlen.

Obwohl auch Mitglied im eher homogenen, inneren Kreis der Szene-Protagonisten, tun sich die Norweger Emperor um Sänger, Gitarrist und Keyboarder Vegard 'Ihsahn' Tveitan mit wesentlich anspruchsvolleren Kompositionen hervor. Bereits auf der schlicht "Emperor" (1993) betitelten Debüt-EP finden sich erste orchestrale Sprenkel, die erst auf dem ersten Longplayer "In The Nightside Eclipse" (1994) eine tragende Rolle spielen. Es erscheint mit einiger Verspätung, da alle Mitglieder außer Tveitan stilecht längere Haftstrafen wegen einiger mehr oder weniger derber Straftaten zu verbüßen haben.

Emperors Erstwerk ist im Grunde das perfekte Black Metal-Album, in dem sich alle bis heute in der Genre-Peripherie vorhandenen Charakteristika in den einzelnen Stücken finden. Die beinahe bis zur Unkenntlichkeit verzerrten, bewusst hässlich vorgetragenen Barré-Arpeggios in häufiger Wiederholung und der intensive, markerschütternde Keifgesang erinnern an Nachbarn wie Mayhem oder Darkthrone. Im Gegensatz zu diesen sicherlich nicht weniger wichtigen Künstlern finden sich hier allerdings ausgeklügelte, ansprechend komponierte Arrangements in Addition zum garstigen Fundament. Der gelungene, dezente Einsatz von flächendeckenden Keyboards verändert die Stimmung des Albums in eine bisher kaum dagewesene Richtung.

Nach einem bedrohlichen, stockdusteren Intro, das klingt wie Schlachtenlärm in Delayschleife, fegt "Into The Infinity Of Thoughts" durch die eiskalten Hallen, die sich vor dem geistigen Auge errichtet haben. Sphärisch-epische Raserei in einem atemberaubenden Tempo, die typischen, überaus versiert gespielten Blastbeat-Drums und der ohne Textheftchen unmöglich zu verstehende, schnarrende Gesang vereinen sich zu einer ergreifenden Atmosphäre. In seinen guten neun Minuten Spielzeit wandeln sich die einzelnen Parts immer wieder, gehen ineinander über, ohne dass die Übergänge dabei schroff oder ungeplant wirken. Die orchestral, vokalähnlichen Tastenparts erscheinen dabei wie ein aufgerissener, klarer Nachthimmel, der den auffallend häufig besungenen Mond preisgibt und die Kälte spürbarer macht.

Bezüglich des lyrischen Inhalts sei die geneigte Hörer*in dazu angehalten, sich eigene Gedanken zu machen, da hier überaus interpretationsoffen zu Werke gegangen wird. Irgendwo zwischen heidnischem Paganismus, Naturmystik und dem natürlich unvermeidlichen Gehörnten finden die Texte ihre Mitte.

"The Burning Shadows Of Silence" macht schnell deutlich, dass es mit einem Hördurchlauf auf keinen Fall getan sein kann. Der direkt entstehende Eindruck von Chaos weicht vorerst nur schwer, die klirrende Dissonanz in der Musik trägt weiter dazu bei. Tempiwechsel in den sich stets verändernden Gitarrenriffs und kaum wahrnehmbare Abwandlungen in den einzelnen Rhythmusparts lassen den gestalterischen Anspruch immer weiter wachsen. Auch der Gesang variiert in Nuancen beim Gekeife und reicht bis hin zu orkigen Sprechparts. So widersinnig die Metapher eines dunkel scheinenden Lichts auch erscheinen mag, die Musik ist damit am besten umschrieben. Es herrscht mitnichten ausschließlich Finsternis und Brutalität, auch melancholische und seltsam beschwingte Sprenkel tauchen auf.

Das spacige "Cosmic Keys To My Creations And Times" mischt noch ganz andere Einflüsse und fast unerträglich vielseitige Melodien in den Opus. Die Beteiligung des ehemaligen Bassisten Mortiis, der sich zwischenzeitlich mit seinem eigenen, Fantasy Dark Ambient Projekt verselbstständigt und sich damit einen Namen gemacht hat, ist deutlich spürbar. Drohende, unbequeme Riffs stehen hier hellen, glockigen Keyboards gegenüber, die für sich klingen, als seien sie in einer brennenden Kirche entstanden. Elemente aus Space Rock, Doom und teilweise sogar räudigem Punk blitzen immer wieder hervor und betonen erneut, wie vielseitig Emperor zur Sache gehen.

Im ersten Eindruck wirkt "Beyond The Great Vast Forest" schon fast profan, weil sich nicht direkt überladende Soundlandschaften in den Raum ergießen. Es scheint eher so, als beginne das Stück einfach irgendwo mittendrin, was durchaus für Verwirrung sorgt. Der rote Faden ist dünn, aber vorhanden und wird mit Zeit immer fester gewoben. Wie eine Verschnaufpause wirkt es im Gegensatz zum folgenden "Towards The Pantheon", einem psychedelisch-kosmischen Monolithen, der zum ersten Mal unverzerrte Töne anschlägt, nur um sich mit Trommelfeuerdrums und einem schier unendlich langen, fiesen, durchdringenden Schrei in ein weltenfressendes Monstrum zu verwandeln. Epische Zwischensequenzen, spürbare, verzweifelte Melancholie und eine stetige, dramaturgische Steigerung lassen kaum Raum zum Atmen, die Spannung wird in einer Art aufgebaut, die man diesem wilden Genre kaum zugetraut hätte.

Das Staunen findet auch mit "The Majesty Of The Night Sky" kein Ende, ganz im Gegenteil wird hier noch eine weitere Facette dieses schillernd schwarz durch Raum und Zeit mäandernden Klangflusses sichtbar. Dem eingangs dreckig-rotzigen Inferno werden nach und nach die immer orchestraler anmutenden Keys hinzugefügt, mittelalterlich wirkende, hoch melodiöse Gitarrenlicks sorgen für ein bisher nur angedeutete Eingängigkeit. Spacige, psychedelische Klangpassagen münden in ein Zusammenspiel aus Orgel und rauschenden Windklängen, eine leise und düstere Erzählstimme jagt auch dem härtesten Ungeheuer einen Schauer ins Kreuz. Die folgende Raserei endet mit einer Explosion. So fesselnd und packend hat man das auch bis heute nur selten im Genre gehört.

"I Am The Black Wizards" gilt völlig zurecht als der Überhit der Band und sollte jedem Menschen geläufig sein, der sich, wenn auch nur rudimentär des Themas Black Metal angenommen hat. Verglichen mit den meisten Stücken des Albums haben wir es hier mit einer viel nachvollziehbareren und klar griffigeren Komposition zu tun. Das typische Riffing wird hier auf ein völlig anderes Niveau gehoben und unterlegt die zwischen verträumt und giftig schwankende Stimmung perfekt. Das später im Stück einfach langsamer gespielte Hauptriff stellt einen Geniestreich hinsichtlich des Abwechslungsreichtums dar.

Die Gefahr, es könne zu klar und am Ende sogar noch gefällig werden, wurde offenbar erkannt und mit dem abschließenden "Inno A Satana" noch einmal Öl ins Feuer gegossen. Der Raum voller Gitarrenriffs, die alle für sich genommen, meisterhaft erdachte Parts darstellen und durch saubere, chorartige Keyboards gegensätzlich untermalt werden. Ein finsterer, sakraler und würdiger Schlusspunkt.

"In The Nightside Eclipse" lässt sich natürlich ganz klar dem Black Metal zuordnen, ist aber in sich noch viel mehr als einfach ein Referenzalbum des Genres. Eher ein makellos arrangiertes, progressives Stück moderne Rockmusik, dem die anspruchsvolle Kür gelingt, die Keyboards zum unverzichtbaren Teil extremer Musik zu machen.

In der Rubrik "Meilensteine" stellen wir Albumklassiker vor, die die Musikgeschichte oder zumindest unser Leben nachhaltig verändert haben. Unabhängig von Genre-Zuordnungen soll es sich um Platten handeln, die jeder Musikfan gehört haben muss.

Trackliste

  1. 1. Untitled
  2. 2. Into The Infinity Of Thoughts
  3. 3. The Burning Shadows Of Silence
  4. 4. Cosmic Keys To My Creations & Times
  5. 5. Beyond The Great Vast Forest
  6. 6. Towards The Pantheon
  7. 7. The Majesty Of The Nightsky
  8. 8. I Am The Black Wizards
  9. 9. Inno A Satana

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2 Kommentare

  • Vor 2 Tagen

    Spannendes Album, das viel Melodie und Bombast in das ansonsten zu dem Zeitpunkt kühle und schroffe Genre bringt. Emperor hatten leider immer etwas fragwürdige Gestalten in ihrem Umfeld ... der Mörder Faust, Vargs Brandstifter-Kumpel Samoth ... Klar, Chance zur Rehabilitation muss gegeben sein und ich glaube auch, dass die Menschen viel aufgearbeitet haben. Musikalisch sind Stücke wie "I am the Black Wizards" oder "Cosmic Keys ..." einfach absolut erhaben und als ich Emperor auf der ein oder anderen Festivalbühne sehen durfte, war es für einen Moment eine ganz eigene, andere Welt. 4/5 von mir, da mir die "Anthems" noch eine Spur schärfer wirkt.