laut.de-Kritik

Die Schweden zeigen Größe im Wandel.

Review von

Manche Alben ziehen einen bereits mit den ersten Takten in ihre Welt. Genau so erging es mir bei "Architects Of A New Weave", dem neuen Werk von Evergrey. Die Schweden schaffen erneut jene besondere Mischung aus Melancholie, Härte und emotionaler Tiefe, die ihre Musik seit Jahren auszeichnet. Schon beim ersten Durchlauf fiel mir auf, wie geschlossen und stimmig das Album wirkt. Jeder Song scheint seinen festen Platz im Gesamtbild zu haben und trägt zur Atmosphäre bei. Dabei klingt die Band keineswegs routiniert oder gar bequem. Vielmehr spürt man in jeder Minute die Leidenschaft und den Anspruch, sich musikalisch weiterzuentwickeln. Das Ergebnis ist ein Album, das sofort fesselt und auch nach mehreren Durchläufen immer neue Details offenbart.

Musikalisch bewegen sich Evergrey auf gewohnt hohem Niveau. Die Gitarren liefern druckvolle Riffs, ohne die melodische Seite der Songs zu vernachlässigen. Besonders gelungen finde ich die vielen kleinen Feinheiten in den Arrangements, die man oft erst beim wiederholten Hören entdeckt. Die Keyboardflächen verleihen den Stücken zusätzliche Tiefe und sorgen für jene typische düstere Atmosphäre, die Fans der Band lieben. Gleichzeitig wirken die Kompositionen zugänglicher als auf manchen früheren Veröffentlichungen. Frontmann Tom S. Englund überzeugt einmal mehr mit seiner unverwechselbaren Stimme und transportiert jede Emotion glaubwürdig. Mal kraftvoll und eindringlich, dann wieder verletzlich und nachdenklich, führt er durch die Songs. Gerade diese emotionale Authentizität macht einen großen Teil der Faszination von Evergrey aus.

Was "Architects Of A New Weave" besonders interessant macht, sind die inhaltlichen Akzente. Zwar bleibt die für Evergrey typische Schwermut stets präsent, doch diesmal schimmert deutlich mehr Hoffnung zwischen den Zeilen hindurch. Die Texte beschäftigen sich mit Selbstwert, Neuanfängen und der Fähigkeit, schwierige Lebensphasen zu überwinden. Dieser Ansatz verleiht dem Album eine überraschend positive Grundstimmung, ohne die gewohnte emotionale Tiefe einzubüßen. Mir gefällt besonders, wie glaubwürdig diese Botschaften vermittelt werden. Nichts wirkt belehrend oder künstlich optimistisch. Stattdessen entsteht der Eindruck einer Band, die ihre Erfahrungen reflektiert und daraus neue Kraft schöpft. Gerade dieser Spagat zwischen Dunkelheit und Zuversicht gehört für mich zu den größten Stärken des Albums.

Auch nach mehreren Durchläufen hinterlässt das Album einen nachhaltigen Eindruck. Die Songs besitzen genug Tiefe, um immer wieder neue Facetten entdecken zu lassen, bleiben gleichzeitig aber eingängig und nachvollziehbar. Evergrey beweisen eindrucksvoll, dass sie auch nach fünfzehn Studioalben noch voller Ideen stecken. Die Mischung aus technischen Fähigkeiten, starken Melodien und emotionaler Ehrlichkeit funktioniert hervorragend. Dabei wirkt nichts aufgesetzt oder kalkuliert. Vielmehr entsteht das Gefühl, einer Band zuzuhören, die genau weiß, wofür sie steht. Fans des Progressive- und Melodic-Metal werden hier zahlreiche Höhepunkte finden. Aber auch Hörer, die bisher nur wenig Berührungspunkte mit Evergrey hatten, könnten von diesem Album positiv überrascht werden.

"Architects Of A New Weave" gehört für mich zu den stärkeren Evergrey-Veröffentlichungen der letzten Jahre. Das Album verbindet die vertraute Melancholie der Band mit einer erfrischenden Portion Hoffnung und zeigt eindrucksvoll, warum Evergrey weiterhin zu den spannendsten Vertretern des modernen Progressive Metal zählen.

Trackliste

  1. 1. Welcome To The Pattern
  2. 2. The Shadow Self
  3. 3. Architects Of The New Weave
  4. 4. The World Is On Fire
  5. 5. Heaven
  6. 6. The Script
  7. 7. Leaving The Emptiness
  8. 8. Longing
  9. 9. A Burning Flame (Featuring Mikael Stanne)
  10. 10. Call Off Your Lions
  11. 11. Chains Of Shame
  12. 12. The Prophecy

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2 Kommentare mit 9 Antworten

  • Vor 20 Tagen

    Muss ehrlich sagen, dass ich die Band ansich mag, die ziehen ihr Ding durch! Aber so richtig geht das selten an mich ran, was die da fabrizieren. Liegt zum einen daran, weil Evergrey eigentlich nur laut können und fast durchgehend auch nur ein Tempo. Dazu kommt eine wirklich sehr laute Produktion und wenn möglich, kleistern auch noch unzählige Synthie Strings, Chöre und what-auch-ever im Hintergrund das Klangild zu. Für mich persönlich ist das häufig einfach zu viel des Guten. Ich würde mir wünschen, dass die Band in Sachen Tempo und Lautstärke da mehr variieren würde. Auch die Melodien sind zwar großteils stark, aber nutzen sich ebenso mit der Zeit ab. Man hat manchmal das Gefühl, dass es eigentlich nur einen richtigen Evergrey Song gibt und darauf aufbauend hat die "KI" dann den Rest des Albums gefüllt. Das ist eine harsche Kritik, ich will damit auch nur sagen, dass es sich so anhört, nicht dass es so ist. Und so richtig ProgMetal ist das eigentlich auch nicht. Wie auch immer, vielleicht trifft es genau so, exakt den Nerv bestimmter Fans. Ich selbst sehe viel Potential, aber in dieser Art und Weise wirkt das vor allem sehr repetitiv-ermüdend auf mich. Und habe ich schon geschrieben, dass das platte Schlagzeit auch eher ermüdend ist?
    Bin zwar die Zielgruppe für solche Musik, aber Evergrey produzieren ihre Musik irgendwie trotzdem an mir vorbei

    • Vor 20 Tagen

      Sag denen das doch mal.

    • Vor 20 Tagen

      Da ich bisher fast nur positives zu dem Album gelesen habe, ist das am Ende einfach nur meine Meinung. Vielleicht machen die ja alles richtig, nur ist dann halt irgendwie nicht für mich gedacht. Ich glaube ganz früher klangen die mal anders, auch etwas unverbrauchter; muss ich noch mal reinhören

  • Vor 19 Tagen

    8 von 10 "düstere" Gitarrenbands haben mittlerweile einen Sound, wie er auch beim Ballermann laufen könnte. Und die Neunte von den 10 macht ähnlich aalglatten Mitt-2000er-Nu-Metal für Animefans, der sich für super experimentell hält, weil ein Bitcrushing-VST in der Signalkette hängt :)

    • Vor 19 Tagen

      ...und, weil der Name "Architects" natürlich bereits als Bandname vergeben war, musste er notgedrungen in ein Albumnamen eingeflochten werden - das dann noch am Satzanfang, weil natürlich eben der Satzbau am Anfang anfängt und systematisch aufgebaut wird.

    • Vor 19 Tagen

      Und "Everlast" gabs auch schon. Sozusagen ein doppelter Boden mit all den Verweisen, wenn man nur schlecht genug drüber nachdenkt :)

    • Vor 18 Tagen

      Wann zieht ihr eigentlich endlich zusammen, sagt mal?!

      Und vor allem: In welcher deutschen Stadt? :)

    • Vor 18 Tagen

      Und kriegt ihr verdrossenen Kulturkritiker auch mal nen interessanteren Take hin als "Früher war alles besser"?

    • Vor 18 Tagen

      Wiesli, ich hab Verlangen nach Erlangen. Wie wärs? :*$

      Im Gegensatz zu Deutschrap hab ich bei Gitarrenmusik nicht so die Expertise, Schwingi. Bei manchen Rockbands passen mir Vibe, Energie und Sound. Das mit dem "früher war alles besser" ist halt etwas schwieriger, wenn die Gegenwart vermutlich noch mehr ein Sammelsurium von nostalgischen Versatzstücken ist als sie es wohl je war. Wenn ich moderne Musik öde finde, hat das ja oft damit zu tun, wie sehr sie auf uralten Shit setzt (siehe Autorune im Hip-Hop/Soul, oder eben hier bei Stromgitarrenmusik 15-20 Jahre alter Nu-Metal-Sound).

    • Vor 14 Tagen

      Also der traditionelle Metaluntergrund jedes Nischengenres floriert weiter vor sich hin, immer wieder Wellen an Bands und ausverkaufte Konzerte. Aber ich verstehe das es einem genau so wie du sagst vorkommt, wenn man rein auf die kommerzielle Spitze guckt. Der größte gemeinsame Nenner im Geschmack und Denken der Menschen ist aber selten ein guter Ausgangspunkt, gerade was Musik oder andere Kunst angeht. Sind die top-besprochenen Alben in irgendeinem Genre so aussagekräftig über das Potential des selben? Seltenst.

    • Vor 14 Tagen

      Bin ehrlicherweise schon länger ziemlich raus aus dem Bereich. Normalerweise gabs ab und zu auch bekanntere, mindestens okaye Acts im Rampenlicht, bei denen man etwas deep diven kann und spannende Projekte in deren Umfeld finden konnte.

      Weil laut.de und viele andere Plattformen in der Rockmusik aber fast nur noch lieblosen Mainstream-Slop wie BMTH, Sleep Token, und die oben beschriebenen Acts pushen, war ich schon länger nicht mehr am Rabbitholen :/