laut.de-Kritik
If you want to sing out, sing out!
Review von Dani FrommDas neue Jahr ist noch keine zwei Wochen alt, da zeigt es sich bereits: Um in der Springflut der schlechten Nachrichten nicht abzusaufen, werden wir zum Dran-Klammern jeden Strohhalm brauchen, den wir kriegen können. Sehr freundlich also von Albert und Pablo, dass sie uns direkt einen zuwerfen. Wer weiß? Vielleicht wird entgegen jeder Erwartung ja doch noch alles gut.
Den unschätzbaren Wert der Hoffnung kennen die beiden Hinterlandgangster inzwischen jedenfalls genau. Dass man, um sich in der ostdeutschen Provinz behaupten (und wie es ein anderer einst auf den Punkt formuliert hat) die guten Menschen sammeln muss, um zu überleben, wissen die Sandkastenfreunde schon lange. Was sie früher in "Hockstrecksprünge" oder "Komm Zu HLG" verpackten, steckt auf diesem Album in "Für Alle" oder, noch deutlicher, in "Sport Im Osten": unmissverständliche Solidaritätsbekundungen mit denen, die sich gerade machen und vor dem in Blaubraun aufmarschierenden Faschismus nicht in die Knie gehen.
Im Superwahljahr 2026 stehen auch in Mecklenburg-Vorpommern Entscheidungen an, und bisher zeichnet sich kein Trend ab, der denjenigen, "die jetzt Angst in ihren Dörfern haben, wegen dem Ergebnis aus den letzten Wahlen" Enwarnung signalisierte. Die politische Lage ist und bleibt scheißegruselig, nicht nur im Osten, aber eben besonders dort. Weswegen eine unmissverständliche Standortbestimmung wie "Sport Im Osten" mehr als notwendig erscheint: So lange junge, flinke, top trainierte Typen zusammenstehen, wild entschlossen, kein Stück nach rechts zu rücken, haben die Kollegen von Feine Sahne vielleicht doch wenigstens ein bisschen Recht mit ihrem (erschreckenderweise schon zehn Jahre alten) Mantra.
(Verhaltene) Hoffnung ist und bleibt also ein großes Thema, genau wie die Verwurzelung in ihrer Heimat, die die Hinterlandgang ja schon im Crewnamen trägt. Auch dieses Album setzt dem wilden, weiten, wunderschönen Nordosten der Republik wieder ein würdevolles, aber auch ungefiltert ehrliches Denkmal. Albert und Pablo erzählen von endlosen Landschaften, von Wind, Strand und Meer und schwelgen in Kindheits- und frühen Jugenderinnerungen. Dass allüberall die Liebe zu ihrer Herkunftsregion durchsuppt, führt zum Glück aber nicht zu einer nostalgisch-verkitschten Verklärung.
Im Gegenteil: Diese beiden wissen genau, wo es klemmt. Weswegen sie auch Armut, Perspektivlosigkeit und Zerfall in den ausblutenden Ortschaften kennen, exakt benennen und so ein umfassendes Gefühl für die Gegend vermitteln. Das wiederum gerät so plastisch, dass man keineswegs aus Demmin, Rostock oder Schwerin stammen muss, um andocken zu können. Die Mechanismen der kulturellen Einöde funktionieren ohnehin überall ähnlich, egal, ob das strukturschwache Hinterland, um das es gerade geht, nun an der Ostsee, irgendwo im Odenwald oder in Fränkisch-Sibirien liegt.
All das hab' ich so oder ähnlich über die Hinterlandgang schon geschrieben. Auch daran, dass Albert und Pablo noch immer nicht unbedingt als Rapgötter oder Flowgranaten durchgehen, hat sich nichts geändert. Wieso also fühlt sich "Vielleicht Wird Alles Gut" trotzdem wie ein immenser Fortschritt an? Das Geheimnis ist gar keins, es winkt hüpfend und armewedelnd aus der ersten Zeile von "Keine Angst": "Hab' keine Angst mehr, was du von mir denkst." So einfach kann es sein - und zugleich so schwierig. Es ist ja wahrlich nicht trivial, sich von Druck, Erwartungshaltungen und dem Urteil anderer freizumachen.
Albert und Pablo haben das aber hinbekommen, was unüberhörbar daran liegt, dass sie einen Lebensabschnitt hinter sich haben, der beide emotional extrem gefordert und entsprechend ihre Prioritäten durch- und zurechtgeschüttelt hat. Wer sich mit Verlust, Krankheit und Tod konfrontiert sah, für den verliert die Meinung irgendwelcher außenstehender Honks gewaltig an Bedeutung, was vollkommene künstlerische Freiheit zur Folge hat. Wen juckt, was andere denken oder sagen? Wenn du Gefühle, deine Trauer, deine Angst, deine Zweifel, deinen Schmerz zeigen willst: Mach es. If you want to sing out, sing out! Auch wenn du vielleicht nicht der größte Sänger unter der vorpommerschen Sonne bist.
Es gibt so viel Wichtigeres als Perfektion oder Es-allen-recht-machen-Wollen. "Mit Den Füßen Im Sand" den flüchtigen Augenblick genießen. Das kleine Gute sehen, gerade wenn ringsumher der Wahnsinn regiert. Gemeinsamkeiten und Gleichgesinnte finden und feststellen: "Mein Herz ist beruhigt, denn wir sind hier nicht alleine." Sich an schöne Momente erinnern, auch wenn nicht alles eitel Freude war oder ist. "Du bist hart zu den anderen, hart zu dir selbst": Nicht alles verzeihen, aber verstehen, wo manches hergekommen sein mag, und dann auch loslassen, statt in Verbitterung zu verharren. Es klingt komplett banal, gehört aber wahrscheinlich zu den fundamentalsten Erkenntnissen, die einem das Leben bescheren kann: Es ist verdammt kurz, "dass ich atmen kann, ist ein Geschenk."
Das Soundbild gestaltet sich synthielastig, oft mit erheblicher Schlagseite in End-80er-Ästhetik. Gitarren- oder Klaviernoten bringen je nach Bedarf Melodie, Melancholie oder auch mal den einen oder anderen Misston mit - wenn es nicht, wie in "Pogo" oder "Sport Im Osten", einfach nur ordentlich scheppert. Was an Raffinesse oder musikalischer Innovation fehlt, macht der Vibe wett: Die Beats unterstreichen effektiv die jeweils herrschende Stimmung. Vor allem beweisen Albert und Pablo aber ein gutes Auge für treffende Bilder. Die Weite der Landschaft und ihre Verlassenheit illustrieren sie mit Starkstrom-Leitungen und ohne Halt durchrauschenden Fernzügen. Die Geister einer unaufgearbeiteten Vergangenheit spuken in einer alten Uniform im Schrank. Die Sehnsucht nach dem schönen Leben schreit aus einem Graffito auf einer verblichenen Fassade.
"Komm Mit", es gibt keinen triftigen Grund, der abschließenden Aufforderung nicht Folge zu leisten. "Wenn nicht wir, wer dann? Wenn nicht hier, wo dann? Wenn nicht jetzt, wann dann?", fragte vor vielen Jahren schon König Rio I. Es hat sich nichts geändert: Jede*r einzelne bleibt gefragt. Hauptsache: niemals ohne Liebe. Dann wird vielleicht wirklich alles gut.


1 Kommentar
sehr feierbar.