laut.de-Kritik

Vatersein im Wilden Westen.

Review von

Während Joe Newman mit Alt-J jahrelang rätselhafte Figuren, surreale Geschichten und kryptische Bilder erschuf, richtet er den Blick auf seinem Solo-Debüt zum ersten Mal konsequent nach innen. Nicht, weil ihm die Fantasie ausgegangen wäre – sondern weil das Leben plötzlich spannender wurde als jede Tagträumerei.

Unter dem Pseudonym JJerome87 – Jerome ist sein zweiter Vorname, die Zahl soll laut eigener Aussage einfach dabei helfen, sich den Namen besser zu merken – veröffentlicht der Sänger und Hauptsongwriter von Alt-J mit "The Canyon" sein erstes Soloalbum. Nach vier erfolgreichen Alben mit seiner Band und zahllosen Auszeichnungen fehlte ihm nach "The Dream" keineswegs die kreative Energie. Im Gegenteil: Die Geburt seiner Tochter setzte einen Schreibprozess in Gang, der eine Spur persönlicher wurde als alles, was er bisher für Alt-J geschrieben hatte. Geschichten über Vatersein, Angst, Liebe und Verantwortung wollte er aus seiner persönlichen Sicht beschreiben und nicht unter dem Namen der Band. Also entstand ein eigenes Projekt – eines, das trotz neuer Perspektive seine musikalische Handschrift kaum verändert.

Wer gedacht hat, Newman würde sich stilistisch von Alt-J lösen, dürfte überrascht sein. Seine markante Stimme ist ohnehin unverwechselbar, dazu kommen die verschachtelten Melodien, ungewöhnlichen Harmonien und dieser eigenwillige Mix aus Folk, Western, Indie-Pop und elektronischen Elementen. Gleichzeitig wirkt das Album zugänglicher als manches Bandmaterial. Immer wieder ziehen sich mehrstimmige Frauenchöre durch die Songs, oft fast monoton arrangiert, aber gerade deshalb enorm wirkungsvoll. Sie begleiten Newmans Gesang eher, als dass sie ihm Konkurrenz machen und verleihen dem Album einen ganz eigenen Klang.

Besonders deutlich wird das auf "Track And Field". Der Song beginnt fast wie eine flüchtige Sprachmemo, bevor sich daraus eine der eingängigsten Melodien des Albums entwickelt. Gleichzeitig steckt in der Zeile "That fear could fill a canyon" wohl die zentrale Aussage der gesamten Platte: Liebe und Angst liegen manchmal sehr nah beieinander.

Auch "Two Hearts" gehört zu den emotionalsten Momenten. Der Titel stammt von einer Aussage seiner Partnerin nach der Geburt ihrer Tochter: Zwei Herzen in einem Körper. Im Hintergrund hört man tatsächlich die Stimmen von Mutter und Kind – Lachen, Weinen, leise Worte. Das hätte schnell kitschig wirken können, stattdessen bleibt der Song erstaunlich zurückhaltend. Zarte Streicher und eine sanfte Bridge verleihen ihm dennoch emotionale Wucht.

Dass Newman trotzdem nicht ausschließlich in ruhigen Balladen denkt, zeigt "Walkaway Music". Pferdewiehern, Glockenschläge und ein Schuss eröffnen einen Song und malen einen klischeehaften Westerneinstieg. Der Song galoppiert förmlich voran. Die Energie steht im starken Kontrast zu den introspektiven Stücken davor. Textlich zeichnet Newman nach, wie er sich in seine Partnerin verliebt – "2002 it was too easy to fall in love".

Die Western-Ästhetik zieht sich ohnehin wie ein roter Faden durch das Album. "Brush Me Like A Horse" macht daraus keinen Hehl: Nach einem fast schon harmlos wirkenden "La-la-la"-Intro öffnet sich ein Song, der mit Bildern aus Montana, Idaho und dem amerikanischen Westen spielt. Zwischen staubigen Landschaften und Newmans verschachtelter Lyrik bleibt die Stimmung bewusst schwer greifbar – verspielt, aber nie sorglos. Die Zeile "I'm not to be trusted" taucht später in "Mr. Alligator" erneut auf und verbindet die Songs miteinander. Solche kleinen Rückbezüge verleihen "The Canyon" einen erzählerischen Zusammenhang, ohne sich aufzudrängen.

Mit "Green Velvet" folgt einer der romantischsten Songs des Albums. Gitarren und Synthesizer wechseln sich geschickt ab, ehe Newman schließlich unumwunden feststellt: "I'm a man in love." Das klingt zunächst erstaunlich direkt für einen Songwriter, der sonst lieber verschlüsselt erzählt. Etwas experimenteller gerät "Quaaludes". Der Song spielt zunächst mit sanften Harmonien und wunderschön arrangierten Chorpassagen, täuscht dann mitten im Stück fast ein Ende an, nur um sich völlig neu aufzubauen. Das Finale mit seinen treibenden Drums und vielschichtigen Streichern gehört zu den atmosphärischen Stärken des Albums.

Genau darin liegt letztlich auch die Qualität von "The Canyon". Das Album ist persönlich, ohne sich ständig erklären zu wollen. Es erzählt von Liebe, Angst und Elternschaft, ohne jemals zum Tagebuch zu werden. Musikalisch bleibt Joe Newman seiner Handschrift treu – was zwangsläufig dazu führt, dass man Alt-J nie ganz ausblenden kann. Wer auf einen radikalen Stilbruch gehofft hat, wird ihn hier nicht finden. Wer dagegen genau diese eigenwillige Mischung aus markanter Stimme, ungewöhnlichen Melodien und poetischer Bildsprache liebt, bekommt genau das.

"The Canyon" wirkt deshalb weniger wie ein Nebenprojekt als vielmehr wie eine logische Erweiterung dessen, was Joe Newman ohnehin schon immer ausgezeichnet hat. Kein Befreiungsschlag und keine Neuerfindung, aber ein stimmiges, abwechslungsreiches und überraschend intimes Album, das gerade wegen seiner Ehrlichkeit überzeugt.

Trackliste

  1. 1. Mr. Alligator
  2. 2. Green Velvet
  3. 3. Quaaludes
  4. 4. Interlude
  5. 5. Juicy
  6. 6. Walkaway Music
  7. 7. Brush Me Like A Horse
  8. 8. Two Hearts
  9. 9. Track And Field
  10. 10. Last Man Alive
  11. 11. Pennine

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