laut.de-Kritik
Eine verblassende Erinnerung.
Review von Yannik GölzEgal, wie sehr er demonstriert, dass er nur noch frittiertes Gemüse zwischen den Schläfen hat: Hip Hop wird nie aufhören, Kanye zu vermissen. Er war einfach zu lange die treibende kreative Kraft. Und wenn es im Hip Hop jemals ein alles revolutionierendes Album gebraucht hätte, das radikale Sounds aus dem Untergrund nach oben hieft, dann jetzt. Man möge verstehen, dass man seine Hoffnungen an einen myopischen Kanye klammert.
Sein neues Album - jetzt angeblich ganz ohne KI-Nutzung - hat immerhin nach "Vultures II" genug Momente der Kreativität, um ein bisschen Hoffnung zu rechtfertigen. Da sind ein paar ehrlich gute Momente auf "Bully". Aber wenn man über ein paar gute Beats hinweg sieht: Auch dieses Album ist nur ein Flickenteppich an Halb-Songs. Was auch immer dieses Album leisten müsste, um die letzten Jahre Kanye wieder gut zu machen - es ist weit weg davon.
Dabei ist das erste Drittel des Projekts wirklich ein gelungener Einstieg. "King" startet auf hoher Energie mit einem industriellen, elektronischen Instrumental. Der Dreierschlag "This A Must", "Father" und und "All The Love" klingt wie eine kurze Reprise an soliden, wenn auch nicht wesentlichen "Yeezus"-Tracks. Der abgehalfterte Defätismus auf "Punch Drunk" fühlt sich wie der einzige Track an, der richtig sinnvoll auf die Ereignisse der letzten Jahre eingeht. "Whatever Works" ist der Moment, an dem über Chipmunk-Soul wirklich kurz Pink-Polo-Kanye aufploppt, in dem man glauben möchte. Hier rappt er richtig gut. Hier rappt er wie früher!
An diesem Punkt ist ein Drittel der Spieldauer verstrichen. Es war jetzt noch kein Gassenhauer dabei, aber "Bully" ist bis hierhin doch eine mehr als positive Überraschung. Ja, die Tracks sind kürzer, nicht so opulent wie Kanyes beste Arbeit. Aber der Sound stimmt. Die Atmosphäre stimmt. Da ist etwas! Und dann? Dann verplätschert das Album einfach komplett.
Das seltsame am Rest dieses Albums ist nicht einmal, dass die Tracks nicht mehr so richtig zusammenkommen. Es ist eher, dass von hier an kaum noch ein komplett klingender Track abgegeben wurde. So oft öffnet man die nächste Genius-Seite und stellt fest, dass da schon wieder eigentlich kein Verse auf dem Song ist. Wieder und wieder bekommt man eine oder zwei Minuten eine Songidee anskizziert. Aber ohne rege Fantasie muss man sagen: Die Arbeit ist noch unverrichtet.
Es fühlt sich an, als würden wir von "The Life Of Pablo" über "Donda" bis hin zu diesem Album die Bewegung des The Caretakers-Albums nachvollziehen. Immer mehr von dem, was Kanye eigentlich geil macht, sinkt in den Nebel herab.
Die reine Menge an seltsamem, pseudo-epischem Autotune-Gesang nimmt stellenweise auch wirklich überhand. Klar, Kanye hat damit schon großartige Musik gemacht. Aber hier symbolisiert er zumeist nur das Ausbleiben an handfestem Songwriting. Auf die Spitze getrieben wird es, wenn gefühlt ein ganzer Track nur ein Don Toliver-Interlude ist. Oder wenn er sich zusammen mit dem mexikanischen Superstar Peso Pluma an einem Mexican-Regional-Track auf Spanisch versucht. Ja, auch "The Life Of Pablo" hatte diese experimentellen, skizzenhaften Momente. Aber "Bullys" zweite Hälfte fühlt sich an wie 25 Minuten lang "Low Lights" ohne ein einziges "No More Parties In LA".
Dazu kommen Involvements von ein paar richtig schäbigen Atzen. Cee-Lo Green, zum Beispiel. Oder Nine Vicious. Kanyes anhaltende Bereitschaft, Solidarität in 'Cancelings' zu finden (auch wenn die teilweise auch von jedwedem Rechtssystem gecancelt wurden), lässt auch die rekurrierenden Motive von Vergebung absolut furchtbar klingen. Immer wieder bleibt das Gefühl, Kanye mache die Musik, die ihm den oberflächlichsten Trost gibt. Richtige Auseinandersetzung oder gar Verantwortung für seine katastrophalen letzten Jahre findet man höchstens in kurzen Momenten. Dagegen stehen genug Augenblicke, die durchschimmern lassen, dass ihm das alles überhaupt nicht leid tut und er sich eigentlich missverstanden und missrepräsentiert fühlt.
Lasst mich nicht lügen: Auch ich hätte gerade gerne einen Kanye. Einen "I Love Kanye"-Kanye. "Bully" ist tatsächlich Bullying, weil es nicht wie "Vultures II" einfach macht, die Erinnerung an diesen Typen zu Grabe zu tragen. Es ist gerade genug Fußbreit an dem Real Deal dran, dass man sich am Ende des Albums wieder richtig doll darüber ärgert, dass wir in all dem Bullshit diesen einmaligen Künstler verloren haben. Aber selbst mit aller Liebe, die man sich gegenüber diesem Volltrottel nie ganz abgewöhnen könnte, ist "Bully" nur das musikalische Äquivalent einer verblassenden Erinnerung.


5 Kommentare mit 2 Antworten
Ich verstehe die Review, aber imo sind 2/5 etwas zu hart, sehe eher 3/5. Es wäre schön, wenn Ye wieder an die alten Höhen anknüpfen könnte und das Album macht zumindest Hoffnung, dass es möglich *wäre*.
Freue mich schon auf die Rezi vom neuen Noie Werte Album !
Sorry, aber Songs mit weniger als 3 Minuten Länge sind für mich keine Songs.
Weiß Paul McCartney, dass die Beatles gar keine Songs geschrieben und aufgenommen haben?
Da verpasst du was. Einige liefern in 2 Minuten mehr ab, und mit weniger Filler, als andere in 5.
Also jetzt nicht unbedingt be Kanye. Ich hab da nicht und werde da auch nicht reinhören. Ich meine so generell.
bully herbig
Sein bestes Album seit "Kids See Ghosts".