laut.de-Kritik

Ein wilder Ritt durch die New Age-Vorstadtphilosophie.

Review von

Man soll ja immer für Überraschungen offen sein. Ein wirklich gutes Comeback von Thomas D? Es sind wohl schon seltsamere Sachen passiert.

Aber immerhin für einen kurzen Moment sah es wirklich so aus: "Kurz Zu Mir" ist eine absolut fantastische Single. Fünf Minuten erzählt er sein bewegtes Leben, von seiner ersten Liebe zur Demenz seiner Mutter, von New York während 9/11 bis zum Erlebnis des Tsunamis in Thailand. Nach gefühlt hunderten Bars und mit einem wunderschön hochgekurbelten Beat endet er mit der Line "was ein Leben" - und man fühlt es, weil man gerade wirklich durch dieses bewegte Leben mitgenommen wurde.

Jetzt ist "Neocortex" da - und leider muss ich Entwarnung geben. Der 'Thomas D ist plötzlich krass'-Arc ist ausgeblieben. Zwar liegt da ein Album vor, das sich zumindest nicht verstecken muss. Aber aller Anspruch, alle Ambition, alles coole Sounddesign und alle Detailverliebtheit in der Produktion helfen nicht, wenn man so hart merkt: Mit "Kurz Zu Mir" hat sich Thomas ziemlich auserzählt. Und alle Versuche, statt über sich selbst über das Profunde im Leben zu sprechen, sind ein ziemlicher Schuss in den Ofen.

Große Teile dieses Albums sind ein wilder Ritt durch die New Age-Vorstadtphilosophie. Das Wort "Leben" fällt oft, erschreckend oft auch Begriffe wie "Erleuchtung" und "Meditation". Nicht mal auf eine cool-ästhetische Art. Eher beschleicht einen das Gefühl, Thomas D rappte hier ein Selbsthilfebuch über Psychologie ein, das man in der Bestsellersektion am Bahnhofskiosk sieht.

Dann rappt er ohne Not Sachen wie: "Das echte Abenteuer beginnt / stellst du dich deinem inneren Kind". Oder Weisheiten wie: "Keiner weiß, was die Zukunft so bringt / sicher ist nur, dass es sie gibt". "Mutterliebe - Vaterstolz" oder "Vom Ich Zum Wir Vom Wir Zur Einheit" klingen wie eine einzige, strange Waldorfschulenmeditation. Ähnlich fühlt es sich auch auf dem eigentlich soundtechnisch cool aufgebauten Intro "Federleicht" an: Mit der geilen Reinhard Mey-Hook und dem dreiminütigen Instrumentalen Crescendo am Ende mag man glauben, man höre etwas musikalisch wirklich Geiles und Anspruchsvolles. Und trotzdem transportierten Thomas' sehr süddeutsche Flows einen Part um Part in das Reich von Duftkerzen und Yoga zurück.

Interessant ist dabei, dass das Album trotzdem Momente hat, in dem all diese Probleme von ihm abfallen. Allein der erste Part von "Mein Nachbar" ist total cute: Thomas erzählt von einem Teenager, der in seiner Nachbarschaft lebt - und davon, wie sie eine ulkige Freundschaft etabliert haben. Thomas hat alte Videospiele, der Junge kennt sich mit dem Pumpen aus, sie hängen ab und zu herum und philosophieren über die Welt. Part zwei und drei schieben das dann in eine konstruierte und überkandidelte Storytelling-Richtung, die nicht so recht aufgeht. Dabei ist dieser profane Moment der Einsicht, dass zwei verschiedene Menschen aus der selben Community ihre eigene Art von Freundschaft und Dynamik finden können und dass das wertvoll ist - lowkey der profundeste und schönste Gedanke auf diesem Album.

Auch "Auf Wiedersehen" hittet. Das ist eigentlich ein kurzer Skit, in dem Thomas Worte an einen verstorbenen Freund richtet. Aber das funktioniert so viel direkter und akuter als all das Storytelling auf den anderen Tracks, die sich um Leben und Freiheit und hastenichtgesehen drehen. Vor allem im direkten Kontrast zum bizarren Nachfolgetrack "Alaska", auf dem Thomas spittet wie ein Sektenführer ohne Charisma und sich darüber beömmelt, er würde Lehren darüber teilen, was das Leben heißt.

Aber dabei haben "Kurz Zu Mir", "Mein Nachbar" und "Auf Wiedersehen" es doch eigentlich ganz klar gezeigt: Thomas ist ein guter Storyteller, wenn er eine konkrete, haptische Story erzählt. Hätte er nur ein kleines bisschen den Mut gehabt, uns einfach mehr Storys zu teilen, auf deren Ambivalenzen dann wir selbst uns unseren Reim gemacht hätten, dann wäre "Neocortex" dieses gute Thomas D-Album gewesen. Die Beatauswahl, die Klangfarbe, die Ambition: Das hätte alles gestimmt. Am Ende scheitert "Neocortex" nicht an Flow oder Musikalität, sondern vor allem an Thomas' seltsamem Bedürfnis, ein spiritueller Lehrer zu sein.

Trackliste

  1. 1. Federleicht (feat. Reinhard Mey)
  2. 2. Vom Ich Zum Wir Zum Wir Zur einheit
  3. 3. Das Leben Ist Ein Geschenk
  4. 4. Mutterliebe - Vaterstolz
  5. 5. Neocortex
  6. 6. Nur Mut
  7. 7. Ständige Veränderung (feat. Jack McBannon)
  8. 8. Mein Nachbar
  9. 9. OM
  10. 10. Auf Wiedersehn
  11. 11. Alaska
  12. 12. Kurz Zu Mir

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