laut.de-Kritik
Lyrics muss man fühlen.
Review von Magdalena GregoriMan könnte meinen, dass Schauspieler und Synchronsprecher der Sprache viel Bedeutung beimessen. Levin Liam – Markenzeichen: Nuscheln – schlägt lieber einen anderen Weg ein und versucht, Bedeutung ohne viel sprachliches Herumgeturne zu kreieren. Und er kriegt das auch ganz gut hin. Liam ist im deutschsprachigen Raum noch recht neu unterwegs, über dem großen Teich ist Mumbling aber besonders im Rap ein häufig genutztes Stilmittel.
Was beim Hören seines neuen Albums schnell auffällt: Auch thematisch bewegt er sich in ähnlichen Sphären: Es geht um Beziehungen, Partys, Drogen und Probleme mit sich selbst. Auf den ersten Blick sind das recht ausgelutschte Themen. Durch die Art, wie Liam seine Worte singt, hat man aber das Gefühl, dass deren Bedeutung nicht wirklich im Vordergrund steht, sondern die Stimmung, die die Musik transportiert. Denn mal ehrlich: Bei einer Lieblingsmelodie könnte fast jeder Inhalt dazu gesungen werden.
Der Opener "Marseille" löst ein Gefühl aus, als würde sich Levin Liam im tiefsten Winter an einen unvergesslichen Sommerurlaub zurückerinnern – Gedanken, die durch Gitarre und Delay sowie Reverb auf der Stimme noch nostalgischer wirken. Der Musiker wirkte auch an der Produktion der Tracks mit, was sich etwa im langen und stimmungsvollen Outro des Songs bemerkbar macht, ein Merkmal, das sich durch das Album zieht. Die Lo-Fi-Beats in "Ohne Dach" hören sich schneller als der Gesang an, was eine spannende Dualität entstehen lässt. Ein Sound, der sich nicht leicht greifen lässt und Levins Stimme melodisch begleitet.
"Ich mach' auch lieber Lieder, die nix verhandeln / Der Schmerz war schöner, als er noch ausgedacht war / Wär noch viel schöner, hätt ich dich nicht verstanden". Um die Musik des 27-Jährigen zu beschreiben, braucht man eigentlich nicht viel mehr als diese Zeilen ("Ausgedacht"). Nach dem ruhigen Track nimmt der Longplayer in "Pack" wieder Fahrt auf. Höhere Tonlagen, schnellere Rhythmen, eingerahmt von übersteuerten Klängen.
Dass man auch mit Beats Lautmalerei betreiben kann, beweist "Hunde". Der Welt, die vor die Hunde geht, wird durch Klänge, die an schwere Schritte im Schlamm erinnern, symbolisiert. In "Flaschko Spricht" erklingt dann eine Stimme, die sich wie Dämonen im Kopf anhört. Mit "Frier Mich Ein" ist einer der wenigen Songs, in dem der Fokus auf den Lyrics zu liegen scheint. Neben dem kleinen Seitenhieb auf Zartmanns viralen Hit "Tau Mich Auf" singt Levin: "Ich brauch' kein Okay von euch, ich komme einfach rein / Fuck, ich komme einfach rein, ich meine kein Sean Combs (Ah)."
Dass der Hamburger Ami-Rap feiert, hat er bereits in einigen Interviews verlauten lassen. In "Guck Mal" nähert er sich dem mehr an als in allen anderen Tracks, ein Symba-Feature inklusive. Leider plätschert der Track trotzdem eintönig vor sich hin. Zeit für ein kurzes Interlude, das auf "24" vorbereitet. "Fang" erinnert dann etwas an "auf den" vom Vorgänger-Album, schlägt nach den ersten Takten aber einen rhythmischeren Ton an. Die autogetunte Stimme von Featuregast c4rl bleibt dabei nicht wirklich hängen. Mit Autotune nuschelt sich Levin Liam auch durch "2020", es wirkt ganz so, als verwende er seine Stimme hier eher als Instrument, viel zu sagen hat er nicht.
Unerwartet kommt "Farbenblind", diesmal mit Sängerin Baby B3ns, um die Ecke. Zu feinem Bossa-Nova-Gitarrenspiel säuseln die beiden vom Verstand-Verlieren. Wie ein Panther bewegt sich der Song, sanft aber gefährlich. Und obwohl er nicht wirklich in die ansonsten elektronische Färbung des Albums passt, ist er einer meiner Lieblingstracks.
Das stampfende "USA" kehrt wieder zum etablierten Sound von "Pech" zurück. Das Outro ist lang und fast nicht vom Intro des letzten Tracks zu unterscheiden. "So Hoch" ist ein würdiger Abschluss. Der Song kreiert eine ähnliche Spannung, wie man sie morgens beim ersten ausgiebigen Gähnen und Strecken nach dem Aufwachen verspürt. Erinnert mich ein bisschen an das virale "Closahhh And Closahhh" von Justin Biebers Coachella-Auftritt - weirdly satisfying.
Angeblich gibt es ja zwei dominierende Denkweisen: Die einen denken in Wörtern, die anderen in Bildern. Levin Liam aber scheint für dieses Album vor allem in Klängen und Stimmungen gedacht und produziert zu haben. Ein erfrischender Ansatz, der die sonst eher verkopfte Branche wieder mehr fühlen lässt.


2 Kommentare
riesenplatte. Vielleicht noch besser als vorgänger.
9/10
Das feature von c4rl ist mein Highlight. Der Rest eher so naja.