laut.de-Kritik
Mit dem Schlaghammer in die Playlists.
Review von Ben SchiwekSergio Pizzorno meinte kürzlich im Interview, die neue Kasabian-Platte solle vor allem live abreißen: "Der Maßstab für die Songs ist also: Können sie ein Publikum von Tausenden von Menschen bewegen?" Diesen Anspruch hört man "Act III" an. Es fallen direkt die vielen verzerrten Basslines, catchy Melodien und generell ein hohes Maß an Tanzbeinschwingerei auf.
Schnell in den Kopf gehen vor allem die Songs in der ersten Hälfte. Ein Song wie "Superpowers" ist eine eindeutige Single. Die zweite Hälfte hält dann auch etwas ausschweifendere Kompositionen mit guten Twists und Transformationen bereit: "Glide" etwa bohrt sich mit abwechselnden Texturen immer weiter in eine Spirale. Und "The Guru And The Crypto Time Machine" ist eines der gelungensten Wimmelbilder des Albums: ein erdender Hip-Hop-Groove, ein bisschen Psychedelia, eine spooky Atmosphäre und zum Schluss überraschende, toll ansteigende Polka-Elemente.
"Hippie Sunshine" liefert Catchyness mit dem Schlaghammer. Neu ist an diesem Refrain auf jeden Fall nichts, obendrein wirkt der Text etwas stumpf, aber Poesie hat wohl auch niemand erwartet. Dafür bringt die Classic-Rock-artige Klavier-Bridge einen sehr guten Überraschungsmoment, der die Rückkehr in den Refrain ziemlich fett macht. Songs wie dieser enden zum Glück nicht so eindimensional, wie sie zunächst wirken.
Einiges hier klingt nämlich erstmal nach Nachahmungen anderer Artists (die wohlgemerkt nach Kasabian das Rampenlicht betraten): vor allem Twenty One Pilots, stellenweise Royal Blood oder in der schönen Ballade "Silver Apple Eyes" auch ein bisschen Empire Of The Sun. Das sind alles keine verkehrten Künstler:innen, aber sich jetzt bei denen zu bedienen, kommt zehn Jahre zu spät. Dadurch klingt "Act III" irgendwie dated.
Am verwunderlichsten ist dabei "Hyper//Rising", ein Wolfmother-Ripoff. Nein, nicht Sabbath und auch nicht Zeppelin, sondern eindeutig Wolfmother: von der Bass- und Gitarren-Produktion zum geschwungenen Rhythmus zum Riff und "Yeah"-Schreien. Ich bin wirklich ein großer Verteidiger der frühen Wolfmother-Alben (nicht nur des Debüts), und es ist auch kein schlechter Song, aber wie kam es dazu?
Das Gefühl von Vergangenem verlässt "Act III" auch in manchen spaßigen Momenten nicht. "Nothing Better Than This" eignet sich sehr gut zum Tanzen. Aber gallagher-haft Zeilen wie "You gotta dream on, dreamer / and on and on and on" über diesen Electrorock-Beat zu nölen, ist doch sehr 2008. Wenn ich "Let It Rock" von Kevin Rudolf und Lil Wayne hören möchte, dann kram ich eben den iPod raus.
Das macht die genannten Songs zwar nicht ungenießbar, aber das Kasabian-Gewürz fehlt ein wenig, besonders in Klischees wie "Say You (Closer)". Dafür sind viele Songs sau catchy und dürften live natürlich wie erhofft abreißen.


4 Kommentare mit 3 Antworten
Gefällt mir gut und Klingt nach Spät 90ern.
Kasabian - Die Band, die man meint, bestimmt mal irgendwo bei wem gehört zu haben.
Gerade um "Club Foot" kam man in den 2000ern nicht herum. Selbst heute erkenne ich den Song sofort, wenn die ersten paar Takte erhallen.
Ach stimmt, DER Track. Na, okay. Dann sind sie eher sowas wie die Liquido der Insel.
Damit hat AL-90 Karma für die nächsten 1000 Jahre erworben. Gratulation.
"Gefällt mir gut und Klingt nach Spät 90ern." und es gibt schlimmeres in diesen Tagen zu hören in den Neuerscheinungen.
Nach einem sehr guten ersten Album, einem recht experimentellen Nachfolger und ihrem besten Album, Nummer 3, hat die Band einen der steilsten Abstürze hingezaubert, an den ich mich in den 2000ern erinnern kann.
Ich war nie ein Hardcore-Fan, aber hab immer mal wieder die Singles auf YT angeklickt, in der Hoffnung, dass sie mich noch mal überraschen könnten. Mal sehen, ob's diesmal passiert.