laut.de-Kritik
Blues-Seemansgarn vom ewigen Geheimtipp - ein unterschätztes Monster.
Review von Franz MauererWer den lange in Nürnberg wohnhaften – und dort verstorbenen - Kevin Coyne heute nur als knorrig bis kauzigen Folk- oder Singer/Songwriter-Außenseiter erinnert, der kennt nur einen Ausschnitt. Coyne kam aus dem Blues, spielte zunächst mit Siren auf John Peels Dandelion-Label, schrieb später für Virgin eine Reihe von Underground-Klassikern, arbeitete mit Dagmar Krause, Andy Summers, Robert Wyatt und The Ruts, malte, schrieb Theaterstücke und Bücher. Der Independent zitiert Andy Kershaw mit der Formel, Coyne sei "a punk before the movement existed". Das ist die Folie, vor der "Legless in Manila" erst richtig Sinn ergibt: nicht als spätes Nischenprodukt eines Folkies, sondern als Werk eines Künstlers, der Blues, Rock, Kunstlied, Groteske und proto-punkige Direktheit in einen sehr eigenen Ton zwang.
Coynes Biografie erklärt auch, warum seine Platten selten geschniegelt klingen (und für diese hier nur widersprüchliche Veröffentlichungsdaten zu finden sind; wir orientieren uns an Coynes Website). Bevor er hauptberuflich Musiker wurde, arbeitete er als Sozialtherapeut, psychiatrischer Pfleger und Drogenberater. Coynes gutturale Stimme, improvisatorische Texte und seine Neigung zu unorthodoxen Strukturen machten ihn zum Szene- wie zum Antihelden. Gerade deshalb verkleinert ihn die Folk-Etikette: Zu seinem Werk gehören ebenso die akustische Strenge von "Dynamite Daze" wie die verstörende Theatralik von "Babble" oder die mit The Ruts aufgeladene, fast post-punkige Energie von "Sanity Stomp".
"Legless in Manila" steht an einer Schwelle: Die letzte Arbeit, die Coyne noch in seiner alten Heimat mit englischen Begleitmusikern einspielte, bevor er nach Nürnberg zog; die beteiligten Musiker waren Steve Lamb am Bass, David Sheen am Schlagzeug und Peter Hope-Evans an der Mundharmonika. Die 2023 erschienene MIG-Doppel-CD koppelt das Album mit "Knocking on Your Brain" und markiert es damit rückblickend als Schlüsselwerk zwischen englischer Endphase und deutschem Spätwerk. Musikalisch gibt diese Kopplung aber wenig Sinn, weshalb wir uns hier nicht anschließen. Kevin Coyne, allzu oft kleingeschrieben zum wunderlichen Folksänger, zeigt hier noch einmal mit einer Bosheit, Beweglichkeit und physischen Präsenz, dass er eben nie nur der Mann für akustische Melancholie war, sondern genauso Bluesrock-Rüpel, Grotesk-Gelehrter, Straßenpoet und proto-punkiger Anti-Star.
Schon "Big Money Man" eröffnet wie eine Kneipentür, die jemand nicht aufstößt, sondern eintritt. Der Text entwirft eine Figur, die durch Zimmer und über Böden kriecht, an Fenster brüllt und an fremde Türen hämmert; musikalisch ist das kein gepflegter Blues, sondern rotziger, kritisch aufgerauter Bluesrock mit Schorf unterm Fingernagel. Coynes Stimme klingt dabei nicht schön, sondern richtig: guttural, angefressen, halb Fluch, halb Diagnose. Gleich daneben steht "Gina's Song", und die Scheibe zeigt unvermittelt ein zweites Gesicht. Diese Nummer schiebt sich zäh und stockend voran, lebt von einem Bass, der nicht begleitet, sondern zieht und hält. "Gina's Song" ist kein Lovesong im üblichen Sinn; es ist ein Stück, das sich selbst im Kreis dreht und im Mantra anbetet. "Money Machine" wiederum verengt die Perspektive zur bitteren Miniatur: Das Geldsystem lacht dich aus, sagt der Text sinngemäß, und Coyne formuliert daraus keinen Essay, sondern einen kurzen, höhnischen Haken mit Mundharmonika-Gift und Straßenstaub.
"Raindrop On The River" macht aus der Platte endgültig ein unterschätztes Monster. Der Text kreist um psychische Desorientierung, den Verlust von Vertrauen und die Erfahrung, dass Hoffnung dünn wird. Ein dunkles Sabbath-Vibrieren im Hintergrund, das nicht in den Riffhammer kippt, sondern in ein nervöses Zittern. Der Bass ist erneut exzellent, aber diesmal als Unruhepol, nicht als Anschieber, und Coyne legt sich rein wie Ozzy in besten Tagen. "Nigel In Napoli" macht danach das, was der Barde besser konnte als die meisten ernsten Männer des britischen Songschreibens: Er erlaubt sich Blödelei, ohne die Intensität zu opfern. Das Stück hat art-poppige Schräglage und doch einen echten emotionalen Kern. Gerade dieses Changieren ist Coyne pur. Dass "Zoo Wars" daneben wie ein Interlude mit Demo-Aura wirkt, schadet der Platte nicht wirklich – es ist eher der kurze Schluck aus einer trüberen Flasche Irish Whiskey, bevor das Album wieder trifft.
Und dann schwebt die "Black Cloud" heran, der beste und wichtigste Song Coynes, gleich in welcher Version. Der Track entstand in Coynes 1972er Home-Recording-Umfeld und taucht erst auf "Legless in Manila" regulär auf. Diese spätere Bandfassung ist weniger ruppig als die nacktere Frühform, weniger verzweifelt, weniger grabesdunkel, dafür lakonischer, abgeklärter, merkwürdig majestätisch. Nicht, als würde der schwarze Himmel verschwinden – eher so, als hätte Coyne gelernt, darunter aufrecht zu gehen. Der Titelsong zieht die Platte anschließend in eine halb verhunzte, halb großartige Seemannsgarn-Richtung, und das soll ausdrücklich ein Kompliment sein. Ein nihilistischer, rumgetränkter Abgesang auf einen Seemann. Coyne romantisiert das Elend nicht, er besingt es nicht veredelnd, sondern mit Dreck unter den Zähnen, ohne Idealisierung und ohne Verächtlichen.
"Don’t Raise An Argument" und "Cycling" machen aus dem starken Album am Ende ein großes. Ersteres lauert wie eine Hyäne in der Dunkelheit. Im Grunde banal, in der Ausführung aber durch Coynes phrasierten Hohn und das scharf gesetzte Schlagzeug zu einer kleinen Kunst des Angriffs wird. Dass Dave Sheen hier als Co-Komponist genannt wird, passt, denn der Song lebt vom Rhythmus als Nadelstich. "Cycling" wiederum ist der perfekte Schlusspunkt, weil er keine Lösung anbietet, sondern eine Endlosschleife. Falsche Gurus, spirituelle Gipfel, politische Schuldzuweisungen, und am Ende fährt man doch nur weiter im Kreis. Das ist bei Coyne nie bloß Satire und nie bloß Weltekel; es ist die Einsicht, dass moderne Menschen ihre Ratlosigkeit gern in Bewegung verkleiden. Deshalb wirkt das Stück wie ein Veitstanz in Zeitlupe: staksig, schlau, bitter, seltsam komisch – und am Ende beängstigend wahr.
Was bleibt, ist eine Platte, die in Coynes Katalog nicht immer als erste genannt wird, aber genau deshalb so kostbar ist. "Legless In Manila" bündelt seine Widersprüche besser als manch berühmteres Album: die bluesige Körperlichkeit, das kaputte Lachen, die soziale Beobachtung, die nervöse Groteske, die Fähigkeit, in drei Minuten mehr Schieflage und Menschlichkeit unterzubringen als andere in Doppelalben. Kevin Coyne in einer Form, in der der angebliche Außenseiter plötzlich sehr zentral wirkt: als Bindeglied zwischen Blues, Pub Rock, Kunstsong und diesem ungepflegten, menschlichen Vor-Punk, den man in Großbritannien viel öfter feiern müsste.
In der Rubrik "Meilensteine" stellen wir Albumklassiker vor, die die Musikgeschichte oder zumindest unser Leben nachhaltig verändert haben. Unabhängig von Genre-Zuordnungen soll es sich um Platten handeln, die jeder Musikfan gehört haben muss.


1 Kommentar mit einer Antwort
Der Mann hat ein paar der schönsten Songs aller Zeiten geschrieben. Sehr schade, dass ihn kaum eine Sau kennt. Danke, danke, danke für die Rezension! ♥
https://www.youtube.com/watch?v=O5Lr6oFfZ4g
Denn kennt coyne Mensch.