laut.de-Kritik
Verheerender Loss an Aura.
Review von Yannik Gölz"Truth Hurts" war der Song, der Lizzo einst zum Durchbruch verholfen hat. Ursprünglich 2017 veröffentlicht, ging er 2019 durch eine Line viral, die später ziemlich glaubhaft als Plagiat eines Tweets enttarnt wurde. Im Grunde ist das eine solide Zusammenfassung des ganzen Lizzo-Arcs: Vom Indie-Kult-Favoriten mauserte sie sich zu einem großen Projekt der Gerechtigkeit. Sie war der letzte Ausläufer der optimistischen Obama-Ära, die letzte Festung von Empowerment als eindeutiger popmusikalischer Kategorie.
Und dann? Dann war sie weg. Das hat Gründe: Zum Beispiel einen bizarren Fall von sexueller Belästigung am Arbeitsplatz, zu dem sie bis heute nicht so recht Stellung bezogen hat. Aber auch, wenn man dieses Level Fauxmoi nicht mitbekommt: Lizzo ist weg, weil ihr Sound schon wenige Jahre nach dem Durchbruch wahnsinnig aus der Zeit gefallen ist. Es fällt schwer zu glauben, dass sie kurz vor der Pandemie Teil einer Popstar-Kohorte mit Artists wie Doja Cat, Jack Harlow oder Dua Lipa war. Denn obwohl auch die Genannten auf ihre Art um Relevanz strugglen, scheint der Kampf für Lizzo schon ausgekämpft. Ihr neues Projekt "Bitch" ist die diabolischste Art von Flop-Ära. Ein so massiver Flop, dass Leute ihn nicht einmal mitbekommen, um sich darüber lustig zu machen.
Hört man nun in das Projekt rein, will man diesen immensen Falloff erst gar nicht so doll nachvollziehen. Es ist nicht so, als wäre Lizzo einen Deut weniger talentiert als sonst. Sie gehört nach wie vor zu den energetischsten, ausdrucksstärksten und stimmgewaltigsten Artists, die die Popmusik zu bieten hat. Es ist auch nicht so, als wären die Songs auf "Bitch" nicht gut produziert und oberflächlich catchy. Das Projekt ist in der Tat ein solider Inspo-Ordner an kompetent reproduzierten Retro-Sounds. Viele Songs wären 2019 wohl zu Hits geworden.
"Don't Make Me Love U" bringt eine überzeugende Quincy Jones-Pastiche zusammen. Es wäre nicht unplausibel, wenn auf dieser stählernen Drum Machine ein erstklassiger Michael Jackson-Imitator aus dem Nebel erschiene. "Whose Hair Is This" modernisiert stilsicher alte Motown-Vocal-Harmonien. Lizzo hat die Power, um deren Balladen-Game mitzuspielen. Und der Titeltrack? Der interpoliert für einen gewollt cheeky Song den Neunziger-One-Hit "Bitch" von Meredith Brooks.
Klanglich? Alles smooth. "Bitch" ist ein gefälliger Ritt durch ein nostalgisches Radioprogramm. Und doch hört man die halbe Stunde weg und fühlt sich am Ende nicht, als hätte man einen definitiven Popstar gehört. Vielmehr leidet Lizzo gerade an einem verheerenden Loss an Aura.
Vielleicht liegt das daran, dass die Vorwürfe ihre Feelgood-Story und -Persona überschatten. Vielleicht liegt es daran, dass hinter dem verbissenen Lächeln spürbar eine wesentlich gestresstere Person steckt. Es gibt keine wirklich direkte Referenz auf das Geschehene, bis auf eine Sprachmemo: "Lizzo is unproblematic". Ansonsten schimmert immer wieder eine eher unangenehme Opfermentalität durch, in der Lizzo eine Welt zeichnet, in der ominöse, rassistische Hater ihr grundlos Böses wollen.
Aber selbst wenn es diesen das Album überschattenden Kontext nicht gäbe: Am Ende des Tages zeigt Lizzo hier vor allem, dass sie es nie zum Pop-Auteur bringen wird. Was ihr in Emulation von beliebten Sounds gelingt, geht ihr in Sachen Songwriting völlig ab. Und hier schließt sich der Kreis: Vielleicht war das Problem an "Truth Hurts" rückblickend nicht, dass sie plagiiert hat. Sondern die Tatsache, dass sie einen Tweet plagiiert hat.
Auf diesem Album klingt sie durchweg millennial: Die forcierte Jugendsprache, die forcierten Memes, so viel im Songwriting klingt erzwungen. Mehr als alles andere fehlt ihrem Songwriting aber jede Mystik, jeglicher doppelter Boden. Sie wirkt wie ein Industrie-Profi, der Lines schreibt, von dem er glaubt, dass die Kids so etwas hören wollen. Sie klingt kaum mehr wie ein echter Mensch, der uns an ihrem Leben teilhaben lässt.
Und das ist vielleicht der größte Unterschied zu 2019. Lizzo war ein Underdog, eine Feel-Good-Story. Sie wirkte authentisch wie aus der selben Demographie, aus der auch die Memes und Tweets stammten, die ihre Texte bevölkerten. 2026 hört man diese Person nicht mehr. Lizzo klingt wie ein shitty Boss, der zum Alleinunterhalter-Mix einen Sack voll Plattitüden und Floskeln mitbringt. "Bitch" ist eine dünne Lackschicht an popmusikalischer Kompetenz und ein offensichtliches Megatalent. Aber es ist auch ein bitteres, verletztes Album, das nicht den Willen oder das Songwriting besitzt, die offensichtlich im Raum stehenden Emotionen effektiv in Musik zu verwandeln.


3 Kommentare mit 2 Antworten
"Ansonsten schimmert immer wieder eine eher unangenehme Opfermentalität durch, in der Lizzo eine Welt zeichnet, in der ominöse, rassistische Hater ihr grundlos Böses wollen."
Unglücklicher Satz, ma sagen.
Yanni meinte bestimmt was Anderes, aber ja: So geht der Satz nicht in Ordnung.
"Verheerender Loss an Aura"
Das Wort Verlust ist nicht pointiert genug...und die Alliteration war auch nicht erwünscht.
Quasi ein limitierender Loss an Synonymen.:)
Yannik Gölz raus!