laut.de-Kritik
Gegen jede Regel.
Review von Dani FrommHach! Songs, die den Test der Zeit schon in den 1970ern bestanden hatten, durch und durch vertraut, vom steten Gebrauch rundgeschliffen und glattpoliert wie Flusskiesel, sparsam arrangiert und unaufgeregt dargeboten. Ein Album, wie eine Kuscheldecke: warm, tröstlich, voller sentimentaler Erinnerungen. In "Stardust" kann man sich bedenkenlos fallen lassen. Vom ersten bis zum letzten Ton klingt es zart, absolut aufrichtig und wunderschön.
Allzu leicht ließe sich auf das schmale Brett geraten, hier habe einer auf Nummer ganz, ganz sicher gespielt. Man muss sich schier mit Gewalt vor Augen führen, welch rebellischer Geist, wie viel Risikobereitschaft und welches Ausmaß an Trotz es brauchte, um "Stardust" seinerzeit überhaupt zu realisieren.
Wenn all das irgendjemand auf diesem Planeten aufbringen konnte, dann ja wohl Willie Nelson. Wir reden immerhin von dem Mann, der einst in sein lichterloh brennendes Haus rannte, um seine schrottreife Gitarre zu retten. Okay, einen größeren Beutel gutes Gras wollte er dabei ebenfalls noch bergen, wie er sich in der Doku über sein Leben erinnerte. Sein Weed den Flammen zu überlassen: keine Option für den vermutlich einzigen Menschen, dem Snoop Dogg zutraut, ihn unter den Tisch zu rauchen.
Der Doggfather ist allerdings noch nicht einmal ein Welpe, als Willie Nelson längst an seiner Legacy arbeitet. Über Jahre hinweg hatte er sich hinter den Kulissen des durchaus ruppigen Country-Business eine Karriere als Songwriter aufgebaut. Sein eigener Weg ins Rampenlicht verlangte ihm Ausdauer und Nehmerqualitäten ab: Ganz rund lief es anfangs nicht für ihn. Das ändert sich erst 1975, dann allerdings so richtig: Sein Album "Red Headed Stranger" beschert im den ersten Nummer-eins-Hit, kommt bei Fans wie Kritik gleichermaßen bestens an und katapultiert Nelson unter die erfolgreichsten Country-Acts seiner ... ach, was: aller Zeiten.
Sein ehemaliges Label RCA will vom Kuchen, der sich da plötzlich materialisiert hat, auch ein Stück abhaben: Aus Archivmaterial von Waylon Jennings, Jessi Colter, Tompall Glaser und eben Willie Nelson schustern sie ein Album namens "Wanted! The Outlaws." zusammen, das nicht nur als erster Longplayer des Genres Platin-verbrämt wird, sondern auch seinen ganzen aufmüpfigen jungen Wilden das passende Etikett gleich mitliefert: Outlaw-Country.
Genau das erwarten sie sich entsprechend bei Columbia, als sie Willie Nelson in seinem (vermeintlichen) künstlerischen wie kommerziellen Zenit unter Vertrag nahmen. Allerdings nahmen sie Willie Nelson unter Vertrag, und der kontert alle Einwände seines Labelverantwortlichen Rick Blackburn mit drei Worten aus: "Why be predictable?"
Die Unvorhersehbarkeit, die er im Sinn hat, entsprang einem Zufall. An den wiederum erinnert sich der andere Beteiligte: "Ich wohnte damals in Malibu", erzählt Booker T. Jones im Texas Monthly-Podcast "One By Willie". "Eines Tages sah ich einen Typen den Strand entlangjoggen. Das ist jetzt noch nicht ungewöhnlich, da rennen die ganze Zeit Leute auf und ab. Aber bei dem dachte ich: Der sieht aus wie Willie Nelson. Aber das kann ja wohl nicht sein. Allerdings sah er immer mehr wie Willie Nelson aus, je näher er kam."
Er kam ziemlich nah. Wie sich herausstellt, leben der Country-Superstar und die R'n'B- und Soul-Legende, der Bandleader der M.G.s of Stax-Fame, quasi Tür an Tür, im selben Appartmentkomplex. Wenig später hocken sie schon mit Gitarre und E-Piano zusammen, sprechen über Musik, über Songs, die sie seit Kindertagen begleiten. Die Idee, sich solcher Titel anzunehmen, treibt Nelson schon eine ganze Weile um: "Ich habe, besonders beim Spazierengehen, viel und lange über Songs nachgedacht, die mich überhaupt erst dazu gebracht haben, Musik zu machen."
Zusammen mit seiner Schwester, Sister Bobbie Nelson, einer so versierten wie hingebungsvollen Pianistin, hatte er sich auch schon an der einen oder anderen solchen Nummer versucht, ist mit dem Ergebnis aber noch nicht glücklich. Also bittet er den neu gefundenen Freund nebenan, "Moonlight In Vermont" für ihn zu arrangieren. Was selbiger gerne tut und seinerseits weitere Songvorschläge in den Ring wirft. "Wir haben zusammen auf dem Balkon gesessen und Lieblingslieder gespielt", erinnert sich Booker T., "bis Willie irgendwann meinte: 'Warum machen wir das eigentlich hier und nicht im Studio?'"
Willie Nelson fährt also nach Nashville und unterbreitet seiner Plattenfirma die Idee eines Coveralbums. Handverlesene Lieblingslieder will er singen, Popstandards von George Gershwin, Kurt Weill, Irving Berlin oder Hoagy Carmichael. Im Hause Columbia reagieren sie ... nennen wir es "verhalten begeistert". "Sie sagten mir", schreibt Willie Nelson in seiner Autobiografie "
Ach, ist das so? Willie Nelson argumentiert, seine jüngere Anhängerschaft kenne die Lieder, die ihm vorschweben, größtenteils doch gar nicht mehr, in deren Ohren handle es sich somit ja um das neue Material, das von ihm angeblich erwartet werde. Zudem könne er mit Evergreens ein älteres Publikum erreichen, das bisher nicht zu seiner Zielgruppe gehörte. Er hätte sich die Diskussion sparen können: Bei Columbia raffen sie es nicht. Was zum Glück auch gar nicht nötig ist: Sein Vertrag sichert Willie Nelson die volle künstlerische Kontrolle über seine Arbeit zu, und die übernimmt er nun.
Mit dieser, seiner höchsten Trumpfkarte fegt er außerdem den Versuch gleich mit vom Tisch, ihm einen Produzenten vor die Nase zu setzen, der die Songs für den 08/15-Country-Geschmack und fürs Radio aufplustert. Nix da, für Willie Nelson stand von vorneherein fest, wer "Stardust" produzieren wird: sein Freund und Nachbar Booker T. Jones. Wie war das so, als Schwarzer Soul-Man im durchgehend weißen Country-Betrieb, 1977, Mr. Jones? "Ich weiß nicht, wie er das überhaupt durchbekommen hat, wahrscheinlich hat er ein paar Leuten den Arm ausgekugelt, oder so. Immerhin musste ich nie über Budgets oder Geld nachdenken, das war schon auch ganz schön."
Wobei die finanziellen Ansprüche so üppig gar nicht gewesen sein dürften: Um einerseits Willie Nelsons Stimme am besten zur Geltung zu bringen und andererseits den ehrwürdigen Songs Respekt zu erweisen, verzichtet Jones auf jeglichen Bombast. Backgroundvocals lässt er weg, Streicheropulenz braucht ebenfalls niemand. Sparsam fallen seine Arrangements aus, beinahe karg. Willie Nelson begleitet sich selbst auf der Gitarre, Booker T. steuert Orgel und Piano bei, am Klavier ist außerdem Sister Bobbie zu hören, die als Gastmusikerin und engster Teil der Nelson-Family natürlich mit von der Partie ist. Den Rest erledigt Nelsons eingespielte Liveband.
Die versammelt sich auch nicht in einem Studio, sondern im großzügig von Emmylou Harris für die Aufnahmen zur Verfügung gestellten Haus in den Hollywood Hills. Die Aufnahmetechnik wartet im Produktionsbus ihres damaligen Gemahls Brian Ahern. Vom in der Garageneinfahrt geparkten Van schlängeln sich die Kabel ins Haus, in dem sich die Musiker*innen ausgebreitet haben: Nelson und Jones residieren im Wohnzimmer, die übrigen Bandmitglieder verteilen sich über diverse Schlafzimmer. Mickey Raphael nimmt seine Mundharmonikaparts der Akustik wegen im gekachelten Bad auf.
Eine gute Woche Anfang Dezember 1977 währt dieser kreative Spuk, dann ist das komplette Album trotz mehrerer Bandsalate zwischendurch auch schon im Kasten. "Es hat sich nie angefühlt, als wären wir in Eile", so Nelson in seinen Memoiren. "Ich hatte massig Raum, um diese zeitlosen Songs in den Griff zu bekommen und über ihre Bedeutung zu meditieren. Ich hatte viel Zeit, um diese Melodien auf meine eigene Art und Weise zu liebkosen. Ich hatte die Freiheit, meine Gitarre sagen zu lassen, was gesagt werden musste."
Anfang Dezember 1977 aufgenommen, landet "Stardust" im April 1978 in den Läden. Willie Nelson hatte sich auch bezüglich des Artworks gegen sein Label durchgesetzt: Statt eines Porträts seiner selbst ziert ein Gemälde von einem Sternenhimmel das Cover. Susanna Clark, die Frau von Songwriter Guy Clark aus Texas, hatte den Glanz der Plejaden auf Leinwand festgehalten. Weil sich "das olle Zeug" so ja wohl erst recht nicht verkaufen lässt, presst Columbia nur eine kleine Auflage - und sieht sich alsbald mit der vielleicht größten Fehleinschätzung der Labelgeschichte konfrontiert.
"Stardust" schlägt ein wie die viel strapazierte metaphorische Bombe. Ungefähr alles, das das Label prophezeit hatte, trifft nicht ein, sehr im Gegensatz zu allem, das Willie Nelson im Vorfeld sagte. Treue Fans und Neulinge können andocken, Junge wie Alte, Publikum aus Country, Pop und R'n'B, sogar aus dem Jazz. Die ersten beiden Singles schießen direkt an die Spitze der Country-Singlecharts, die dritte erreicht immer noch Platz drei. Dass auch "Stardust", das Album, auf Platz eins der Country-Albencharts steht, verwundert da kaum, wohl aber, dass es die Hitliste einfach nicht mehr verlässt. 540 Wochen bleibt "Stardust" da vertreten, das sind mehr als zehn verdammte Jahre. In den Billboard 200 hält sich "Stardust" immer noch stolze zwei Jahre.
Die Kritiken fallen quasi durch die Bank positiv aus, loben Phrasierung und feines Gespür für unterschwellige Dramatik und ziehen Parallelen zu Bing Crosby und Frank Sinatra. "In Texas schwören manche Leute, Willie Nelson könnte auch 'The Star Spangled Banner' singen und sogar das soulful klingen lassen", schreibt etwa die New York Times. "Diese Sammlung altertümlicher Standards untermauert diese These ziemlich gut." Die Los Angeles Times lobt Nelsons Songauswahl: "Er ist also nicht nur auch in konventionellerem Pop zu Hause, er weiß nicht nur, wie man gute Musik schreibt, er weiß auch, wie man sie findet und in ihrer ganzen Erhabenheit präsentiert."
All Music preist Nelsons Fähigkeit, in die Nummern anderer komplett einzutauchen: "Willie macht sich diese Songs nicht nur zu eigen", schreibt Thomas Erlewine da, "er interpretiert sie auf eine Weise neu, wie es sonst niemand könnte." Dass er sich das überhaupt getraut hat, verdanken wir zumindest zum Teil auch wieder Booker T. Jones. Der nämlich hat dafür gesorgt, dass Willie Nelson "Georgia On My Mind" aufgenommen hat. Zunächst wollte er es gar nicht singen, weil er glaubte, mit der Version, die Ray Charles berühmt gemacht hatte, nicht konkurrieren zu können.
Muss er ja gar nicht, verklickerte ihm sein musikalischer Partner: "Diese Songs gehören nicht einem bestimmten Sänger. Sie gehören der Welt. Ray hat das auf seine Art gesungen, und du singst es auf deine." Seine Art bescherte Willie Nelson einen Grammy in der Kategorie "Best Male Country Vocal Performance". Warum aber überhaupt entweder-oder, wenn man beides haben kann? 1986 nahmen Willie Nelson und Ray Charles "Georgia On My Mind" noch einmal zusammen auf:
Selbst der sonst stets grantige Robert Christgau lässt sich angesichts von "Stardust" zu einem Lob hinreißen: "Ich bin wirklich glücklich darüber, dass diese Platte existiert", schreibt er in der Village Voice. "Nicht nur, weil Nelson ein großartiger Interpret ist - sein "Moonlight In Vermont" ist eine Offenbarung - sondern auch, weil er mir zehn großartige populäre Songs geschenkt hat, zu denen ich vorher nie besonderen emotionalen Zugang gefunden hatte."
Kurzer Nachtrag zum Thema kleine Auflage: Ja, bei Columbia müssen sie nachpressen. Nicht nur einmal. Acht Monate nach seinem Erscheinen erreicht "Stardust" Platin-Status, 1984 hat es den schon dreifach inne, und seit 2005 kommt das Album auf fünf Platin-Awards. Erweitert um diverse Bonustracks (die allerdings nicht aus den Originalsessions stammen) erfährt es über die Jahre mehrere Neuauflagen. 2015 wird "Stardust" in die Grammy Hall of Fame aufgenommen.
Für Willie Nelson die pure Genugtuung: "Was mir am meisten gefallen hat, ist der Schaden, den es bei dieser engstirnigen Denke angerichtet hat", feixt er in seiner Biografie. "Es herrschte Einigkeit darüber, dass Country-Fans keine Pop-Standards mögen, und dass sich mein junges Publikum nicht für alte Songs interessiert. Beides hat nicht gestimmt. 'Stardust' hat alle Grenzen und Schubladen gesprengt, und der durchschlagende Verkaufserfolg hat dafür gesorgt, dass ich danach nie wieder mit Plattenbossen herumstreiten musste. Von da an habe ich einfach ohne Diskussionen aufgenommen, was immer mir eingefallen ist, ohne groß nachzudenken oder zu analysieren." Ein Segen.
In der Rubrik "Meilensteine" stellen wir Albumklassiker vor, die die Musikgeschichte oder zumindest unser Leben nachhaltig verändert haben. Unabhängig von Genre-Zuordnungen soll es sich um Platten handeln, die jeder Musikfan gehört haben muss.


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