laut.de-Kritik
Eine homogene Masse aus Kitsch.
Review von Emil DröllDer Grat zwischen progressiver Leichtigkeit und absoluter Nervtötung ist manchmal erstaunlich schmal. Dass die aktuelle Yes-Fraktion genau diesen Grat bewandert, war bereits auf den letzten Alben zu beobachten. Auf "Aurora" entpuppt sich dieser Ansatz nun endgültig als Fehlkalkulation.
Jon Davison flüchtet sich permanent in höchste Tonlagen. Im Progressive Rock muss das keineswegs ein Problem sein, hier trägt es allerdings maßgeblich dazu bei, dass sich viele Songs kaum ernst nehmen lassen. Bereits der Titeltrack und Opener klingt zunächst wie der Vorspann zu einem Sonntagsmärchen, nur um sich wenig später in ein penetrant lebensbejahendes Gitarrenstück zu verwandeln, das eher an das Intro einer mittelmäßigen Sitcom der frühen 2000er erinnert.
Auf "Mirror To The Sky" wirkte dieses Zusammenspiel noch deutlich spannender. Dort trafen unterschiedliche musikalische Welten aufeinander, der orchestrale Bombast verlieh den Songs Gewicht und Atmosphäre. Auf "Aurora" hingegen klingt vieles schlicht zu schön, um wirklich gut zu sein.
Der Titeltrack markiert dabei zunächst den Tiefpunkt. "Turnaround Situation" punktet immerhin mit Eingängigkeit, kann seinen immer wieder durchscheinenden Kinderlied-Charakter jedoch kaum verbergen. "Love Lies Dreaming" flötet sich durch die Spielzeit, hier überzeugen eher die Gitarren als die Gesangsmelodien. Überhaupt gilt für große Teile des Albums: In den instrumentalen Passagen zeigen Yes noch immer, dass sie es drauf haben. Sobald Gesang und Instrumentierung jedoch zu einer homogenen Masse aus Pathos und Kitsch verschmelzen, wird es unerquicklich.
"Countermovement" schwillt auf stolze vierzehn Minuten an und das tut der Platte überraschend gut. Hier wird endlich getüftelt, hier gibt es Richtungswechsel, dynamische Brüche und sogar tiefere Stimmlagen. Vor allem aber findet die Band zu einem Songwriting zurück, das an die solide Mittelklasse der Vorgänger erinnert.
"Ariadne" setzt auf orchestrale Elemente und erkundet anschließend die weitläufigeren Gefilde des Progressive Rock. Auch hier blitzt jene Abwechslung auf, die man zuvor schmerzlich vermisst hat. "All Hands On Deck" wird plötzlich rockig, die erzwungene Romantik verschwindet, und prompt steht der stärkste Song des Albums im Raum.
"Outside The Box" denkt dagegen erstaunlich konsequent innerhalb der eigenen Komfortzone. Spätestens die "La-la-la"-Passagen stellen die Geduld auf eine harte Probe. "Emotional Intelligence" schlägt in eine ähnliche Kerbe und erinnert mit seiner aufgesetzten Euphorie unangenehm an den Opener.
Der Bonustrack "Jambustin'" hätte seinen Platz auf der regulären Tracklist durchaus verdient gehabt. Auch hier geht die Band deutlich energischer zur Sache. Von "Watching The River Roll" lässt sich das leider nicht behaupten.
Entgegen aller Marketing-Versprechen wagen Yes auf "Aurora" letztlich zu wenig. Die Band verfängt sich weniger in ihrer Vergangenheit als vielmehr in ihrer eigenen Komfortzone. Die musikalischen Fähigkeiten sind weiterhin vorhanden, die instrumentalen Momente oft sogar beeindruckend. Doch die übertriebene Harmonie, die permanenten Wohlfühlmelodien und der Hang zum Kitsch lassen das Album immer wieder ins Belanglose kippen.


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