laut.de-Kritik
Verliebtsein tut manchmal weh.
Review von Marie PütterEigentlich sollte Verliebtsein leicht sein. Zumindest erzählen uns das Liebeslieder seit Jahrzehnten. Olivia Rodrigo widerspricht dieser Idee schon mit dem Titel ihres dritten Albums "You Seem Pretty Sad For A Girl So In Love". In ihren Songs wird Liebe nicht zur Lösung aller Probleme, sondern zum Verstärker für alles, was ohnehin schon da ist – für Euphorie genauso wie für Zweifel, Verlustangst und obsessive Gedanken. Genau darin liegt die Stärke dieses Albums: Es romantisiert das Verliebtsein nicht. Zumindest nicht nur.
Schon vor der Veröffentlichung sagte Rodrigo, dass ihre Liebeslieder immer einen Hauch Melancholie hätten. Genau das macht dieses Album aus. Nach "Sour" (2021), dem Soundtrack des ersten großen Herzschmerzes, und "GUTS" (2023), das Wut und Coming-of-Age-Angst in Punk-Pop-Hymnen verwandelt, wirkt "You Seem Pretty Sad For A Girl So In Love" zunächst überraschend optimistisch. Es ist eine ihrer bisher experimentellsten und zugleich geschlossensten Veröffentlichungen, die eine komplette Beziehung von der Verliebtheit bis zum emotionalen Absturz erzählt.
Auch klanglich entwickelt Rodrigo ihren Stil weiter. Die Mischung aus Pop-Rock, Post-Punk und Synthpop erinnert immer wieder an Bands wie The Cure, New Order oder Weezer, ohne ihre eigene, sehr klassisch-pop-lastige Handschrift zu verlieren. Sie setzt auf schimmernde Synthesizer, große Gitarrensounds und dynamische Arrangements, die sich langsam aufbauen und dann explosionsartig entladen.
Bereits die erste Single "Drop Dead" macht deutlich, wohin die Reise geht. Rodrigo beschreibt das Verlieben in einen Typen aus dem Internet mit einer völlig überdrehten Euphorie, die immer schneller wird und schließlich explodiert. Dieses Hals-über-Kopf-Verliebtsein klingt genauso dramatisch, wie es sich manchmal anfühlt. Musikalisch erinnert mich das an die Energie von "Brutal" oder "Good 4 u" – klassisch Olivia und ein richtig guter Einstieg.
"Stupid Song" treibt diese Dramatik noch weiter. "They say that honest love is a cage that makes you feel free" fasst den Widerspruch des Albums perfekt zusammen. Rodrigo behauptet zwar, kein Liebeslied könne ausdrücken, wie sehr sie jemanden wolle, liefert aber gleichzeitig genau so ein Liebeslied.
Einen völlig anderen Ton schlägt "Maggots For Brains" an. Elektronische Synthesizer treffen auf treibende Gitarren und Drums, während Rodrigo beschreibt, wie sich räumliche Trennung für sie anfühlt: "I'm a sad shell of a woman and I've got maggots for brains, but that's just a thing that happens when my baby goes away". Ziemlich dramatisch, aber Distanz kann ja tatsächlich einiges mit einer Person anstellen.
"U + Me = <3" verbindet eingängige Gitarren mit einer erstaunlich mutigen Vorstellung von Liebe. Wenn Rodrigo singt, dass sie schon früher anderen dieselben Versprechen gemacht hat, den aktuellen Partner aber "by a million times" lieber mag, wirkt das gleichzeitig romantisch und irgendwie seltsam. "They say modern love is a cruel endeavor" trifft für mich einen weiteren total guten Punkt: In Zeiten von Situationships und Bindungsängsten wirkt der Glaube an ewige Liebe fast schon rebellisch.
Rodrigo hat nicht nur einen Song mit Robert Smith aufgenommen, sondern nennt einen Track gleich nach seiner Band: "The Cure". Inhaltlich hat das allerdings wenig miteinander zu tun, auch wenn der Sound die melancholische Post-Punk-Ästhetik und Dramaturgie von The Cure perfekt einfängt.
Der bereits vorab veröffentlichte Song beginnt ganz reduziert: nur eine Gitarre, ein schlichtes Strumming-Pattern und Rodrigos leicht raue Stimme. Erinnert musikalisch sehr an "Everlong" von den Foo Fighters oder an "Disarm" von den Smashing Pumpkins. Doch wie so oft auf diesem Album baut sich alles langsam auf, bis der Song mit voller Wucht ausbricht.
Gerade inhaltlich gehört "The Cure" für mich zu den stärksten Songs der Platte. Statt oberflächlicher Liebesbekundungen oder endloser Schmetterlinge im Bauch beschreibt Rodrigo, dass Liebe zwar guttut, aber eben nicht alle Probleme löst. "But my head is full of poison and my heart is full of doubt" fasst dieses Gefühl perfekt zusammen: Obwohl sie eigentlich glücklich sein müsste, bleiben Selbstzweifel und negative Gedanken bestehen – so viele, dass sie sich anfühlen, als würde Gift durch ihren Körper fließen. "But it don't matter how your love feels anymore / It'll never be the cure" oder "I got toxins in my bloodstream, you tried so hard to suck them out" machen deutlich, dass selbst die schönste Beziehung keine Wunderheilung ist, für alles, was sonst in ihrem Kopf passiert.
"What's Wrong With Me" ist Olivia Rodrigos erstes offizielles Feature, und das dann auch noch mit Robert Smith. Sie beschreiben, wie es sich anfühlt, in einer Gedankenspirale zu stecken: "I'm not feeling like myself, nothing ever seems to help", sie spürt ein Gewicht auf der Brust und kommt kaum aus dem Bett. Robert Smith versucht gar nicht erst, sie aufzumuntern (natürlich nicht) und antwortet mit derselben Hoffnungslosigkeit: "It's getting harder every day." Gemeinsam suchen sie nach einem Ausweg – "Tried meditation with a bottle of wine", "I can't eat, I can't sleep" – bis sie schließlich feststellen: "I think you're what's wrong with me."
Zwischen melancholischen Gitarren, deutlichen The-Cure-Einflüssen und Rodrigos poppiger Handschrift entsteht eine stimmige Mischung, die den Song zu einem der stärksten Momente des Albums macht. Ein Duett, das wirklich super funktioniert.
"You Seem Pretty Sad For A Girl So In Love" beweist am Ende nicht, dass Liebe kompliziert ist – sondern dass sie selten allein kommt. Bei Olivia Rodrigo stehen Glück und Zweifel nicht nebeneinander, sondern ineinander verschränkt: wie zwei Stimmen, die gleichzeitig singen. Verliebtsein wirkt hier nicht wie eine Lösung, sondern wie ein Verstärker – alles wird lauter, heller, aber auch brüchiger.


1 Kommentar
Das Album ist sehr stark, wie auch alle anderen zuvor.
Auch wenn ich nicht in erster Linie die Zielgruppen von Olivia Rodrigo bin - ihre Musik geht einfach ins Ohr. Auch dieses Album, vor allem der Stil geht gut ins Ohr.
Für mich eine der aktuell besten Pop-Acts.