laut.de-Kritik
Zurück in die Teenager-Hölle.
Review von Rinko HeidrichWer die letztjährige Placebo-Doku sah, bekam fast etwas Sorge um Brian Molko. Wie ein gebrochener Mann sprach er müde und vollkommen desillusioniert über die Schattenseite des Ruhms. Die tiefere Verbitterung konnte man trotz breiter Hutkrempe, tief ins Gesicht gezogen, und einer breiten Luxus-Sonnenbrille, die weiteren Schutz bieten sollte, erkennen. Da sprach jemand in die Kamera, fast apathisch gegenüber der Welt, der Musikindustrie und auch den eigenen Fans. Man kann nur mutmaßen, aber vielleicht kommt auch deswegen nun eine sogenannte RE:CREATED-Version des 1996er-Debüts auf den Markt. Eine Art Directors Cut, die das Album endgültig ins 21. Jahrhundert holen soll. Eine "Vollendung, keine Verbesserung" eines Debüts soll diese Neuinterpretation sein.
Das klingt ehrlich gesagt nach allerfeinstem Marketing-Sprech und der neuerlichen Möglichkeit, den Fans wieder eine teure Box anzudrehen. Es gibt auch viele Alben, die vielleicht eine bessere Produktion verdient hätten, aber bisher galt "Placebo" wohl kaum als Musterbeispiel für eine schlechte Produktion. Der Gedanke, sich aber noch einmal zu spüren, an das zu erinnern, warum man etwas so innig liebte, ist die nachvollziehbare Motivation für dieses Projekt. Wie ein Griff in die Schatulle, um die Polaroid-Fotos aus einer glücklicheren Zeit noch einmal anzuschauen und so einen wohlig-schmerzhaften Stich ins Herz zu bekommen. Fotos, die noch junge Menschen zeigen, die gerade erst das Leben für sich entdecken, voller Neugier und Hoffnung.
Genau das waren Placebo, als sie zum Peak des Britpop auf der Bildfläche auftauchten. Sie wollten sich bewusst von den anderen Bands abgrenzen, die gängigen Regeln brechen und den Mainstream herausfordern. Genau das war aus Britpop, der noch ein paar Jahre zuvor selbst das Anti-Establishment gewesen war, geworden: eine laute Lad-Kultur, patriotisch und von Männlichkeitskult durchsetzt. Placebo kamen wie Aliens in diese Welt. Brian Molko war ein schmächtiger, androgyner Sänger und die Musik nicht in der englischen Popmusik verwurzelt. Die Vorbilder kamen aus dem amerikanischen Alternative Rock - Bands wie Sonic Youth und Pixies - ein weiterer Affront gegenüber dem neuen britischen Selbstbewusstsein, dem sogenannten "Cool Britannia". Placebos Debüt war eine einzige Rebellion, aber hinter der provokanten Fassade stand auch viel Unsicherheit. Ein typisches Teenage-Angst-Album, das nach außen kratzbürstig wirken wollte, aber auch noch sehr verletzlich war.
So gesehen bedurfte es nicht unbedingt einer Neuinterpretation, weil das originale "Placebo"-Album genau diesen Vibe sehr gut einfängt. Es ist fast beängstigend, wie unfassbar gut und vollendet diese noch sehr junge Band bei ihrem Debüt war. Überlegt man, wie lange andere große Bands sich über mehrere Alben erst finden mussten, ist es erstaunlich, wie sehr dieser erste Aufschlag bereits der Blueprint für später war. Die RE:CREATED möchte nun dem verängstigten Teenager-Ich mehr Selbstbewusstsein beibringen. So zuckt man bereits bei den ersten Tönen von "Come Home (Re:Created Version)" zusammen. Das Drumming knallt, die Stimme von Brian ist nun komplett nach vorne gemischt und die Gitarren klingen weniger erdig. Ein ziemlicher Wall of Sound baut sich nun auf. Schwierig, wenn man "Placebo" noch in seiner "unvollendeten" Ur-Fassung kannte und genau diese, noch unperfekte Schärfe mochte.
An der Qualität ändert das freilich gar nichts. Ein Album, das mit "Come Home" und "Teenage Angst" startet und auch danach zu keinem Zeitpunkt abflacht, darf man getrost als Klassiker des 90er-Alternative-Rock bezeichnen. Es ist eher ein moralischer Konflikt, ob man wirklich analoge Fotos aus der Vergangenheit nimmt oder sie noch einmal mit Photoshop bearbeitet. Das Pure, Unverfälschte geht bei dieser Neubearbeitung verloren. Zum Glück sind die verzweifelten Lyrics nach wie vor so stark wie eh und je. "Since I was born I started to decay / Now nothing ever, ever goes my way", singt Molko in "Teenage Angst", und schon sind alle Hörer:innen wieder zurück im Fatalismus der Teenager-Hölle.
Ansonsten gönnt sich RE:CREATED ein großes Make-Up: Statt billem Edding bekommen die Nägel nun eine schicke Edel-Lackierung verpasst, und was mal den Charme einer abgenutzten VHS-Kasette hatte, ist nun knackiges 4K. Das erinnert wirklich mehr an die Placebo des 21. Jahrhunderts, die mit einem zunehmend kräftigen Sound in die großen Stadien und an die Spitze der Line-Ups wollten. Wobei das nun auch harsch formuliert ist, schließlich gibt es auch Fans, die erst mit den hoch produzierten, poppigen Alben wie "Loud Like Love" einstiegen. Denen dürfte der neue, muskulöse Sound durchaus zusagen oder keinen besonders großen Umstieg abverlangen. "Nancy Boy" und "Bruise Pristine" spucken weiterhin ihren puren Hass gegen eine engstirnige und homophobe Gesellschaft aus, jetzt noch einmal mit Monster-Energy-Getränk in der Hand.
Leider konnte man wohl nicht davon absehen, dem grungy Charme von "Lady of the Flowers (Re:Created Version)" noch ein paar cleane Streicher-Arrangements zu gönnen. Den Mix auf Endstufe zu drehen und Kanten zu glätten, ist eine Sache, aber das ist ein Eingriff, der dem rohen Charakter des Debüts einfach nicht gerecht wird. Kleinigkeiten, die so manchem Fan-Herz - gerade wenn man die Band noch in ihrer ungestümen Phase kennenlernte - einen Stich versetzen.
Lasst uns beten, dass Chris Martin nicht auch noch ein Re-Arrangement von "Parachutes" plant. Ansonsten bleibt "Placebo" ein nahezu perfektes Debüt-Album. Da kann Brian nun auf doppelter Lautstärke "Every sky is blue, but not for me and you" singen, und es berührt auch nach dreißig Jahren. Dieses Album aus der Mitte der Neunziger klingt, egal in welcher Version, immer noch erstaunlich zeitlos. Der punkige Hass, die verträumten Sehnsuchtsmomente und der androgyne Glam bilden immer noch ein Meisterwerk. Vielleicht haben Placebo bei dieser Zeitreise wieder ihre Seele entdeckt und damit die lange Sinnsuche von Brian Molko beendet.


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