laut.de-Kritik
Assoziative Lyrics, serviert auf wunderbaren Beats.
Review von Julius StabenowNach "Delirium" hatten einige Edgar Wasser (und Fatoni) schon abgeschrieben: Das Konzept satirischer Songs, die ein offensichtliches Thema inhaltlich mit der Holzhammermethode komplett ins Gegenteil ziehen, hatte sich erschöpft. Zu gezwungen wirkten die Texte, zu verkopft klangen die Tracks. Die beiden schienen in einer Karriere-Sackgasse angekommen zu sein. Gesellschaftskritischer Rap mit Zeigefinger hatte seinen Peak überschritten und war vorerst auserzählt.
Ob dies direkten Einfluss auf Edgar hatte, kann man nur erahnen. Interviews gibt er nach wie vor keine. Ähnlich wie viele seiner etwa gleichaltrigen Kollegen aus diesem speziellen Subgenre legte Edgar nach dem goldenen Deutschrap-Zeitalter um 2014 erstmal eine qualitative Talfahrt ein, bevor es musikalisch wieder bergauf gehen konnte. Zum Glück durchschritt er dieses Tal langsam, aber konsequent und erreicht mit seiner neuen EP "Neurodiversitäter" einen ersten Gipfel.
Die wichtigste Erkenntnis: Auf dem neuen Release fokussiert sich Edgar Wasser ganz auf die Stärken, die ihn in seiner kommerziellen Hochphase ausmachten. Keine unnötigen Experimente, keine verkrampft in Songs gepressten Konzepte. Der Künstler setzt auf assoziative Texte mit endlos vielen Anspielungen und Referenzen an Politik, Popkultur und Hip Hop-Szene – aber bei deutlicher musikalischer Weiterentwicklung.
Überhaupt die Instrumentals: Von Edgar selbst produziert, findet er endlich einen Sound, der komplett unironisch klingt. Bisher verlor sich der Münchener oft in vielen kleinen Spielereien, die den Witz der Lyrics unterstreichen sollten, den Hörenden damit aber die Spontanität und den Interpretationsspielraum nahmen.
Die neue Formel erzeugt nun viel mehr Atmosphäre und fügt den Tracks eine zusätzliche Komponente hinzu, macht sie vielschichtiger. Irgendwo zwischen Boombap, Lo-Fi und smoothen Jazz-Samples: Die durchgängig hohe Qualität und der warme Vibe der Beats verleihen dem Album seinen roten Faden, wodurch die vielen lyrischen Ideen, die Edgar von einem Gedanken zum anderen springen lassen, besser eingefangen und in ein Gesamtkonzept eingebaut werden können.
Oberflächlich betrachtet lassen sich die meisten Songs jeweils einem übergeordneten Thema zuordnen, das dann meist schon der Titel verrät, wie etwa auf "Kaufsucht" oder "Bösewicht". Spätestens nach der Hook endet dann oft der thematische Bezug. Ein absolutes Highlight und hervorragendes Beispiel dafür findet sich in "Geldmachtsex".
Während sich Edgar im Refrain noch wundert, wieso sich die Erde nicht mehr um die Sonne, sondern um die drei Schlagwörter im Songnamen dreht, hangelt er sich von Punchline zu Punchline, wenn er Lines aus dem Handgelenk schüttelt wie Spiderman. Die Vorliebe für Deutschrap-Referenzen verbindet Edgar dann liebend gerne mit Filmzitaten oder gesellschaftlichem Bezug. Diese Mischung perfektioniert er etwa auf "Augenzeugen".
Edgar will keine Karriere machen, er will immer Underground bleiben – auf kaum einen Rapper hat dieses aus einem Savas-Song entlehnte Zitat mehr zugetroffen, als auf den Münchener MC. Diese Scheiß-egal-Haltung zeichnete Edgar Wasser schon immer aus und machte ihn auch in der schwächeren Phase seiner Karriere eigentlich unangreifbar.
Die vielen Anspielungen und Referenzen auf "Neurodiversitäter" wirken so nerdig und auf sympathische Art hängengeblieben, dass man schon dabei gewesen sein muss. Oder wer achtet heute ernsthaft noch auf sein Hinterbein, denn es könnte Shiml sein? Oder wer kennt überhaupt noch den Rapper Shiml? Oder das legendäre Ercandize-Interview? Oder Ercandize? Oder wildes Händegefuchtel des Gegenübers gepaart mit "Yo Yo Motherfucker"-Rufen, wenn man zugibt, dass man Rap hört?
Ich tue es jedenfalls, und damit kriegt mich dieses Album zu 100 Prozent. Denn wenn Wikipedia nicht lügt, sind Edgar und ich ein Jahrgang und in einem sehr kurzen, aber unbeschwerten Zeitabschnitt erwachsen geworden, in dem Deutschraps Potte leer, aber die illegalen Downloadzahlen Gold und Platin eingefahren haben, wenn die Mucke nicht eh umsonst angeboten wurde.
Es kann kein Zufall sein, dass so viele Künstler aus dieser Zeit auch heute noch aktiv und in ihrer Nische mehr oder weniger erfolgreich Musik veröffentlichen. "Neurodiversitäter" bleibt ein Zeugnis dieser Hip Hop-Epoche, nur mit viel besseren Beats und gesellschaftlichen Themen, die wohl leider nie aus der Mode kommen.


1 Kommentar mit 4 Antworten
Der ist mir nicht OG genug. Ich hör nur Rap von Menschen, die mindestens 3x ein Messer in sich stecken hatten. 3x ist relativ safe, weils halt auch öfter mal Unfälle in der Küche gibt.
Wenn das ragebait sein soll, okay, kann mensch machen, ist hinreichend dumm und halt durch das reduktionistisch-systemblinde Framing provokativ. Dann bliebe halt noch die Frage, warum du so dringend ragebaiten möchtest…
Wenn das lustig sein soll…
Ist auf jeden Fall Ragebait für Privilegierte, die einerseits Bewusstsein fürs armutsbeförderne System, und andererseits so weit davon entfernt sind um meinen zu können, paternalistische Anforderungen an Realness haben zu dürfen
Ich denke viel mehr, dass ablehnende Haltung von Lehrkräften gegenüber ADHS-Schülern die neue, wirkliche Gewalt darstellt. Im Übertragenden Sinne kann man hier natürlich von Messern sprechen, die auf einen Körper einprasseln, aber Rap-Musik wird, so denke ich, das neue "Crawling". Wir müssen hier ganz dolle aufpassen und dürfen uns den Schneid nicht abkaufen lassen, zumal sowieso längst klar sein dürfte, dass jeder gut so ist, wie er eben ist - oder sie halt.
Zwei Sachen:
1. Hast du gerade einen Schlaganfall? Aus deinem Erguss kann ich lediglich „ja ist ragebait“ als Information extrahieren.
2. Warum möchtest du so dringend ragebaiten?