laut.de-Kritik
Seine Nase ist doch eh schon blutrot.
Review von Franz MauererJeder hat so Bands, von denen er weiß, dass sie gut sind; die zumindest viele Menschen, die Ahnung haben – bzw. die den eigenen Musikgeschmack oftmals teilen – gut finden oder die mit Musikern kooperieren, die man selbst klasse findet, die sich einem selbst aber partout nicht erschließen. Lambchop gehört bei mir in diese Kategorie. Immer ein wenig zu ruhig, dabei mag ich ruhige Musik. Aber zu wenig Stimmung, zu wenig Dringlichkeit für meinen Geschmack, ich glaube nicht, dass ich überhaupt schon mal ein Album der Band bewusst gehört habe, weil ich immer irgendetwas anderes fand, was mich mehr faszinierte. Deshalb die ganz bewusste Meldung für "Punching The Clown". Zumal der Titel offensichtlich gut ist.
Das Ergebnis vorweggenommen: Ich musste noch mal ran an die 15 (je nach Zählweise auch 16) Alben davor ran, denn das Clowngeschlage ist hervorragend. Es könnte aber einer meiner Favoriten in der Diskographie bleiben. Reduziert auf Kurt Wagners Stimme, Justin Vernons Banjospiel, Andrew Broders Akustikgitarre und einen sparsam eingesetzten Chor schlägt Wagner emotionaler und direkter zu.
Wenn der Chor, geleitet vom New Yorker Tausendsassa und Vernon-Kumpel Blake Morgan, zum Einsatz kommt, dann so richtig wie auf "A Doctor In The House" oder besonders intensiv auf dem spektakulär im Stop-And-Go die Kupplung schmauchenden "Andrew Jackson Asshat"; und das weder nur als Druckmittel, noch nur als Deko, sondern als eigene Fähigkeit. Chor ist gar nicht richtig, es sind Chöre – beide führt Blake an, einer ist aus Eau Clair mit sechs Stimmen, einer aus London mit deren elf, und sie drücken diesem Album ihren Stempel weniger durch häufige Präsenz, als durch ihre Wirkmächtigkeit auf.
Der frische Vernonwind tut Wagner ungemein gut. Nach dem Hören der letzten Alben spürt man förmlich, dass die wenigen schwächeren Songs wie "Weakened" oder "Stella" dort die Kurve nicht bekommen hätten. Gerade "Weakened" hat Stellen, die zum Weinen schön sind, aber auch ein dürres, Wagner-typisch verkitschtes Rückgrat, das Chor und Banjo festigen müssen.
"Stella" hält da nicht ganz mit in den Höhen und Tiefen, es plätschert. Das bleibt aber die Ausnahme, Vernon zieht wie auf "Afterburner" fast (mit Ausnahme des skizzenhaften "Cigar" und des sich zu selbstgerecht in Trauer suhlenden "To Do") immer rechtzeitig an. Die Texte sind ebenfalls ganz Lambchop-gerecht gelungen, düster und abstrakt. "Existential angst", "I'm broken", "we're so broke", das sind die Bilder, immer passend eingebettet und immer positiv klingender vorgetragen. Ein Bill Callahan wird aber auch nicht mehr aus Kurt, es passt halt "nur" gut, träumen tut man davon nicht.
Der textlich besonders reflektierte und durch den wunderbar düsteren Chor getragene Titeltrack läutet ein Hoch ein, Albumhighlight "White People" in seiner biblischen, fatalistischen Entschlossenheit würde David Eugene Edwards auch gefallen. Das coole "The New World Wave" hält das Niveau in blauem Country. "No Chicago" fährt zum Schluss noch das ganze Register der Chöre auf.


1 Kommentar mit 4 Antworten
lang nix mehr gehört von den Trauerklösen! Entspanntes gejohle und gejaule.. Musik für intellektuelle schwermütige gescheiterte Familienväter
Danke für den Tipp, werde mal Reinhören!
=)
dafür nicht! ich kann dir Damaged von den Jungs empfehlen
Ich würde zum Einstieg „Awcmon / Noyoucmon“ empfehlen.
Mir finde das neue Album aber auch prima.