laut.de-Kritik
Die Priesterin des Dariacore in absoluter Topform.
Review von Yannik GölzIch bin keine kredible Person, um euch zu erklären, was Dariacore jetzt schon wieder sein soll. Ich war nicht in den Soundcloud-Trenches, als irgendwelche queeren Teenager so hart absolute Mashup-Transzendenz erreicht haben, dass man darauf eine Religion errichten konnte.
So in etwa muss das aber gelaufen sein. Wahrscheinlich ist es jetzt auch schon wieder bald vorbei, denn wie wir alle wissen, ist es ein schlechtes Zeichen, sobald etwas einen Namen hat. Vor allem einen so ominösen Namen: Dariacore. Guckt mal, Digicore hat einen noch kantigeren, noch tiefer im Discord-Sumpf steckenden Cousin. Aber du hast wahrscheinlich nicht davon gehört.
Aber selbst, wenn Dariacore schon wieder auf dem Weg raus sein sollte, erwischen wir das Genre immerhin noch auf einem guten Fuß. Denn mit "Status Update Music" bekommen wir seine große Priesterin Jane Remover zurück auf ihrem notorischen Leroy-Alter Ego in absoluter Topform. Dieses etwa einstündige Mixtape gibt es (wahrscheinlich aus Gründen absoluter Un-Sample-Clearbarkeit) gerade nur auf Bandcamp und Soundcloud zu hören, es geht etwa eine Stunde und fühlt sich an, als würden im Halbschlaf neben dem Bett zehn Handys einen Chor der TikTok-Feeds anstimmen.
Dementsprechend kommen wir jetzt zu dem Punkt, an dem ich euch irgendeine halbfunktionale Arbeitshypothese präsentieren sollte, was dieses Dariacore ist und woran man es erkennt. Und ich würde vorschlagen, dass die absolut manische, überdrehte und bizarre Verwendung von Samples die musikalische DNA von zumindest diesem Album ist. "Status Update Music" schmeißt wirklich alles in den Mixer. In der einen Sekunde hören wir einen Zehnerjahre-Hit von Enrique Iglesias, dann hören wir die Geräusche aus einem Pokemonspiel, darüber flippen wir einen Zara Larsson-Song, wir klatschen die Bridge von Aespas "Supernova" drüber, ein paar Adlibs von Danny Brown, ein paar alte Datpiff-Mixtape-Anmoderationen, einen Tracktitel von Lil Uzi Vert. Und wenn alles angemessen unangemessen reizüberflutet, dann klatscht uns irgendein infernalischer 2013-Brostep-Drop ins Nirvana.
Der erste Impuls wäre jetzt natürlich, hinter diesem Mahlstrom popkultureller Artefakte so etwas wie Nostalgie zu vermuten. Wenn, dann wäre es eine sehr chaotische und ziellose Nostalgie. Ich glaube aber nicht, dass dieses Album seinem Sample-Material besonders wertend gegenübertritt. Wahrscheinlicher wäre es, dass Leroy eine Collage aus all der Internetkultur baut, die im letzten Jahr ihres Lebens auf sie einprasselte.
"Status Update Music" emuliert auf eine ziemlich interessante Weise die Erfahrung des kontemporären Internets. Nicht nur des Internets - wenn man so will, der ganzen Welt. Da ist ein gewisser kosmischer Horror darin, wie viel die Umwelt in Zeiten moderner Werbung mit uns kommunizieren möchte. In kaum einer Stadt kann man vor die Tür treten, ohne dass diese verdammt cleveren Werbe-Bastarde strategisch gesetzte Schlüsselreize auf dich einprasseln lassen. Guckt man auf sein Handy, wird das nur schlimmer. Im Doomscrolling hagelt eine Hook nach der anderen auf uns ein. Und auch hier gilt, dass die Leute, die diese Hooks schreiben, genau wissen, wie sie unsere tiefsten Gefühle von Mangel und Angst triggern können.
Das ist das Gefühl, das "Status Update Music" in meinen Augen abbildet. Und es verhält sich diesem Gefühl gegenüber absolut wertneutral. Diese Reizüberflutung ist nichts Gutes, nichts Schlechtes. Sie ist einfach nur der State of Art. Die Welt, in die die aktuelle Generation geworfen wurde. Ergo wird es Zeit, einen Sound zu finden, der dem ewigen TikTok-Scroll gerecht wird. Dariacore könnte als so ein Versuch gewertet werden. Interessanterweise sind die Songs nicht einmal kurz, sie sliden nur durch eine Passage nach der anderen, bauen überraschend komplexe Songstrukturen. Und bringen das dann auf den Dancefloor. Da ist etwas ehrlich Progressives darin, wie Leroy das Material am Ende zusammensetzt. Nennt es Prog-Brainrot. In jedem Fall fühlt es sich angemessen an.


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"Nennt es Prog-Brainrot"
Brain Remover