laut.de-Kritik
Donnernde Dub-Gewalt unterbricht die Meditation.
Review von Philipp KauseWir erleben allzu oft die Enttäuschung, dass ein toll gestarteter Artist nach ein, zwei Alben sein angestautes Pulver verschossen hat und das Debüt das energetische Vermächtnis bleibt. Bei Marcus Gad habe ich einen umgekehrten Eindruck. Vor einigen Jahren bin ich bei einem Ein-Tages-Festival eingeschlafen, als ich während Marcus Gad & Tribe auf die nachfolgende Band gewartet habe und den Neukaledonier als zäh, sich wiederholend, langweilig empfand. Vier Mal gegähnt bei den vorherigen Scheiben, aus Routine ins fünfte Album "For All" hinein gehört - war ich doch sofort entzückt. Dieses Mal macht es klick.
Und zwar an folgenden Stellen: Da gibt es endlich das wieder in voller Schönheit, was so vielen Hip Hop-, Reggae- und Dancehall-Produktionen heute abgeht, seit sie vom Trap infiziert wurden - Bass en masse. Die Kickdrum vibriert, die Basssaiten von David Garcia glühen in Erregung - so soll es sein, und das ist ein Markenzeichen des amerikanischen Producers Tamal, der hier mit am Werk ist und sich voller Dub-Gewalt in "Where Mi Come From" entfaltet. Es grummelt und donnert erstklassig auf diesem Longplayer.
Dann funktioniert der Wechsel zwischen gesprochenem Wort (z.B. Minute 2:17 bis 2:32), mehrstimmigen Harmoniegesängen (immer er selbst), Ragga-MC'ing, dubbigem Geblubber und Singen sehr 'flowful' und geschmeidig. Dann ist es wohl auch ein bisschen Gefühlssache: Die ganze Platte wirkt inspiriert und nicht einfach wie eine in einer Serie, sondern, beginnend mit dem naturalistischen Cover, so, als ob sich hier wirklich Ideen Bahn brächen.
Gut, die Erfindung des Rades ist das nicht. Eher meditative Gleichmut im Titelstück und im Closer "Home" - rundherum eine Platte von gehobenem Niveau in einem stark standardisierten Genre, den Modern Roots, zu denen sich mindestens New Kingston, Raging Fyah, die deutschen Unlimited Culture, die italienischen Mellow Mood und Alborosie und die senegalesischen Meta And The Cornerstones rechnen lassen können. Modern - und Roots?! Wie können Roots denn modern sein, mag man einwenden. Das ist eben eine schmale Gratwanderung.
Häufig mit dem Ergebnis, dass sich alles wie ein Klangteppich ohne Konturen anhört, alles gleich, monoton. Hier passiert dagegen einfach mehr, zum Beispiel wenn Sprachfetzen und Bläser miteinander verquirlt sind wie in "Honor Dem". Oder wenn Marcus heiß läuft, sobald er über seine Heimat-Insel Nouvelle-Calédonie, quasi bis heute französische Kolonie, und deren bedrohte Natur zu sprechen bzw. zu 'chanten' kommt.
Hier bei "For All" bleibt man eher bei der Stange. Dazu trägt Gast Dezaries Abrechnung mit Social-Distancing und Klimakrise in "The Code ft. Dezarie" bei. Elastischer Boom-Tune, tolles Teil! Ein weiterer spannend aufgebauter Track, mit E-Gitarren-Solo (Raphaël Baldy), "Shine A Light", hebt sich von der Kopfnicker-Repetitivität früherer Alben ab. Dann gibt es eingängige Nummern, die unmittelbar zünden und ihren unwiderstehlichen Groove haben: "Nah Identify" und "Fruit And Flower", das von einem Clavinet profitiert. Insgesamt also ist hier ein Neuanfang spürbar und gelungene, catchy Platte, die ihre Roots nicht verrät, aber doch von vielen gehört werden will.


1 Kommentar
Raggae, immer wieder nett, wenn es nicht zu nervig daherkommt. Das hier klingt klasse!