Girlpower, Trip Hop, das "Dark Side Of The Moon" der harten Stromgitarrenmusik, die erste hyperfeminine Rapperin und ein Sampling-Meisterwerk.
Konstanz (laut) - "Es ist neunzehnsechsundneunziiiig!" Von denen, die dabei gewesen sind, kommt die Fortsetzung reflexartig, unkontrollierbar, direkt aus dem vegetativen Nervensystem: "Meine Freundin ist weg und bräunt sich in der Südsee." Wollen wir uns hier aber wirklich an Fettes Brot erinnern? Oder daran, dass ihr erster Hit jetzt auch schon drei Dekaden auf dem Buckel haben? Jein. Eher schon an diese ganz famosen Werke, die heuer ebenfalls ihr Dreißigjähriges feiern:
Manches, das uns heute umtreibt, warf 1996 bereits Schatten voraus. Den Siegeszug von KI sahen seinerzeit zwar allenfalls ein paar Visionengeplagte und Science-Fiction-Autor*innen kommen. Dass mit Deep Blue aber erstmals ein Computer einen russischen Schachgroßmeister bezwang, gestattete einen Einblick in eine Zukunft, in der Maschinen den Menschen haushoch überlegen sein werden. Das Internet war noch nicht allgegenwärtig. Vor 30 Jahren freute man sich noch über die erste größere Onlineveranstaltung weltweit, "24 Hours in Cyberspace", und fand sich innovativ as fuck, wenn man sich "Telling Lies" von David Bowie runtergeladen hatte, eine der ersten digital zum Download angebotenen Singles überhaupt.
Abgesehen davon war die Welt noch analog. Der Steptanzhorror "Lord Of The Dance" wurde uraufgeführt und bescherte in der Folge gemeinsam mit "Riverdance" Alpträume voller in langen Reihen hampelnder Irlandklischees. Kaum war man wach, jaulte es von irgendwoher "Time Tooooooo Saaaaaaaaay Goodbyyyyyyyyyyeeeee". Der theatralische Heuler, mit dem Sarah Brightman und Andrea Bocelli Henry Maske aus dem Profiboxertum vertrieben, schlug manch ein Gehör k.o.
Gefahrenzone: Preisverleihung
Kein Wunder, dass alle durchdrehten: Jarvis Cocker etwa stürmte bei der Verleihung der BRIT-Awards die Bühne, um Michael Jackson während seines Auftritts seinen Hintern ins Gesicht zu halten. Die aufwändige Performance hatte ihm wohl nicht gefallen: Nachdem er sich noch mit den Securitys ein Handgemenge geliefert hatte, kritisierte der Pulp-Frontmann Jacksons Selbstverständnis als angeblich wundertätige, Christus-ähnliche Figur.
Die Gallagher-Brüder, denen man Prügeleien auf der Bühne viel eher zugetraut hätten, lieferten sich bei der Verleihung der MTV Video Music Awards in New York dann auch beinahe eine: Während eines Gitarrensolos von Noel bedachte Liam ihn mit unflätigen Gesten, spie dann Bier über die Bühne und rannte davon. Ja ... wenig überraschend, bei diesen beiden. Eher schon, dass sie es geschafft haben, wenige Wochen zuvor in Knebworth ihre Shows, mit denen sie Publikumsrekorde brachen, halbwegs zivilisiert zu absolvieren.
Die Wissenschaft florierte: Mit einem Schaf namens Dolly erblickte 1996 zum Beispiel das erste geklonte Säugetier das Licht der Welt, und den Nobelpreis für Medizin? Den gaben sie Peter Doherty. Ja, ehrlich! Allerdings nicht dem, sondern ihm hier: Der australische Tiermediziner und Immunuloge hatte entscheidend zum Verständnis der Immunabwehr bei Virusinfektionen beigetragen.
Nicht besonders gut liefen dagegen die Geschäfte für MC Hammer: Er musste im Jahr, in dem die Telekom an die Börse ging, Insolvenz anmelden. Auch für Fans von Take That brachen harte Zeiten an: Nachdem Robbie bereits im Jahr zuvor seinen Hut genommen hatte, gaben nun auch die zurückgelassenen Boys das Ende der Group bekannt. Unter Heulen und Zähneklappern der Fangemeinde, versteht sich.
Ersatz war allerdings bereits unterwegs: Bis Slayyyter, Lorde, Lil Peep, Sierra Kidd, Playboi Carti oder Lewis Capaldi soweit sein würden, dauerte es zwar noch, die waren 1996 ja eben erst geschlüpft. Rechnen musste man dagegen bereits mit den frisch gegründeten Queens Of The Stone Age, Gojira oder Coldplay, mit den Sportfreunden Stiller oder Freundeskreis oder mit einer Band namens Xero, deren Namen wir allerdings direkt wieder vergessen können, bekannt wurden die später als Linkin Park.
Time To Say Goodbye
Die einen kommen, die anderen gehen. Dave Gahan blies sich anno 1996 mit einem Speedball für zwei Minuten das Licht aus. Dass er in der nachfolgenden Aufzählung fehlt, verdankt er allein den rechtzeitig herbeigeeilten Rettungskräften. Für andere kam jede Hilfe zu spät. Tupac Shakur erlag seinen Schussverletzungen, die einzig wahre Silly-Sängerin Tamara Danz dem Krebs, der unvergleichliche Rio Reiser hatte sich erfolgreich totgesoffen, es tut immer noch weh. Außerdem verlor die Welt 1996 den Bluesmusiker Johnny 'Guitar' Watson und Ella Fitzgerald, damals und auf immerdar die First Lady of Song.
So klingt 1996
Wie immer reichte der Platz in obiger Liste natürlich nicht ansatzweise, um auch nur Bruchteile der musikalischen Bandbreite des Jahres abzubilden. Ein bisschen besser geht das im Radio, da haben wir Platz genug. Wenn euer Lieblingslied von 1996 in unserer handverlesenen Auswahl also fehlt: Gut möglich, dass ihr es bei laut.fm/bestof1996 findet. Ja? Ich mein': nein? Jein?!






























































































































































































































































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