laut.de-Kritik
Man müsste Keenan mal ein Instrument beibringen ...
Review von Franz MauererGanz schön lange her – vielleicht bei "Jazz Ist Anders"? Jedenfalls schon ein Weilchen her, dass ein Albumtitel ähnlich abschreckend wirkte. Denn einfach nur eine Ziffer zu vergeben oder ein Album "Titty Twister" oder so zu nennen, ist natürlich nicht gut, aber eben auch nicht so debil verstohlen grinsend wie "Normal Isn't". Zumal sich als Deutschsprachiger natürlich aufdrängt zu rufen: "Samt aber schon!". Puscifer sind zurück und damit der einzige Mensch, der in Hommage an South Park seine eigenen Pupse riecht und trotzdem vernünftige Musik macht: Maynard James Keenan.
"Bicker bicker bicker / People getting sicker / Needle needle needle / Giggle giggle titter" – joa. Der Opener "Thrust" wirkt gekünstelter als Kader Loth; die Musik tritt in den Hintergrund vor Keenans linkischen, oberflächlichen Gesellschaftszuschreibungen. Carina Round spielt wie schon auf dem Vorgänger "Existential Reckoning" eine prominente Rolle. Ihr Gesang läutet den Song aus. Prominent heißt aber nicht dominant. Zwar unterstützt sie selten lediglich Keenans Führung, reiht sich aber in zahlreiche (oftmals elektronische) Elemente ein, die eine Keenan-basierte Grundidee nur verzieren.
Der Titeltrack macht es besser und erfüllt den von der Band geäußerten Wunsch nach einem gitarrenlastigeren Sound. Eine solide Alt-Rock-Nummer, die den Aufbau aber irgendwann verschlampt und zu lange vor sich hin wogt. Die Single "Self-Evident" kommt zwar mit deutlich weniger Gitarrenbreite aus, im Geiste sind sie aber, wie alles auf dieser homogenen Scheibe, Brüder. Greg Edwards und Mat Mitchells (der auch wieder produzierte und mixte) Bässe treiben extrem sauber ausproduziert voran, aber immer nur in Phasen, bis Keenan Raum braucht für die nächste seiner Ideen. Das läuft dann wie eine Goth-Rock-Variante von GBV, nur ohne die Lässigkeit von Pollard.
"Bad Wolf" tappt in eine ähnliche Falle wie alle anderen Tracks: Vages Gerede darüber, wie dumm, borniert und engstirnig alle (anderen) Menschen und wie doof das Internet doch seien. Das wirkt doch reichlich altbacken. Tool und APV waren nie für ihre lyrische Tiefe bekannt, aber manchmal durch ihre Wahrhaftigkeit. Die reiche und gemütliche Verbittertheit von Keenan, der Irokese mit Maßanzug trägt und Wein verkauft, den sich die allermeisten niemals leisten können, zerrt schwer an dieser Scheibe, hat sie doch niemals mehr als diesen einen dünnen Boden.
Die Band wollte nicht nur einen gitarrenlastigeren, sondern auch etwas aggressiveren Sound. Man merkt, wie sehr der Klang lauernd sein soll, dafür ist er aber nicht nur textlich zu zurückgelehnt und souverän. Keenan holt Gäste wie Danny Carey, nur einer von vielen Prominenten, und die eigene Crew kaum aus ihrer Komfortzone – beziehungsweise unterlaufen sein Diktat nicht. Nur um das zweite Drittel von ""A Public Stoning" herum kämpfen Keenan und die gewaltigen Bassfiguren endlich mal miteinander, und schon ist es eine Sause. Sonst war kein Musiker bei diesen Aufnahmen aufgebracht, maximal empört. So entsteht aber Spannung nun mal schwerlich, zumal, wenn alles wie auf "Mantastic" aneinandergereiht wirkt. Man muss kein Phil Spector-Fan sein, um Puscifer zu fragen, ob auf dem Aufnahmegerät die Spuren ausgingen. "Bad Wolf" ist neben der Steinigung der geglückteste Track, da er frenetisch zuckt und nicht schleicht.
"The Quiet Parts" dagegen wirft sich von der einen Bettseite zur anderen, wie eine an Liebeskummer gramende Siebzehnjährige an einem verarmten Grafenhof in "Krieg Und Frieden", nur in deutlich weniger eindrücklichen Worten, als Tolstoi sie fand. Der Tiefpunkt "Pendulum" pendelt sich ganz unten ein, auf einem spannungsarmen Album ist der hier FSK0. Mit der schlechteste der Bandgeschichte. "ImpetuoUs" kommt nahe heran, zumal textlich werden hier wieder neue Bodensätze erreicht, aber Bass und Gitarre erlösen den Track vom völligen Quatschniveau. Kapriziöse Fahrstuhlmusik für Menschen, die bei "A wie?" "affektiert!" rufen. "Seven One" ist dann nur noch Athmo und dabei schon wohltuend, denn das fühlt sich glaubwürdiger an.
Man müsste Keenan ein Instrument wirklich beherrschen lassen, dann macht er vielleicht ein gutes Instrumentalalbum. Der Closer "The Algorithm (Sessenta Live Mix)" ist kein Live-Mix, sondern eine Live-Aufnahme. Der simpel stampfende Song erschien vor zwei Jahren im OST der American Psycho-Comicbücher. Es geht mal wieder um die sozialen Medien. "We fall in line/ We lock step to/ The beats we're played by our reflection" – der fürchterlich poofige Sascha Lobo war da auf SPON gefühlt vor 15 Jahren bei diesen Erkenntnissen.


1 Kommentar mit 4 Antworten
Meynard?
Und ohne seine ganzen Aktivitäten jetzt unbedingt verteidigen zu wollen: Der günstigste seiner Weine kostet aktuell umgerechnet etwa 16.95 Euro.
John Meynard war unser Steuermann,
der aushielt, bis er das Ufer gewann
Love it, der Fehler wurde mittlerweile aber klammheimlich korrigiert.
Man braucht immer noch das richtige tool, um die Weinflasche aufzubekommen.