laut.de-Kritik

Der Bassbube ist zurück.

Review von

"Trying Times" – gibt es denn andere? Das beantwortet James Blake auf seinem siebten Album nicht. Antworten sind eh nicht so seines, ist das Album doch nicht nur musikalisch, sondern auch inhaltlich eine ziemliche Quintessenz des Schaffens des Londoners. Das heißt sehr viele schöne Sprachbilder ("I Had A Dream She Took My Hand") und viel vages Leiden im Luxus der eigenen, oft genug ziemlich banalen Unsicherheit. Dass Blake sich dabei selbst so ernst nimmt, ist seine Geheimkraft: Weil er die Emotion nicht nur für echt, sondern auch für wahnsinnig tiefgründig hält, und er das sprachlich "matchen" kann, wird sie fast spürbar.

In dieser Eierschale versteckt sich nicht der Hip Hop- (Coop-) Blake und der Rave-Gott von "Playing Robots Into Heaven", sondern recht überraschend kommt der Blake von 2011-2013 wieder zum Vorschein. Musikalisch heißt das: Der Bassbube ist zurück. Schon auf dem tollen Opener "Walk Out Music" könnt ihr im Auto die Schrauben mal so richtig dem Belastungstest unterziehen. Zwar bleibt der Post-Dubstep-Bass danach im Wesentlichen im Schrank, aber die Struktur des Sounds ist merklich anders und insgesamt deutlich reduzierter ("Feel It Again"). Piano und Synthesizer regieren wieder meist unangefochten im Lande Blake. Dazu kommt das schönste Stimmchen, das die Themse je gebar, das nun wieder weder cool noch voller klingen muss, sondern im feinsten Falsett ziselieren darf. Jede Möglichkeit eines Stimmbruchs wirkt auf "Obsession" Äonen entfernt.

"Trying Times" erscheint im Eigenverlag, umso interessanter also dieser Rückgriff auf einen fünfzehn Jahre alten Sound. Bei Polydor reißen sie sich wahrscheinlich die Haare raus, dass Blake ihnen Jahr um Jahr immer unvorhersehbarer kam, auf eigene Rechnung arbeitend dann aber im ersten Track auf alte Erfolgsformeln zurückgreift. Wenigstens den doofen Covern blieb er treu, was für ein seltsamer Quatsch mit den Tellern.

Blake und sein eingespieltes Umfeld – zu dem weiterhin zuvorderst Dom Maker von Mount Kimbie zählt – lassen zwar Rave (mit Ausnahme vom guten, lebendigen "Rest Of Your Life") liegen, entwickeln den Popsänger Blake aber fort und zitieren den Hip Hop immer wieder. Mit der Ausnahme "Doesn’t Just Happen" darf der wie Dizzee Rascal auf dem eleganten, flotten "Days Go By" immerhin Samples bereitstellen, und "Through The High Wire" kombiniert das Blakesche Musikverständnis gekonnt mit einem Hip Hop-Beat. Die nicht-experimentellen Teile von "Assume Form" und von "Playing Robots Into Heaven" führen direkter zu "Trying Times" als "James Blake" oder "Overgrown". Das Album gerät trotz vorhandener Mäkel zum überzeugenden Erfolg, weil Blake die Vergangenheit nicht verkrampft hervorkramt, sondern den Sound erweitert – und weil die Songs qualitativ hochklassig sind.

"I Had A Dream She Took My Hand" ist auf Platz drei ein Wagnis, nimmt der Track doch zunächst jede Geschwindigkeit raus, überhaupt ist das Album mehr Songsammlung als organischer Fluss. Simpel ist die Nummer und wie die besten Blake-Songs fast ein wenig schunkelig, das Highlight "Make Something Up" dagegen etwas, was die analog Indie-Pop-gewordenen Mount Kimbie so machen könnten. Die Selbstverständlichkeit, mit der Blake mit wenigen Mitteln Popsongs schafft, bricht auf dieser Scheibe ständig durch und gipfelt im Titeltrack, der wirklich schwer zu beschreiben ist und immer dann kippt, wenn er gerade zu gemütlich im Croonen verharrt.

Angeblich stammen einige Teile des Albums noch aus der unveröffentlichten 2022er-Kollaboration mit Kanye; bei den unauffälligen Brüchen des Titeltracks mag man es glauben. Das gilt im Übrigen auch für die Stimmung: Das treibende "Rest Of Your Life" ist nicht der einzige Fremdkörper, nur der sichtbarste. Der Gospel-Closer "Just A Little Higher" gefällt Ye mit Sicherheit.

Nicht alles gelingt gleich, und wie schon zuvor tut ihm die ihm scheinbar liebe Gesangspartnerin Monica Martin nicht gut, weil er ihren Soul zu matchen versucht und damit "Didn’t Come To Argue" viel zu lange im Kitsch absäuft, bevor der coole Bass rettet, was zu retten ist. Auch hier gefühlt zwanzig Brüche im Sound, die selbst den kitschigen Part zwischendrin aufleben lassen – ein gutes Mindestniveau gibt es hier immer. Der eine Rapsong "Doesn’t Just Happen" scheitert trotz einem gut aufgelegten Dave und schönem Beat kompositorisch an der schieren Nebenaneinanderreihung der beiden Künstler, die keinen Mehrwert schafft.

Es ist ein fürchterliches Ärgernis tastenzerschlagenden Ausmaßes, dass "Death Of Love" in der Live-Version des Youtube-Videos so spektakulär viel besser ausfällt als die vergleichsweise müde Studio-Nummer auf dem Album. Offenkundig war der Song so gemeint, wie er in der Live-Version ausfällt – warum findet sich diese minderwertige Fassung dann überhaupt hier? Wobei die Erzürnung deshalb so gewaltig ausfällt, weil der Song so gut ist mit seinem Cohen-Sample, das bei jedem anderen Sakrileg wäre.

Trackliste

  1. 1. Walk Out Music
  2. 2. Death Of Love
  3. 3. I Had A Dream She Took My Hand
  4. 4. Trying Times
  5. 5. Make Something Up
  6. 6. Didn’t Come To Argue (ft. Monica Martin)
  7. 7. Days Go By
  8. 8. Doesn’t Just Happen (ft. Dave)
  9. 9. Obsession
  10. 10. Rest Of Your Life
  11. 11. Through The High Wire
  12. 12. Feel It Again
  13. 13. Just A Little Higher

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