laut.de-Kritik

Der Prinzen-Sänger legt den Finger in die Wunde.

Review von

""Das Leben ist lebenswert", verriet Sebastian Krumbiegel erst letztens in der "NDR Talk Show". So positiv diese Feststellung scheint, so eng ist sie aber auch verknüpft mit ganz viel Leid, Wut und Ohnmacht. Um diesen vermeintlichen Kontrast kümmert sich der Prinzen-Sänger auf seinem neuen Soloalbum "Kompass". Das dystopische Ganze, die "asozialen Leute", egoistische Zweibeinkatastrophen wie Elon Musk und Co. sowie der alltägliche Weltweitwahnsinn fungieren hier als Treibstoff für positive Gedanken und hoffnungsvolle Träume und Visionen. Den ehrenwerten Ansatz begleitet der klassische Prinzen-Humor, der gerne anstupst und piekt, aber nie so richtig unter die Haut geht.

Die Inhalte auf "Kompass" sind gesellschaftspolitisch relevanter denn je, keine Frage. Die Lead-Single "Egoist" wendet sich gegen Alleingänger und Hingucker: "Alle wissen, dass der Planet brennt. Ich kann nicht verstehen, wenn hier keiner was tut", singt der Leipziger in seiner gewohnt tiefen Art. Im Song "Asoziale Leute" schießt Sebastian Krumbiegel gegen Hater im Internet. Und beim Verprügeln von "Elon Musk" hat der Sänger mehr Spaß und Freude, als ihm eigentlich lieb ist.

Im Track "Richtig Gut" verarbeitet Krumbiegel klassischen Trennungsschmerz im Hier und Jetzt – entliken und blockieren inklusive. Auch wenn alles im Dunkeln versinkt: "Hab bitte keine Angst!", rät und fleht der 59-Jährige. Mit dem richtigen Kompass in der Hand träumt Sebastian Krumbiegel von einer besseren Welt. Dabei hebt er die Hand zum Gruße und genießt den Blick in Richtung Sonnenuntergang. Auf seinem neuen Soloalbum "ist das Glas grundsätzlich halbvoll, das Gras grundsätzlich grün und das Licht am Ende des Tunnels grundsätzlich nicht von einer entgegenkommenden Lokomotive."

Inhaltlich gibt es wirklich nichts zu nörgeln. Sebastian Krumbiegel legt den Finger in die Wunde und spricht die Dinge an. Auch wenn der begleitende Humor bisweilen etwas altbacken daherkommt, gebührt dem verbalen Fingerzeig Lob und Anerkennung.

Musikalisch hingegen präsentiert sich "Kompass" nicht ganz so am Puls der Zeit. Auf der Suche nach einem kompositorischen Highlight bedarf es schon einiger Geduld. So wippt man beim Rausschmeißer "Geöffnete Fenster" gerne mit den Füßen und erfreut sich an schleppendem Crunch-Pop. Beim Song "Keine Angst" schwenken alle Hände von rechts nach links. Und im Refrain drängt doch tatsächlich eine verzerrte Gitarre ins Rampenlicht. Kann man so machen.

Der Rest hat musikalisch nicht viel zu bieten. Die Musik fungiert als solide Begleitkost, die man so oder so ähnlich auch in unzähligen Wartezimmern dieser Republik zu hören bekommt. Daran ändern auch die zwischendurch immer mal wieder eingestreuten Prinzen-Chöre nichts. Im Vordergrund stehen die cleane Gitarre, immer mal wieder das Kommando übernehmende Klavierthemen und unaufgeregte Schlagzeugrhythmen. Das tut weder weh, noch eckt es irgendwo an.

Vielleicht ist die Musik aber auch gar nicht so wichtig. Auch nach dem zweiten Durchlauf bleiben eher inhaltliche Themen haften. Vielleicht – oder wahrscheinlich – macht das auch viel mehr Sinn.

Trackliste

  1. 1. Halleluja
  2. 2. Egoist
  3. 3. Kompass
  4. 4. Ganz Normal
  5. 5. 2+2=5
  6. 6. Asoziale Leute
  7. 7. Elon Musk (zahl einfach deine Steuern!)
  8. 8. Der Kleine Prinz
  9. 9. Richtig Gut
  10. 10. Keine Angst
  11. 11. Termine
  12. 12. Mehr Musik
  13. 13. Bessere Welt
  14. 14. Geöffnete Fenster

Videos

Video Video wird geladen ...

Weiterlesen

1 Kommentar

  • Vor 4 Stunden

    Wollte noch kurz hinzufügen, dass der Albumname "Kompass" sich womöglich auf seinen eigenen, inneren Kompass bezieht. Das mit den Egoisten ist natürlich immer auch ein zweischneidiges Schwert, denn sind wir mal einen kurzen Moment ehrlich: wir brauchen Lösungen für die großen Probleme unserer Zeit. Ganz ohne Narzissmus u/o.Ä. geht das vermutlich nicht. Vielleicht können wir einen gesunden Egoismus "katalysieren"?