laut.de-Kritik

Wenn die Karre an die Wand fährt, dann geschniegelt.

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Schon wild, wie schnell aus zwei schüchternen Poetry Slammern, die irgendwann merkten, dass "lustig leiden" auch als Lied funktioniert, eine deutsche Indie-Pop-Rock-Größe wird. Respekt dafür: Maximilian Kennel und Jonas Frömming haben sich mit Das Lumpenpack über Jahre sauber hochgespielt – von der ehemaligen TV-Showband bei "Nightwash" zum festen Namen in der hiesigen Musiklandschaft.

Die mittlerweile fünfköpfige Band hat sich innerhalb der letzten Jahre so souverän ins Mainstream-Rampenlicht geschoben, als wäre es nie anders gewesen, und füllt auf Live-Tour die größeren Hallen. Und genau da liegt beim nun vorgestellten achten Album auch der kleine Haken: Je größer der Laden wird, desto glatter die Kanten.

Denn "Bevor Der Mut Dich Verlässt" ist in weiten Teilen ein Album, das sehr gut weiß, wie ein kommerziell erfolgreicher Lumpenpack-Song zu klingen hat, und das dieses Wissen dann auch konsequent ausspielt. Das Problem ist nur: Mut ist hier öfter Motto als Methode. Alles sitzt, alles klingt stabil, alles ist gut produziert – aber diese frühere Lust am schrägen Abbiegen, am unverschämt pointierten Austeilen, am "wir machen das jetzt genau so, weil wir's witzig finden" wird zunehmend von einer Radiotauglichkeit übermalt, die zwar funktioniert, aber selten überrascht.

Der Titeltrack fasst das Dilemma perfekt zusammen. Inhaltlich sitzt die Parole, die Ansage zündet sicher live: "Funkelnde Augen, deine Hand wird zur Faust. Und wenn's ein Feuer geben soll, dann bist du der, der es startet. Bevor der Mut dich verlässt." Musikalisch ist das auch wirklich einer der Höhepunkte. Nur fühlt es sich eben an wie der Prototyp aus dem Lumpenpack-Baukasten der letzten sechs Jahre: sehr gut konstruiert – nur hat man dieses Haus gefühlt schon drei Mal besichtigt.

Bei "Wand" kommt mit den Sportfreunden Stiller hoher Besuch von Leuten, die mittlerweile Pop-Rock-Lehrbücher herausgeben könnten. "Halt meine Hand, wenn wir die Karre an die Wand fahren, dann zusammen." Ein hübscher Satz, der Song rollt geschniegelt durch, aber es bleibt am Ende eher Feature-Prestige als echter Moment. Sympathisch? Ja. Auffällig? Eher nicht. Spannender wird's, wenn die Platte kurz so tut, als wolle sie wirklich mehrere Gesichter zeigen. "Diskrepanz" landet gänzlich im deutschen Indie-Pop, hat angenehm rhythmische und melodische Vibes, dieses sanfte Mitnicken, das sich im Refrain – wenn man Bock hat – auch zum ekstatischen Zappeln hochschaukeln lässt.

Einen echten Energieschub liefert "Boys". Hier wartet stabiler Rock, fast punkig, zwischendurch peitscht ein Elektro-Beat nach vorne. Das ist tanzbar! Remote Bondage bringen als sehr passendes Feature Drive und Schmutz rein. Noch tanzbarer wird's in "Mach Mal Platz" und es blitzen endlich wieder ein paar punkige Ecken auf, mehr Emotion, mehr Authentizität, mehr "wir haben da wirklich gerade Bock drauf": "Kannst du mir suchen helfen? Ich suche Streit."

Dann kommt "Schluss Mit Reden": "Ich hab mir das jetzt lang genug mit angeseh'n / Und weiß, dass gute Partys anders geh'n" – ja, fühlt man. Als würde der Song den eigenen Frontmännern einmal kurz in die Augen schauen und fragen, ob sie dieses Album wirklich so geschniegelt lassen wollen. Nur ist das auch der Punkt, an dem man als Hörer merkt: Tracks, die nachhaltig begeistern, gab's bis hierhin nicht so viele. Dabei kann Das Lumpenpack das eigentlich besser.

Für mich bleibt ihr Peak weiterhin 2019 mit "Eine Herbe Enttäuschung", da war mehr Überraschung, mehr Risiko, mehr "wir drehen jetzt an einem Regler, den ihr nicht auf dem Zettel hattet". Heute ist vieles so sauber, so optimiert fürs Nachmittagsprogramm einer beliebigen Pop-und-Rock-Radiowelle, dass der Glanz zwar da ist – aber die Lebendigkeit manchmal auf dem Weg ins Mastering liegen geblieben scheint. Immerhin ging "Schluss mit Reden" auf den sozialen Netzwerken viral: "Mama, alles gut bei dir? / Mama geht’s fantastisch! / Das ist, weil der Bass fickt" – einmal pro Konzert muss eben auch ein Pädagoge in den Moshpit.

"In Ruhe Gelassen Werden" zeigt, dass die Band auch leise kann – und zwar gut. Ruhiger, textlich tiefer, ein Song, der nicht ständig die Hand hebt und "Publikum, bitte jetzt fühlen!" ruft, sondern es einfach zulässt. Dazu kommen "Alles Schwarz", "Wind" und "Live In Manila (2007)", die die musikalische Bandbreite zwischen Rock, Pop und Indie-Punk zwar unterstreichen, aber im Albumfluss eher mitlaufen als glänzen. Und während Das Lumpenpack mit "Rücken An Rücken" auch einen schnulzigen Indie-Pop-Rock-Liebessong stabil performen und ordentlich produzieren, stehen "Früher War Alles Besser, Außer Manches" und "Kraft Der Musik" als Paradebeispiele dafür, wie schnell Inhalt banal wirkt, wenn man ihn zu weich polstert.

"Bevor Der Mut Dich Verlässt" ist ein gutes Album ohne besondere Ausreißer nach oben oder unten. Ordentlich produziert, stabil im Sound, mit ein paar richtig guten Momenten ("Boys", "Mach Mal Platz", "In Ruhe Gelassen Werden"), aber oft zu geschniegelt, zu kalkuliert, zu sehr auf maximale Massentauglichkeit getrimmt. Der Mut verlässt hier zwar nicht die Band, aber er bleibt scheinbar manchmal einfach im Backstage sitzen.

Trackliste

  1. 1. Bevor Der Mut Dich Verlässt
  2. 2. Wand (feat. Sportfreunde Stiller)
  3. 3. Alles Schwarz
  4. 4. Diskrepanz
  5. 5. Boys (feat. Remote Bondage)
  6. 6. Kraft Der Musik
  7. 7. Mach Mal Platz
  8. 8. Wind
  9. 9. Schluss Mit Reden
  10. 10. In Ruhe Gelassen Werden
  11. 11. Live In Manila (2007)
  12. 12. Früher War Alles Besser, Außer Manches
  13. 13. Rücken An Rücken

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