laut.de-Kritik
Freddie wusste es schon 1974: "I didn't do anything wrong."
Review von Michael SchuhAxl Rose mag über die Jahre viel Unsinn verzapft haben, aber mit seiner Lobeshymne auf "Queen II" kommt er der Wahrheit sicherlich nahe: "Mein Album-Favorit ist 'Queen II'. Das ist etwas, das ich schon immer erreichen wollte." Ob ihm dies 1991 mit "Use Your Illusion" gelungen ist, soll jetzt nicht unser Thema sein. Aber Rose wählte mit dem zweiten Queen-Studioalbum ein Werk, das stets im Schatten des Mammuterfolgs "A Night At The Opera" (1975) steht, dort aber ein Dasein als glühendes Fan-Highlight fristet.
Daher dürften sich die Augen der entsprechenden Connaisseur*innen vor allem auf vorliegendes Collector's Edition Boxset richten: Fünf CDs und zwei LPs ehren das Originalalbum mit einem neuen 2026er Mix und haufenweise Tonstudio-Material, bisher unveröffentlichte Outtakes und Demos, Live-Tracks und Radiosessions. Dazu gibt es ein 112-seitiges Buch mit vielen unveröffentlichten Fotos, handgeschriebenen Liedtexten, Tagebucheinträgen und was man sonst noch braucht, um fünf Jahrzehnte in die Vergangenheit zu reisen.
Wie schon bei "Queen I" legten die Nachlassverwalter Brian May und Roger Taylor die Remastering-Aufgabe in die Hände der langjährigen Produzenten Justin Shirley-Smith, Joshua J Macrae und Kris Fredriksson. "Queen II war der größte Schritt, den wir je gemacht haben", erinnert sich Brian May. "Da haben wir wirklich angefangen, Musik so zu machen, wie wir es wollten, statt so, wie wir gedrängt wurden, sie aufzunehmen."
Gut, was soll er auch anderes sagen, der 78-Jährige macht immer noch Werbung in eigener Sache. Aber er hat irgendwo auch recht, denn der Sprung von "Queen I" zu "Queen II" war für die junge Band doch recht epochal und höchstens noch zu vergleichen mit dem von "The Game" zu "Hot Space", das vom Status eines Fan-Favoriten mehr als nur "seven seas" entfernt ist.
Tontechnik-Nerds und audiophil veranlagte Menschen dürfen sich nun also über den "2026 Mix" beugen und erfahren erstaunliche Dinge. Freddie Mercurys Eröffnung "A word in your ear / from father to son" gleitet wie in einer Sänfte auf den Hörer herab, seine Stimme tritt stärker hervor, klingt deutlich aufgehellt, was man wohl nur im direkten Vergleich zur damaligen Aufnahme bemerkt. Dann aber so richtig, denn auf seiner Originalstimme von 1974 scheint wirklich der Studiostaub von über 50 Jahren zu lagern.
Auch die Heavy-Parts, die aufgrund von Roger Taylors Drums oft leicht verzerrt klangen, sind nun lupenrein und mit Bass und Gitarren fein ausbalanciert. Nostalgie in allen Ehren, aber ich sehe nicht, weshalb ich mir jetzt noch die Originalplatte anhören sollte,
Die ursprünglich am 8. März 1974 im Vereinigten Königreich veröffentlichte Scheibe klingt immer noch außergewöhnlich komplex, größenwahnsinnig und in Teilen opernhaft. Die massiven Choreffekte waren ein erster Testlauf für das spätere "Bohemian Rhapsody". Die derben Riffattacken "Ogre Battle" und "The Fairy Feller's Master-Stroke" stammen überraschenderweise aus Mercurys Feder, ersteres komponierte er bereits vor seiner Queen-Zeit. Das klassisch anmutende Motiv der Piano-Ballade "Nevermore" sollte dagegen der Welt eine leise Ahnung dessen geben, wozu dieser Mann als Komponist noch fähig ist.
Besonderes Augenmerk liegt naturgemäß auf den Demos und Outtakes, die hier erstmals versammelt sind. Hier erstrahlen die bekannten Songs zwar nicht in völlig neuem Licht, dafür blickt man kurz in den Maschinenraum dieser damals extrem selbstbewussten, ambitionierten Band. Dass der Ausspruch "Ready, Freddie?" bei Queen schon lange vor "Crazy Little Thing Called Love" ein geflügeltes Wort war, wird hier nun auch belegt.
In "Father To Son (Takes 4 & 9)" zeigt der Sänger gleich seine sanfte Seite und lässt die Aggressivität des Originals völlig weg. Zahlreiche Bandgespräche im Proberaum runden die Version ab und bereiten auf die Art der folgenden Versionen vor. "As It Began", später "White Queen (As It Began)" benannt, präsentiert Komponist May zur Akustischen.
Erstaunlicherweise entfaltet das unscheinbare "Some Day One Day (Take 1)" in der Demoversion eine tolle Kraft, auch weil Freddie völlig frei durch den Song pflügt und am Ende dieser wirklich sehr unfertigen Version in seiner unnachahmlichen Art feststellt: "I didn't do anything wrong." Überhaupt sind Freds Studio-Manierismen eine helle Freude, etwa wenn er mit "that's fucking terrible" abrupt einen Take abbricht. "Ogre Battle" mal komplett ohne Chöre ist auch eine interessante Erfahrung.
"The March Of The Black Queen" in zwei verschiedenen Instrumentalversionen (!) ist dagegen eher nicht das, worauf man unbedingt gewartet hätte, ebenso wenig wie auf eine übersteuerte und verhallte Version von "Funny How Love Is". "Seven Seas Of Rhye", der einzige "Hit" des Albums, wenn man es so formulieren mag, ist in einer doppelt so langen Version wie auf dem Original enthalten. Doch auch dieser Take wird mit einer langen Pause und Band-Gesprächen künstlich verlängert und liefert kaum Mehrwert. Das Chor-Outro des Songs "I Do Like To Be Beside The Seaside" ist ebenfalls als Demo dabei.
Schön hingegen, dass das bisher nur auf Bootlegs erhältliche "Not For Sale (Polar Bear)" der Queen-Vorgängerband Smile dabei ist (geschrieben von deren Sänger und Bassist Tim Staffell). Witzigerweise behauptete May letztes Jahr, dies sei ein Song, "den noch niemand gehört" habe. Als wären Queen da, wo sie heute sind, weil die ganze Welt nur die beiden "Greatest Hits"-Alben besitzt.
Angereichert wird die "Collector's Edition" mit Versionen, die man entweder schon von "On Air" kennt (BBC-Aufnahmen) oder von "Live At The Rainbow" (London 1974). Am Ende aber immer noch besser als die Aufnahmen, die man hier erstmals versammelt: Der Gig im Londoner Golders Green Hippodrome vom 13. September 1973 gilt als erste Mischpultaufnahme eines Queen-Auftritts. Fair enough also, dass er hier auftaucht. Gleichzeitig lässt er sich aufgrund der trotz modernster Technologie mäßigen Soundqualität nicht wirklich genießen. Dennoch ein wichtiges Zeitdokument für Fans.
Am Ende ist es vielleicht mehr als andere Alben ein Queen-Werk, das die Handschrift des verstorbenen Frontmanns trägt, was Taylors Worte im toll gestalteten Booklet vermuten lassen: "We all had our various differences, and with our four personalities that's what came out. Freddie was fairly dominant in his writing at this point. He was the one writing the very complicated stuff. It's just how his brain worked. He was on fire really."


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