laut.de-Kritik

Sisyphos an den Toren des Deutschraps.

Review von

Beastboy ist eine faszinierende Anomalie im Deutschrap-Game. Im Grunde ist er seit zehn Jahren, seit den Dat Adam-Tagen, Teil der hiesigen Hip Hop-Fabric. Nicht wenige Youngins, die heute vorwärtsdenkenden Rap machen, haben genauso viel von Dat Adam in ihrer musikalischen DNA wie von LGoony oder Haiyti. Der ehemalige YouTuber hat aber jenseits der trippy Rapband auch als TJ_Beastboy raptechnisch abgerissen und sich auch auf den DLTLLY-Bühnen bewiesen.

Die Szene ist trotzdem skeptisch - und Beastboy behält diesen Outsider-Status. Dabei ist Beastboy handwerklich über jeden Zweifel erhaben. Der Typ ist ein S-Tier-Rapper, mehr noch: Ein S-Tier-Rap-Vocalist. Nicht nur, weil er agil und anspruchsvoll rappen kann, das können ja viele. Sein Alleinstellungsmerkmal ist die Flexibilität. Allein im Rahmen dieses Projektes tappt er in dichten Conscious-Rap, $uicideboy$-esken Three-Six-Worship, Growls, Beatbox und Narration-Parts mit professioneller Synchronsprecher-Qualität.

Man spürt, hier einen absolut perfektionistischen Over-Achiever vor sich zu haben, der weiß, dass er schnell und effizient in verschiedene Skillsets findet und bereit ist, alle Register zu zücken. Auch produktionstechnisch weben Producer wie Young Kira mit Beatwechseln, R'n'B-Samples, futuristischen Synth-Sounds, Wu-Tang-Worship, Memphis-Sounds und modernen LA-Trap-Sounds so viel Material für eine halbe Stunde zusammen, dass einem fast schwindelig werden könnte. Allenfalls die Entscheidung, lange Strecken des Projekts auf englisch zu rappen, könnte für viele etwas drüber erscheinen. Es passt ins Konzept und vertieft das Gefühl von völliger Zerrissenheit, fast von verschiedenen Personas. Ich sag' nur: Man spürt die meiste Zeit das Deutsch unter dem Englisch ganz schön durch - und das klingt ein wenig albern.

Der Overachiever ist auch thematisch Kern des Albums: Beastboy hat im Grunde alles. Er lebt mir Frau, Kind und Wohlstand auf einer wunderschönen Insel und kann sein Leben auf Rap und Kreativität fokussieren, wie es sich viele wünschen würden. Und doch, wie wir es immer wieder von den Höhen der Prominenz hören: Glücklich hat ihn das nicht gemacht.

"Prince Of Worry" schlägt in die moderne Tradition des Healing-Journey-Albums. Es ist ein sehr kurzes, sehr getriebenes "Mr. Morale & The Big Steppers". Aber Kendricks obsessive Introspektion wird hier durch ein hyperrapides Hin und Her ersetzt. Auf der einen Seite sind Tracks wie "Zen (Dream)", auf denen Beastboy versucht, die therapeutischen Erkenntnisse mantrahaft real zu sprechen: "Ich hab' geträumt, wie ich in Tōyama die Berge besteig' / Bin viele Nächte allein bis zu 'nem Tempel gereist / Hab' dann 'nen Zen-Meister getroffen, voll dеr Stereotype / Mit so 'nеr prunkvoll'n Robe und 'nem Bärtchen in Weiß", setzt er noch mit Selbstironie an, bevor er sich eine Tirade hält, die ihm schon sehr oft durch den Kopf gegangen sein muss: "Du brauchst kein Phone, du brauchst keine Apps / Du brauchst kein'n Strom, du brauchst kein Netz / Du brauchst kein'n Hype, du brauchst keine Fans / Du brauchst keine Likes auf Instagram".

Der Zen-Meister mit dem Bärtchen spricht also in motivierenden Share-Pic-Plattitüden. Was ein Letdown! Der noch schlimmere Letdown: Die motivierenden Share-Pic-Plattitüden haben recht! Und trotzdem helfen sie einen Scheiß! Das ist eine elementare Krux auf diesem Album. Genauso oft, wie Beastboy versucht, die healthy Erkenntis abzurufen, schert er dann diametral dagegen wieder in Paranoia, Bravado und Isolation aus. "Ich verbrenne alle Brücken, weil ich keine mehr brauch' / Alle Menschen, die ich kenne, regen einfach nur auf / Und wenn du denkst, ich könnt dich mein'n, ja, dann mein' ich dich auch".

"Prince Of Worry" ist offensichtlich ein Album über jemanden, der seit vielen Jahren immensen Fame mit sich trägt und immer noch nicht so richtig weiß, was er mit dieser absurden Erfahrung nun anfangen soll. Und wieder und wieder türmt sich dann Selbsthass, aber auch der Versuch, die Schuld in sich selbst zu suchen, schlägt regelmäßig in den Versuch um, die Schuld in anderen zu finden.

All das ineinandergreifend ergibt eine spannende Charakterstudie. Das Storytelling funktioniert weniger über die einzelnen Aussagen und die Gedanken, sondern eher über die Intensität und Getriebenheit, mit der Beastboy zwischen ihnen oszilliert. Sein Hirn scheint wirklich "ein Rennwagen mit den Bremsen eines Fahrrads". Allein diese halbe Stunde in seinen Kopf gebracht zu werden, das ist schon ein wilder Ritt. Aber die tragischste Line ist eine Unscheinbare: "Manchmal klingt die größte Erkenntnis so wie ein Wandtattoo". Das rappt er auf dem "Ahamkara Freestyle".

Diese Throaway-Line ist der Schlüssel, die Tragik des ganzen Albums zu verstehen. Am Anfang habe ich ja gesagt, dass Beastboys Vocals bereits eine Repräsentation dieses Overachievers sind, der vermutlich intensiv in jeden möglichen Pfad vorstößt. Das erklärt die musikalische Fragmentiertheit des Albums, die den polaren Sound noch mehr herausbringt. Aber genau das gleiche passiert auch auf inhaltlicher Ebene. "Prince Of Worry" ist ein Therapie-Album, das hektisch in quasi jedes Angebot vorprescht, das irgendeine Linderung irgendeines Problems verspricht. Wir bekommen wirklich alles: Therapie, Medikation, Spiritualität, Yogi-Meditation, sportliche Selbstoptimierung, sogar Christentum flackert einmal kurz auf. Alles, was man mehr oder weniger alleine mit sich im Zimmer ausmachen kann. Beastboy ist ready, alles Therapeutische zu tun, was in die Form dieser individualistischen Overachiever-Logik passt.

Machen wir an dieser Stelle einen kurzen Sprung an den Anfang. Ich habe gesagt, dass Beastboy sich immer noch wie ein Outsider zur deutschen Hip hop-Szene anfühlt. Ich glaube, das ist nicht nur das Misstrauen gegenüber dem YouTuber-Background. Ich glaube, das hat auch mit Worldbuilding zu tun.

Jeder gute Musiker, jeder gute Texter, insbesondere jeder gute Rapper zeichnet mit seinen Texten eine bestimmte Welt vor. Traditionell hat Hip Hop-Worldbuilding damit zu tun, nicht nur sich selbst, sondern seine eigene Community zu repräsentieren. Rapper sein heißt zu einem gewissen Grad, ein lokaler Champion zu sein. Ein Local Hero, politischer Aufrührer, King deiner Stadt.

Das ist vielleicht auch der Grund, dass Rapper historisch oft am Anfang am besten sind, wenn sie als 'am hungrigsten' empfunden werden. Da ist eine Joy darin, ein complete unknown zu sein, der die eigene Welt vorstellt. Sobald das eigene Universum, die eigene Stadt, die eigenen Leute mal etabliert sind, verdorren manche Artists in dem "Immer Noch"-Tracks. Man weiß ja, wer sie sind, ihre Probleme werden immer individualistischer.

Beastboy hatte nie nötig, sich als Held einer Stadt, als Held seiner Leute oder als Held einer Gruppe vorzustellen. Im Gegenteil: Es schien eher, als müsste er seine mitgelieferte Community eher abstreifen, um im Rap ernstgenommen zu werden.

Er hat zwar wieder und wieder bewiesen, dass er sowohl das Game als auch die Craft mit Inbrunst liebt. Aber als er angefangen hat, zu rappen, war er nun mal schon Fame. Vielen Tracks auf "Prince Of Worry" spürt man im Worldbuilding an, dass sie von jemandem kommen, der als YouTuber bekannt geworden ist. Die Lyrics setzen instinktiv voraus, dass die Hörer nicht nur an den Spezifika des eigenen Lebens interessiert sind, sondern dass sie ordentlich Vorkenntnis mitbringen. Immer wieder beruft sich Beastboy in seinen Selbsthass-Tiraden auf Vorkenntnis, die wir aus diesen dreißigminütigen Selbst-Canceling-Videos haben würden. Er beruft sich auf Infos zu seinem Wohnort oder seiner Familie, die man im Grunde nur haben kann, wenn man bereits mit parasozialem Investment in dieses Album einsteigt. Er tut auch nicht so, als wären das Struggles, die für sein Publikum relateable sein könnten. Und das ist eine richtige Entscheidung, denn natürlich kann niemand mit diesem ultraspezifischen, weirden Leben relaten, das dieser Mann führt.

Trotzdem: Rap ist in seinem natürlichen Element universell. Selbst wenn Rapper in Sphären von Wohlstand und Glam vordringen, die den eigenen Leuten für immer verwehrt bleiben werden, will er theoretisch aspirational sein. Der Rapper ist utopischerweise der Avatar, durch den seine Leute mit am reichen Tisch sitzen dürfen. Das ist auch der Grund, warum Kendrick nach "Mr. Morale" ein "GNX" machen musste: Erst kam die hyperindividualistischen Healing Journey, in der er sich mit Fragen des Savior-Komplexes beschäftigt hat, die hyperspezifisch zu seinem Leben waren. Dann kam der Versuch, sich mit seiner eigenen Community, mit seiner Stadt und seinen Leuten zu rekalibirieren.

Beastboys isolationistische Tendenz ist der tragische Kern dieses Albums. Und es ist der Grund, warum dieses Album so hörenswert und einzigartig im Storytelling ist. Beastboy ist ein Typ, der einen Traum lebt, der ihn bis zur völligen Paranoia isoliert hat. Er ist ein Typ, den sein immenser Erfolg quasi völlig entfremdet hat. Er ist ein genialer, mehr oder weniger zu allem fähiger Rapper. Aber alle Genialität, alles Overachieving, alle Selbstanklage helfen ihm nicht. Jeder gute Rat ist gegeben, jeder gesunde Gedanke ist gedacht, trotzdem hat er Diesel im Blut und das Rad dreht sich unentwegt weiter. Oder, wie er selbst formuliert: "Ich bin auf mei'm Sisyphos-Shit / Ich hab' den Stein so oft gepushed, doch es gelingt mir noch nicht / Mindestens einmal hab' ich schon die Spitze erblickt / Is it what it is or am I in for a twist?"

Trackliste

  1. 1. 2Heavy
  2. 2. Skeleton Dance
  3. 3. Zen (Dream)
  4. 4. Tinfoil Trophies
  5. 5. Eiskristalle.tmp
  6. 6. Nice Guy Flavors
  7. 7. Love (Pain)
  8. 8. Freestyle
  9. 9. Focus (50mg)
  10. 10. Monolog.tmp
  11. 11. Prophecy Blues

Weiterlesen

LAUT.DE-PORTRÄT Beastboy

Kaum ein deutscher Künstler dürfte so viele Neuerfindungen hinter sich haben wie Beastboy. Die Fülle an Namen und Projekten, die der Mann hinter sich …

3 Kommentare