laut.de-Kritik

Zwei Stunden Remix-Cocktails aus Hotellobby und Opiumhöhle.

Review von

Solch Alman-Nachnamen wie Kruder und Dorfmeister fresh und lässig zu machen, das war schon eine Leistung in sich. Nun, genau genommen sind "der Peter" und "der Richard" ja keine Almans, sondern Österreicher. Ihre Heimatstadt und Seele Wien war Mitte der 90er "extrem relaxed" und "moody", wie Peter Kruder damals erklärte; "die langsamste Stadt der Welt" nannte Richard Dorfmeister sie – ein Lebensgefühl, das ihre Musik beeinflusste.

Downtempo-Musik, der Name sagt es schon, spiegelte sich in der Schneckengeschwindigkeit Wiens, und so prägten die zwei DJs diesen Stil schon auf ihrer Debüt-EP "G-Stoned" und dem DJ-Mix für "DJ Kicks" erheblich mit. Doch auf ein Genre eingrenzen wollten sich Kruder & Dorfmeister eigentlich nie. Aus ihren Jugendwurzeln Pink Floyd und Miles Davis genauso wie späteren Lieben Hip-Hop, Dub oder Ambient hatten sie sich eine bunte Stilbreite aufgebaut, die aber stets eine Charakteristik teilte: die Vorliebe für Atmosphäre, für Raum und Rauch. Ob die beiden nun Drum'n'Bass oder Soul auflegten, man konnte bei K&D immer mit einer großartig entspannten Bassline und geschmackvollen Sounds rechnen.

So erlangten Kruder & Dorfmeister auch außerhalb von Wien schnell Respekt und füllten immer größere Venues mit ihren DJ-Sets. Diese Tatsache verwirrte jedoch einen jungen Interviewer, der die beiden nach einem Set in der Münchner Muffathalle fragte, wie es denn sein könne, dass so viele Leute in einer so großen Halle zu ihrem Auftritt kämen, obwohl das Duo gerade mal vier eigens komponierte Lieder veröffentlicht habe. "Das nervte uns wirklich", erinnerte Kruder sich Jahrzehnte später. "Und auf dem Nachhauseweg entschieden wir: Wir müssen der Welt zeigen, dass wir mehr als nur die 'G-Stoned' EP gemacht haben. Wir haben über 40 Remixes gemacht. Und so war die Idee der 'K&D Sessions' geboren."

Eine massive Werkschau der letzten Jahre sozusagen: Zwei Stunden, 21 lange Tracks, davon sind zwei eigens komponierte Interludes und der Rest Remixes. Eine Remix-Compilation für eine Meilenstein-Review? Genau. Denn "The K&D Sessions" ist weit mehr als nur eine Sammlung an spaßigen Dance-ifizierungen bekannter Songs. Es ist ein clever durchstrukturiertes Mammutwerk, das viele Künstler:innen verbindet, dabei aber vor allem die Finesse und Visionsfähigkeiten der beiden DJs präsentiert. Während die "DJ Kicks"-Platte noch eher das zeigen sollte, was sie im Club auflegten, waren die "K&D Sessions" mehr "unsere Musik".

Dorfmeister philosophierte anno 1997 über dieses Konzept: "Ursprünglich war ein Remix dafür gedacht, das Ursprungsmaterial noch besser aufzubereiten, für die Tanzfläche oder die Sparte, die es sich anhört. Wenn uns jemand jetzt nach einem Remix fragt, weiß er wahrscheinlich schon, dass er einen ganz neuen Track kriegt." So benutzen Kruder & Dorfmeister meist außerhalb der Vocals nur wenige bis keine anderen Elemente der ursprünglichen Songs. Oft vergisst man beim Hören der "K&D Sessions", dass da ja eigentlich andere Songs dahinterstecken, so groß und eindeutig ist der K&D-Fingerabdruck, und so anders – und oft wesentlich besser – sind die Neuinterpretationen.

Kruder & Dorfmeister sehen Dinge in diesen Songs, wenn es auch nur kleine Elemente sind, die zu einer großen, neuen Idee führen. Manchmal nehmen sie nur eine Melodie oder Gesangszeile (in "1st Of Tha Month" beispielsweise das kurze "Smoke a lotta weed on the first", weil es so gut zum Lifestyle der DJs passte) und bauen von diesem Gefühl ausgehend eine eigene, sehr andere Komposition drumherum. "Bomberclaad Joint" war ursprünglich nur ein 40-sekündiger, lustiger A-capella-Skit auf einem Rap-Album von Knowtoryus, nun wird es zu einem fast schon beunruhigend tiefenentspannten Trip.

Wenn Dorfmeister im Jahr 2022 auf diese Produktionsweise zurückdenkt, sagt er: "Unser Haupteinfluss kam durch Platten: Platten, die wir kauften, Platten, die wir uns ausliehen, Platten, die wir uns von jemand anderem aufgenommen hatten. Einfach durch die Plattenkisten zu wühlen, inspirierte uns. Man bekommt das Cover, man bekommt den Klang, man bekommt die Informationen, und das erschafft so einen Kosmos im Kopf, dass man gespannt darauf ist, mit dem, was man gefunden hat, etwas zu kreieren. Diese Samples kann man wie in einem Cocktailmixer zusammenmischen, alles zusammenwerfen, wie man es will – das fühlte sich an wie: Revolution!"

Zu ihrer Plattensammlung gehörten auch bekanntere Namen als die saumäßig unbekannten (also alles andere als notorischen) Knowtoryus: Bomb The Bass, Bone Thugs-N-Harmony, Roni Size, sogar Depeche Mode werden in den Mixer geworfen. Letztere fügten mit ihrem "Useless"-Remix natürlich stark zur Popularität der Platte bei, obendrein gilt das als der erste DM-Remix, der Gahan und co. tatsächlich gefiel. Zu Recht: Die K&D-Variante ist ein absolutes Highlight. Kruder & Dorfmeister verzichten auf markante Elemente des Originals wie das Gitarrenriff und den Refrain, und zeigen dafür, dass die hypnotische Bassline und die nächtliche Stimmung die eigentlichen Stars des Songs sind. Dave Gahan leitet das Ganze kurz zögernd mit "Echoing in my miiiiiiiind" ein, auf einmal weitet sich der Raum und man wird geradezu eingesogen. Sogar der Gitarrenslide aus "Policy of Truth" darf ab und an drin auftreten.

Ähnlich hypnotisch ist die Reinterpretation von Sofa Surfers' "Sofa Rockers". Ein absolut perfekter Groove trippelt umher, eine sedierte Stimme wiederholt "You gonna spin me around" und genauso fühlt es sich auch an. Alles dreht sich und man wird immer tiefer in das titelgebende Sofa gedrückt.

Von chilliger und druffiger Musik sind die Marihuana-Mönche Kruder & Dorfmeister natürlich Kings: Stimmen ertrinken in Delay wie vorbeiziehende Bläser, Orgeln zittern mit psychedelischem Tremolo-Effekt, Acid-Synths schwurbeln herum, der Bass massiert sowieso in jedem Track wohlig das Gehirn. Zugekifft und edel-stylisch zugleich klingt das; wie es ein Kommentar auf RateYourMusic so perfekt in Worte packt: "Hotellobby auf der Vorderseite, Opiumhöhle im Hinterzimmer."

Dennoch verlieren die beiden sich nicht nur im möglichst entspanntesten Groove. Songs müssen sich transformieren, es muss auch Unerwartetes passieren! Kruder sah Trip-Hop und Downtempo als limitierte Genres, weil sie doch oft gleichbleibend gestaltet wurden: "Okay, das kann ich auflegen, aber die Platte wirst du dir nicht in fünf Jahren hören und denken: 'Boah, das war damals mindblowing shit!'" Wenn er solche Musik produzierte, wollte er also nicht nur klassische Hip Hop-Beats verwenden, sondern auch mal Bossa Nova oder Funk einfließen lassen. Die Drum-Sounds sind abwechslungsreich und vielschichtig, so verwendet "Donaueschingen" etwa eine Gegenüberstellung von metallisch klingenden Jazz-Drums und holzigen Percussionelementen. Da so viele Instrumente live aufgenommen wurden, klingt nichts flach, sondern für ein Remix-Album sehr organisch.

So spannend ein Song bleiben muss, so sollte auch ein Album einen Spannungsbogen haben, insbesondere bei zwei Stunden Länge. Aber keine Sorge, diese Compilation fließt besser als die meisten regulären Doppelalben. Der Trip beginnt mit zwei geisterhaft wabernden, noch recht verhaltenen Tracks, bei denen die Percussion im Vordergrund steht. "Speechless" zieht das Tempo dann mit einem hektischeren D'n'B-Ausflug an, um schließlich Platz für "Going Under" zu machen, den ersten Track mit großer Gesangspräsenz. "I'm going under and I can't turn round", singt die beruhigend und zugleich unheilvolle, tiefe Stimme, doch Rap-Tracks helfen wieder auf die Füße. Disc 1 endet wie Disc 2 beginnt: dramatisch, melancholisch, filmisch.

Der zweite Teil des Albums fällt entspannter und sonniger aus – bis dann kurz vor Schluss "Going Under" noch unheimlicher zurückkommt. Und dieses Mal scheint der Sänger tatsächlich unterzugehen; Instrumente filtern müde rein und raus, bis sie endgültig versinken. Über dem sie verschluckenden Erdboden erhebt sich schließlich die triste "Million Town", ein verregnetes Ende zu unserer Reise.

Nach so einem Werk klingelten natürlich die Telefone bei Kruder & Dorfmeister. Madonna, U2 und Sade hofften auf Remixes, aber K&D lehnten ab und hingen das Projekt sogar an den Nagel. Grund: An Major-Deals und einer Verstrickung in der Industrie waren sie nie interessiert. Ihnen ging es um die Musik; nicht, sich für den Erfolg zu verbiegen. Das ganze Drumherum nervte sie irgendwann nur noch, also blieben sie DIY und gingen jeweils ihren eigenen kleineren Nebenprojekten nach.

Somit wurde "The K&D Sessions" ein umso größeres Schlussmanifest dieser Ära, das ebenso bedeutsam geblieben ist. Wenn es eines weiteren Zeichens bedarf, um zu zeigen, dass das mehr als nur Remixes waren: 2025 brachten die beiden die "K&D Sessions" auf die Bühne, nicht als DJ-Set, sondern als Live-Arrangements mit großer Band. Hoffentlich saß der Interviewer aus der Muffathalle im Publikum.

In der Rubrik "Meilensteine" stellen wir Albumklassiker vor, die die Musikgeschichte oder zumindest unser Leben nachhaltig verändert haben. Unabhängig von Genre-Zuordnungen soll es sich um Platten handeln, die jeder Musikfan gehört haben muss.

Trackliste

  1. 1. Heroes
  2. 2. Jazz Master
  3. 3. Speechless
  4. 4. Going Under
  5. 5. Bug Powder Dust
  6. 6. Rollin' On Chrome
  7. 7. Useless
  8. 8. Gotta Jazz
  9. 9. Donaueschingen
  10. 10. Trans Fatty Acid
  11. 11. Gone
  12. 12. Sofa Rockers
  13. 13. Eastwest (Stoned Together)
  14. 14. Bug Powder Dust (Dub)
  15. 15. Boogie Woogie
  16. 16. Where Shall I Turn
  17. 17. 1st Of Tha Month
  18. 18. Lexicon
  19. 19. Bomberclaad Joint
  20. 20. Going Under (Evil Love And Insanity Dub)
  21. 21. Million Town

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