laut.de-Kritik

Zwischen Harmonie und Wutausbruch.

Review von

Was? Jason Williamson motzt nicht mehr? Über sein versöhnliches Gespräch mit Idles-Sänger Joe Talbot in seinem "Oh Gatekeeper"-Podcast wunderten sich nicht nur Fans und Zuhörer. Hatte es doch immer mal wieder verbale Auseinandersetzungen zwischen den beiden gegeben.

Wenn man dann aber die Single "The Good Life" hört und die News über Jason liest, dann weiß man, der Mann ist in Therapie und hat keine Lust mehr ständig auf Bands rumzuhacken und sich mit Frontmännern anzulegen. Dann lieber die mächtigen, wirklich bösen und toxischen Idioten öffentlich zur Schau stellen und in brillanter Motz-Manier an die Wand pissen. Das tut Mr. Williamson nach wie vor vorbildlich.

"The Demise Of Planet X" ist vielleicht das persönlichste Album von Sleaford Mods. Eine wuchtige Abrechnung mit den Arschlöchern dieser Welt. Dabei schließt Sänger Jason Williamson sich selbst nicht aus.

Die filmreife Single "The Good Life" spiegelt seine Dämonen wider. Immer wieder legt er sich mit Typen an und sucht einen Weg sie fertigzumachen. Gleichzeitig fragt er sich, warum er das macht. Gast-Schauspielerin Gwendoline Christie ("Game Of Thrones", "Wednesday") ist die geborene Reinkarnation des Bösen. Sie verkörpert hier stimmlich und darstellerisch das dunkle Ego. Von ihrem stimmgewaltigen Einsatz sind auch Sleaford Mods nachhaltig beeindruckt. Musikalisch erschafft Andrew Fearn aus seinen typischen eindringlichen Bass-Beates eine eingängige Melodie zum Chorus, die auch den Gastgesang von Big Special aus Birmingham emotional einfängt.

Diese Stimmungsschwankungen zwischen Harmonie und Wutausbruch begleiten das komplette Album. "Gina Was" blickt noch mal tiefer in die Vergangenheit. Hier beschreibt Jason eine Kindheitserfahrung, die erst Jahre später als grausam attestiert wird und ein Thema ist, das er mit in die Therapiestunde nehmen kann.

Sleaford Mods sehen ihr eigenes Land schon lange am Abgrund. Mittlerweile gibt es kaum noch einen Fleck auf Erden, der nicht in die rechte Richtung drängt und von hirnverbrannten Männern regiert wird. "Bad Santa" erklingt nicht nur bitter zur Vorweihnachtszeit, sondern knöpft sich alle bösen Jungs vor, die das ganze Jahr alles andere als brav waren. Alle Alpha-Männchen und machtbesessenen Idioten mutieren hier zum diabolischen Weihnachtsmann. "I watch reels like hamsters love wheels. The 51st state of it hasn't got the big reveals. But what's left out the back, wrapped up, dapper laughs. I fucked your missus, look. When you send the yellow, red sky, red tie. The cone of terror. Maccies on a private jet, arse tremor. The cone of terror, the cone of hell." Am Ende erobert Donald Trump den Titel für den schlimmsten Bad Santa aller Zeiten!

"Megaton" ist eine typische Mods-Hymne über den Wahnsinn in der Welt und das Zerfleischen in den sozialen Netzwerken. Hier fühlt man sich an die Anfangszeiten der Band erinnert. Minimalistische Elektronik trifft maximalen Wortausbruch.

Sleaford Mods bleiben in Bewegung. Neben der Sound-Beat-Kunst von Andrew Fearn, die sich in den letzten 15 Jahren außerordentlich abwechslungsreich entwickelt hat, läuft es auch mit der Gästeliste ziemlich gut. In der Vergangenheit sorgten Billy Nomates oder Amy Taylor von Amyl and the Sniffers für markante Single-Hits. Auf dem neuen Album ist Sue Tompkins eine echte Bereicherung. In "No Touch" geht es um die schlechten Seiten des Drogenkonsums. Ein persönlicher Einblick in die Künstlerwelt. Die bildende Künstlerin Tompkins kennt man vielleicht noch als Sängerin der schottischen Indie Rockband Life Without Buildings. Ihre Stimme klingt ein wenig nach Björk. Vielleicht weil sie an dem Tag der Aufnahme erkältet war, wie Jason im Interview berichtet. Auf jeden Fall hinterlässt der Song einen langanhaltenden positiven Eindruck und man bekommt ihn nicht mehr so schnell aus den Ohren. Jetzt hört man sogar, dass Life Without Buildings nach 25 Jahren noch mal zusammenkommen und im November 2026 in London ein Konzert geben.

Kurz vor dem offiziellen Album-Release gibt es dann noch die Singleauskopplung mit Aldous Harding. Jason ist schon lange Fan der exzentrischen Singer-Songwriterin. In "Elites G.O.A.T." leitet sein abgehackter Sprechgesang hervorragend in das harmonische Gesangsvolumen von Aldous über. Getoppt von Andrews irren Piano-Beats. Hier hört man auch vermehrt den Ska-Einfluss der Specials, bevor der Song abrupt endet.

Es lohnt sich also, ein Teil der Mods-Kollaborationen zu sein. Gleichgesinnte Außenseiter reihen sich ein, so auch Kumpel-Rapper Snowy aus Nottingham, der mit "Kill List" ebenfalls für Aufmerksamkeit sorgen wird. Sleaford Mods supporten aber nicht nur musikalische Kolleg:innen, sondern standen auch immer schon fest hinter ihren Fans. Unterstützen diejenigen, die sich die regulären Konzerttickets nicht mehr leisten können und bieten günstigere Karten an. Sie spenden regelmäßig an die Organisation War Child UK. Auch wenn die Hallen größer werden und der Rummel um das Duo aus Nottingham nicht nachlässt, sie vergessen nie, woher sie kommen.

"Keine Sorge, es wird nur die Welt untergehen". Bis dahin kann man sich ruhig zur Online-Shopping-Sucht bekennen. "The Unwrap" beendet das Album mit einem weiteren offenen Bekenntnis. Irgendeine Abhängigkeit muss man ja haben. Alkohol und Drogen spielen zurzeit keine Rolle mehr in Jasons Leben, dafür shoppt er jetzt

Sleaford Mods entwickeln sich weiter und nutzen den Scheiß da draußen als Antrieb. Sie stehen auf und erledigen ihren Job mit Leidenschaft und Kreativität. Dabei bleiben sie interessant, frisch und fitter denn je. Top of the Mods!

Trackliste

  1. 1. The Good Life feat. (Gwendoline Christie & Big Special)
  2. 2. Double Diamond
  3. 3. Elitest G.O.A.T (feat. Aldous Harding)
  4. 4. Megaton
  5. 5. No Touch (feat. Sue Tompkins)
  6. 6. Bad Santa
  7. 7. The Demise of Planet X
  8. 8. Don Draper
  9. 9. Gina Was
  10. 10. Shoving the Images
  11. 11. Flood the Zone ( feat. Liam Bailey)
  12. 12. Kill List (feat. Snowy)
  13. 13. The Unwrap

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