Porträt

laut.de-Biographie

Thee Headcoatees

"Ich traf Kyra LaRubia, Ludella Black und Bongo Debbie Anfang der 90er Jahre. Mit Thee Headcoatees konnte ich die Musik, die ich mag und gerne höre, musikalisch ausleben." (Holly Golightly im Interview auf Laut.de, 2004)

Thee Headcoatees - Punk Girls Aktuelles Album
Thee Headcoatees Punk Girls
Bei jedem Stück sitzt man mit im Proberaum.

Chatham liegt ungefähr eine Stunde von London entfernt in Kent, England. Aber auch Gillingham, Rochester, Strood und Rainham gehören zur legendären Medway-Szene. Eine Musik- und Kunstbewegung, die Ende 1970er Jahre aus der Punk-Ära entsteht und sich über DIY-Produktionen, Garagen-Rock-Revivals und unabhängiger Kunst bis heute weiterentwickelt.

Inspiriert von dieser Bewegung und dem Sound von Garagenrock, Blues und R&B der 1960er Jahre sind auch Ludella Black, Kyra LaRubia, Bongo Debbie und Holly Golightly. Für die Entwicklung der unabhängigen Kulturszene in Kent war und ist Billy Childish mit seiner Sixties-Revival-Musik verantwortlich, und als aktiver Maler ist er Mitgründer der Stuckisten-Kunstbewegung (eine Gruppe, die sich ebenfalls Ende der 1990er gründet und sich gegen den Kunst-Mainstream stellt). Seit Ende der 1970er Jahre formiert er Bands, wie Milkshakes oder Pop Rivets, veröffentlicht unzählige Alben, Compilations und schreibt nicht nur Songs, sondern auch Gedichte.

Anfang der 1990er holt Billy die Girls Holly, Kyra, Debbie und Ludella für seine Headcoates mit auf die Bühne und unterstreicht damit die familiäre Dynamik innerhalb dieser Szene. Hier unterstützt man sich gegenseitig und arbeitet zusammen. Thee Headcoatees werden somit offiziell 1991 in Chatham gegründet. Sie begleiten die Garagen-Band fortan mit ihrem Gesang und bereichern mit ihrer energiegeladener Präsenz die Bühne. Von nun an spielt das Frauenquartett immer mit den Herren, aber schon bald entscheiden sie, dass sie ihre eigenen Platten aufnehmen. Selbstverständlich im unabhängigen Vertrieb, durch selbst finanzierte Studioaufnahmen auf lokalen Labels wie Hangman oder Damaged Goods.

Girlsville heißt 1991 das Debüt auf Hangman Records, dem selbst gegründeten Label von Billy Childish. 1960s Garage meets Girls-Pop-Roll. Ab jetzt gibt es den Proberaum-Sound direkt nach Hause. So wie bei Billy Childishs Aufnahmen klingt es auch bei Thee Headcoatees nach purem Retro-Mischpult. Es scheppert und rumpelt. Während die Girls den mehrstimmigen Gesang übernehmen und das Tambourin bedienen, spielen Thee Headcoates die Instrumente ein. Verzerrte Gitarren und einfache Akkorde bestimmen den rauen, Lo-fi-Sound. Punkrock von seiner besten Seite. Die DIY-Ethik der Medway-Szene zeichnet diese Musik und die Machart aus. Perfektion spielt keine Rolle. Große Plattenlabels werden strikt abgelehnt. Verstärker, Ausstattung und Tonstudio sollten auf diesen künstlerischen Vintage-Sound eingestellt sein.

Auch die folgenden Alben bereichern die nostalgie-verliebten Hörer mit bekannten und weniger bekannten Coversongs. Da wäre 1992 zum Beispiel "Have Love Will Travel" von The Sonics oder "Teenage Kicks" von The Undertones. Billy Childish bedient sich an altbewährten Hits und arrangiert sie neu und setzt sie dabei perfekt, für die Gesangsstimmen seiner Girls, um. Die eigenen Songs sortieren sich dabei famos in das alte Material.

Holly und Co. sind das weibliche Gegenstück zu Billy und Co. Wenn Childish seine Headcoates 1999 auflöst, um mal wieder eine andere Formation zu gründen oder sich zwischendurch mehr der Malerei und der Fotografie zu widmen, dann lösen sich Thee Headcoatees leider auch auf. Und was passierte mit den Girls nach der Garagen-Session? Sie machen weiter, Solo oder mehr im Hintergrund. Vor allem Holly Golightly behält man im Auge und in den Ohren. Sie veröffentlicht ihre eigenen Songs und schreibt sie auch. Aber sie holt sich auch immer gerne Musiker dazu, darunter ihr langjähriger Freund Lawyer Dave von The Brokeoffs.

Ihrem Retro-Style bleibt sie treu, aber zur Rock'n'Roll - 60s-Garage mischt sich auch ihre Liebe zum Country-Blues-Folk der 1920er-1940er Jahre. Holly schafft es auch mit einem Song "Tell Me Now So I Know" auf den Soundtrack von Jim Jarmuschs Film "Broken Flowers", und Jack White lädt sie als Gastsängerin zum Album "Elephant" der White Stripes ein. Auch bei Rocket From The Crypt ist sie mit "Eye On You" dabei. Somit erreicht sie ein breiteres Publikum und tourt mit mehr Aufmerksamkeit durch die ganze Welt. 2025 beglückt sie ihre Fans mit neuen Songs auf dem Album Look Like Trouble.

Ludella Black veröffentlich ebenfalls Platten mit The Delmonas und singt im Background bei The Masonics und The 5,6,7,8's. Kyra war zusammen mit Bongo Debbie Anfang der 2000er kurz Mitglied von The A-Lines, einer Punkrock Band aus London. Kyra konzentriert sich später dann mehr auf ihr Sportstudium und ist seit 2005 Dozentin an der University of Kent.

Bongo Debbie trommelt weiter in diversen Bands und bleibt dem Cover-Genre treu. Sie spielt in einer The Monks Tribute Band, Ye Nuns und bei Dutronc, die den französischen Schauspieler und Chansonier Jacques Dutronc huldigen.

Thee Headcoatees gehören zu den Liebelingsbands des englischen Indie-Labels Damaged Goods. Es gibt regelmäßige Wiederveröffentlichungen ihrer insgesamt sieben Studioalben, die zwischen 1991 und 1999 erschienen sind. 2025 überraschen Thee Headcoatees, wie bereits 2023 ihre Freunde von Thee Headcoates mit neuer Platte "Irregularis (The Great Hiatus)", ebenfalls mit neuem Material. Auch auf Man Trap gibt es jede Menge Coverversionen im 1960s-Gewand zu hören. Billy Childish fungiert als Produzent und ist natürlich auch mit seiner legendären Backingband am Start.

Thee Headcoatees inspirieren viele Bands und gelten als Vorreiterinnen der Riot-Grrrl- und Indie-Bewegungen in Europa. Anfang der 1990er wuchsen sie in einer männlich dominierten Szene auf und sind seitdem wichtige Vertreterinnen der feministischen Garagen-Rock-Bewegung in England.

Alben

Surftipps

  • Label

    Hier gibt es Wiederveröffentlichungen und News

    https://damagedgoods.co.uk/

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