laut.de-Kritik
Bei jedem Stück sitzt man mit im Proberaum.
Review von Jasmin LützSie gehören zu den beliebtesten Frauen-60s-Garage und DIY-Punk-Rock'n'Roll-Bands in den 1990ern. Sie haben kein Interesse an Perfektionismus, aber eine Vorliebe zum Vintage-Sound und Lust, mal ordentlich den Frust raushauen. Dabei wird das Rad nicht neu erfunden, aber direkt und effektiv in Szene gesetzt.
Billy Childish nimmt Ludella Black, Kyra LaRubia, Bongo Debbie und Holly Golightly bei seinen Thee Headcoats-Auftritten mit auf die Bühne. Mit ihrem Gesang und positivem Auftreten bereichern sie die männliche Garagen-Präsenz, seitdem rocken und rebellieren sie zusammen live und auch im Studio. Es war klar, dass diese Girls unbedingt Platten aufnehmen müssen. Childish schreibt die passenden Songs und unterstützt mental und musikalisch bei den Sessions. Thee Headcoatees sind das weibliche Pendant zu Thee Headcoats.
"Punk Girls" ist das vierte offizielle Album von Thee Headcoatees und erscheint 1997. Der Titel ist Programm. Hier stampfen die Girls im Vordergrund, auch wenn sie Unterstützung von Billy und Co. bekommen. Es sind zwölf kurze, punkige Rocknummern im unverwechselbaren rumpeligen Lo-Fi-Stil. Bei jedem Stück sitzt man mit im Proberaum.
Verzerrte Gitarren, Rumpel-Schlagzeug und mehrstimmiger Gesang sind charakteristisch für Thee Headcoatees. Mit den Lead-Vocals wechseln sich die Damen ab. Kyra lässt ihrer Wut im Opener "Punk Girl" freien Lauf. Hier gibt es schon mal die volle Ladung 60s Girl-Garage, scheppernde Instrumente und leidenschaftliches Gekreische: "I will beat you on the head. Beat you down 'til you are dead. Cut you down to half your size. Beat you 'til you realize."
Eigentlich hätte man auch das Debüt "Girlsville" von 1991 als Meilenstein wählen können oder den ein Jahr später veröffentlichten Longplayer "Have Love Will Travel". Gelungene Coverversionen klangen auch hier schon bemerkenswert, wie der Titelsong von The Sonics "Have Love Will Travel" beweist, der 1965 zum Garagen-Hit wurde und ursprünglich von Songwriter Richard Berry aus den 1950ern stammt. Qualität zeichnet sich auch dadurch aus, dass man einen sehr guten Musikgeschmack mitbringt und diesen dann in eigene eingängige Kompositionen umwandelt.
Die eigene bewusste Aufmerksamkeit begann dann erst mit "Punk Girls" und der Coverversion "Teenage Kicks". Das Original aus den 1970ern von The Undertones ist der Lieblingssong von John Peel gewesen, den er 1978 in seiner Radio 1-Plattenshow gleich zweimal hintereinander abspielte. Die Punkrock-Hymne, die man einfach nicht besser machen kann und deren ersten Songzeilen nun auch auf seinem Grabstein für immer bestehen: "Teenage dreams, so hard to beat." Es gibt viele Coverversionen von "Teenage Kicks". Billy Childish hat es getan und sogar One Direction versuchten ein Mashup mit Blondies "One Way Or Another". Der Song über die Teenagerliebe klingt allerdings sehr viel besser bei Thee Headcoatees, und am liebsten hätte man bei dieser Version gerne selbst am Schlagzeug gesessen und ins Mikro gesungen. Natürlich ist das Original nicht zu toppen, aber Debbie interpretiert gesanglich ihren ganz eigenen Ton, und die schnellen, direkten Garagen-Rock-Beats und Gitarren maximieren die Liebe zu dieser Band. Eine bessere Hommage an die Undertones kann es nicht geben.
Plastic Bertrand hat sich sicherlich auch nicht über die Version seiner Punkrock-Hymne "Ca Plane Pour Moi" von 1977 beschwert. Hier sitzt der Meister der Garage noch selbst als Produzent an den Reglern - Billy Childish setzt auf Retro-Sound.
Mr. Childish bedient sich zwanglos aus der großen bunten Plattenkiste und verdreht dabei einfach nur einige Melodien und Wörter großer Popsongs. Bei "Don't Wanna Hold Your Hand" wissen wir sofort, worum es geht. Ringo Starr hätte da sicherlich auch gerne am Schlagzeug gesessen, und der Gesang von Ludella wird großspurig von den anderen Girls im Refrain unterstützt. Childish sucht die besten Originale für seine Schwestern, von den Beatles bis zu den scheppernden Ramones ("Pinhead"). Zwischendurch mischt er seine eigenen Punk-Klassiker dazu. Mit wilder Mundharmonik und lässigem Rhythmus schreibt er sogar einen Song über sich selbst: "Billy B. Childish". Das kann man ruhig mal machen. Der Mann spielt gefühlt in mindestens zehn verschiedenen Bands und ist nebenbei noch Maler, Filmemacher, Schriftsteller, und Fotograf.
"You're Right, Im Wrong`" ist auch so ein typischer Childish-Song. Wie gemacht für Holly Golightlys Stimme. Nach Auflösung der Band im Jahre 1999 wird sie ihre eigenen Songs schreiben und spielen und Billy immer wieder als ihren persönlichen Mentor bezeichnen.
Thee Headcoatees und Thee Headcoates sind ein gut funktionierendes Kollektiv. Die Girls stehen auf der Bühne und machen Punkrock, ohne dabei aggressiv zu klingen. Sie singen Billy Childish-Songs mit einer großen Lässigkeit, einem anziehenden Charme und einer gesunden Portion Selbstbewusstsein. Noch nicht mal eine halbe Stunde dauert die "Punk Girls"-Garage und dann ist die energiegeladene Sause auch schon vorbei.
In der Rubrik "Meilensteine" stellen wir Albumklassiker vor, die die Musikgeschichte oder zumindest unser Leben nachhaltig verändert haben. Unabhängig von Genre-Zuordnungen soll es sich um Platten handeln, die jeder Musikfan gehört haben muss.


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