laut.de-Kritik

Die Zeiten sind zu schlecht für Kirchentagsrock.

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Fünf neue Songs und ein vertontes Gedicht auf einer EP: U2 melden sich auf dem Gebiet zurück, das sie vor langer Zeit mal berühmt gemacht hat. "Days Of Ash" ist über Nacht ohne jegliche Ankündigung erschienen, und selbstverständlich ohne iPhone-Bohei. Selbst Bono scheint begriffen zu haben, dass Marketing-Deals mit US-Tech-Konzernen dem dringend notwendigen EU-Fokus auf digitale Souveränität und irgendwo auch dem eigenen Ansinnen zuwiderlaufen. Wie auch immer man dieses Ansinnen auslegen mag, denn Bonos Allmachtansprüche, seine Treffen mit korrupten Politikern, religiösen Anführern und moralisch bankrotten Konzernchefs haben dem ehemals stolzen Rockband-Konstrukt U2 übel mitgespielt. Erschwerend hinzu kam die schlechte Musik.

Die Zeiten ändern sich so rasant, dass schon morgen veraltet klingen könnte, was man gestern noch inbrünstig postulierte. In diesem Kontext steht diese Veröffentlichung. Es handele sich um Songs als unmittelbare Reaktion auf das aktuelle Weltgeschehen, so Bono, "inspiriert von den vielen außergewöhnlichen und mutigen Menschen, die an vorderster Front für die Freiheit kämpfen." Natürlich. Sie handeln von individuellen Schicksalen, von Soldaten, Minneapolis und dem übergeordneten Ziel der gesamten Menschheit: Freiheit. Schon hier stellen sich einem die Nackenhaare auf, denn die Sätze evozieren noch einmal das komplette musikalische Grauen von "Songs Of Experience" und "Songs Of Innocence", Testamente musikalischer Irrelevanz, das ertraglose Entgegenstemmen vier einstiger Wutmusiker ("War") gegen den eigenen Bedeutungs- und Relevanzverlust, das Verpuffen in lauem Kirchentagsrock.

Plot-Twist: Statt "Songs Of Irrelevance" nun also "Days Of Ash", und stört man sich nicht daran, dass Bono nach wie vor im Alleingang den Nahostkonflikt befrieden will, macht diese EP so viel Spaß wie lange keine U2-Veröffentlichung mehr. Damit ist nicht unbedingt die begleitende, 52-seitige Digital-Publikation "Propaganda" gemeint, die so staatstragend daherkommt wie zuletzt ihre Musik. Zumindest erscheint die Idee dahinter stimmig: Ein konzeptioneller Rückgriff ins Zeitalter des Kalten Krieges, als die damals jungen Iren das gleichnamige Fanzine als flankierendes Sprachrohr neben ihrer Musik ins Leben riefen. Mit dem Unterschied, dass man 40 Jahre später von U2 eben gerade nichts mehr hören möchte, was den Pfad der Musik verlässt. Etwa exklusive Interviews mit handelnden Personen der EP: Einem Regisseur, einem Film-Produzenten, einem Soldaten, persönlichen Ausführungen aller Bandmitglieder sowie, ihr ahnt es, einem separaten Q&A mit Bono.

"American Obituary" sagt im Titel schon alles, was man wissen muss. U2 sind wütend und enttäuscht, waren sie natürlich schon in Trumps erster Amtszeit, aber schön, dass die Gitarren nun wieder eine Form annehmen, die diesem Gefühlszustand annähernd Ausdruck verleiht. "You have the right to remain silent", rezitiert Bono den bekannten Satz der US-Verfassung, bevor er ein galliges "or not" nachschiebt, es geht schließlich um die Ermordung der 37-jährigen Renee Nicole Good durch Trumps Einwanderungsbehörde ICE. Der scheinbar seit Jahren gehandicapte Drummer Larry Mullen Jr. harmoniert mit Adam Claytons Bass wie zu sehr lange vermissten Zeiten und The Edge spielt ein so simples wie funktionales Edge-Riff - auch dieses Kernelement ihres Sounds schien U2 zuletzt verloren gegangen zu sein.

Der eher trocken produzierte Song unterstreicht dessen Aussage, ein flammender Appell für die Demokratie und die Souveränität des Volkes, mit leichten Reminiszenzen an "How To Dismantle An Atomic Bomb". Selbst den auf Papier plump wirkenden Slogan "I love you more than hate loves war" münzt Bono in einen wirksamen Refrain um, er kann es noch. "America! The power of the people!", stöhnt er am Ende fast erschöpft und man kann es ihm nicht verdenken. Zur Kriegslust des konservativen Amerikas hat er schließlich in "Bullet The Blue Sky" auf "The Joshua Tree" vor fast 40 Jahren schon alles gesagt.

Genauso lange soll Moses einst die Israeliten durch die Wüste geführt haben, von daher passt es natürlich, dass Bono das folgende "The Tears Of Things" mit den Worten "Everybody is my people / let my people go" beendet. Hier bekommt auch religiöser Fundamentalismus die verdiente Breitseite ab ("when people go around talking to God / it always ends in tears"), doch viel wichtiger: Wir erleben eine absolut zumutbare U2-Ballade, wofür man zuletzt bekanntlich sehr weit zurückgehen musste in der Bandhistorie. Was die Leistung von "The Tears Of Things" nicht schmälern soll. Auf Anhieb ist sie wieder da, die Kraft in Bonos Stimme, in den Akustikgitarren.

Nicht alles geht den Musikern so leicht von der Hand. Das poppig ausgerichtete "Song Of The Future" nervt schon beim ersten Hören. Bono besingt die 16-jährige Sarina Esmailzadeh, die 2022 im Iran für Freiheit und Gleichberechtigung auf die Straße ging und von Sicherheitskräften getötet wurde. Folgen die Strophen noch einem herkömmlichen Midtempo-Song der akustischen U2, wirken Bonos "Sarina, Sarina"-Lyrics im Refrain schon extrem einfallslos.

"Wildpeace" ist eine Verschnaufpause, ein Gedicht des israelischen Autors und Dichters Yehuda Amichai, das eine Künstlerin des westafrikanischen Kollektivs Les Amazones d'Afrique vorliest. "One Life At A Time" schaut danach auf den durch einen israelischen Siedler verschuldeten Tod des 31-jährigen palästinensischen Aktivisten Odeh Hadalin. Er war als Berater an der israelisch-palästinensischen Doku "No Other Land" beteiligt, die 2025 einen Oscar erhielt. "One Life At A Time", ein Leben nach dem anderen, das Sterben muss endlich ein Ende finden: Die Hoffnung auf eine Zweistaatenlösung und das friedvolle Zusammenleben zweier Völker artikulieren U2 in einer ätherisch-schwebenden Melodie mit viel Hall auf dem Gesang und Fingerspitzenlicks von The Edge.

Die Vorstellung endet mit "Yours Eternally", einer Ed Sheeran-Kollabo. Der selbsternannte Weltverbesserer trifft auf den König des seichten Egal-Pop, die gehässigen Youtube-Kommentare sind schneller geschrieben, als der Song überhaupt anläuft. Aber es macht schon irgendwie Sinn, denn auch U2 sind in der kommerziellen Disziplin des gefälligen Audio-Vorbeirauschens keine Ungeübten. Von daher überrascht eher, dass das Ergebnis weniger Schmerzen verursacht, als etwa eine Spoken-Word-Passage von Kendrick Lamar. "Yours Eternally" öffnet musikalisch keine neuen Räume und schmiegt sich vor allem an Sheerans Ouevre an, weshalb insgesamt außer dem Formatradio wohl niemandem so richtig geholfen ist (U2 aber schon).

Inhaltlich bleibt es natürlich ernst: Mit dem ukrainischen Musiker und Soldaten Taras Topolia ist ein weiterer Gast dabei, der im Frühjahr 2022 mit Bono und The Edge in der U-Bahnstation in Kiew aufgetreten ist. Dessen Mut und folglich der Spirit aller kämpfenden Ukrainer spiegelt sich in Zeilen wie "still dream about waking up free" wieder.

"Days Of Ash" ist der Vorbote eines neuen U2-Studioalbums, das Ende des Jahres erscheint. Die vorliegenden Songs weisen nicht zwangsläufig auf den Charakter der kommenden hin, wie die Band sich noch beeilt zu betonen. Angesichts dieser Vorstellung klingt diese Nachricht zum Glück nicht wie eine Drohung.

Trackliste

  1. 1. American Obituary
  2. 2. The Tears Of Things
  3. 3. Song Of The Future
  4. 4. Wildpeace
  5. 5. One Life At A Time
  6. 6. Yours Eternally

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