laut.de-Kritik

Und trotzdem klingt es ziemlich cool!

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Da muss jetzt aber wirklich was kommen. Das ist wohl unisono die Meinung, nachdem A$AP Rocky acht Jahre auf sein neues Album warten ließ. Als "Testing" auf den Markt kam, war es noch ein ganz anderer Markt. Und nachdem "Testing" eigentlich schon eins der wackeligeren A$AP Rocky-Alben war, hat er sich mächtig Zeit gegeben, über seinen Platz in der Szene nachzudenken.

Wenn man uns jetzt fragen würde, wie wichtig A$AP Rocky Rap-geschichtlich war, was wäre die richtige Antwort? Ohne Frage war er in der ersten Hälfte der Zehnerjahre Hip Hops absoluter It-Boy. Er war dieser pretty Motherfucker, das Bild eines Rappers. Und seine ersten Tapes waren ohne Frage gut. Aber sein Houston-Revival bewies sich gerade neben Zeitgenossen wie Chief Keef, Travis Scott, Tyler The Creator oder Future als nicht besonders einflussreich - und für die Entwicklungen im Cloud Rap gilt es andere zu crediten.

Mehr als alles andere war Rocky für eine Weile Hip Hops menschgewordener Fitcheck. Sein Geschmack war über alle Zweifel erhaben. So sehr, dass er ganze Parts damit füllen konnte, welche Rapstädte und welche Modemarken jetzt gerade cool oder nicht cool waren. Sein Wort war Gesetz. Ein Status, den er auch als Hip Hop-Frührentner und Rihannas Hausmann behalten hat. Aber irgendwann muss der Status auf den Prüfstand - und nach acht Jahren hat er einen neuen Longplayer vorgelegt. Also, Rocky: Was ist gerade cool, was ist uncool? Weissage uns, wie soll Hip Hop 2026 aussehen?

"Don't Be Dumb" ist ein kurioses Album. Kurios, weil es auf vielen Ebenen dem Hype gerecht wird. Rocky versteht, dass er jetzt wirklich mit einem Event aus dem Tran kommen muss. Und dieses Projekt ist immerhin ziemlich extravagant. Rocky hat alles gemacht: Er hat Gastmusiker aus einem Dutzend Genres rekrutiert, er hat die coolsten Producer um sich geschert, er hat Songs geschrieben, die aber auch wirklich alle 90 Sekunden mindestens einen Beatwechsel machen oder ein Rad schlagen. Rocky tat wirklich alles Erdenkliche. Außer gute Parts schreiben.

Der Intro "Order Of Protection" nimmt dahingehend schon recht viel vorweg: Die meisten Parts auf diesem Projekt könnten auf einem handelsüblichen Track namens 'Immer Noch' landen. "Still in the field like I'm runnin' in cleats / Last time I checked, we still in the lead". Kleiner Jab an Drake, kleine Erinnerung an die Projekte vor zehn Jahren, Hook, Abfahrt. Standout-Lines sucht man vergebens, die Hook wird beim dritten Durchlauf des Albums auch schon recht repetitiv.

Apropos Jab an Drake: Der bekommt auf dem Track "Stole Ya Flow" eine richtige Breitseite. Von der "In My Feelings"-Nennung bis zur Betonung, Rocky sei jetzt ein Vater (aber auch der Betonung, dass er dessen "Bitch" geklaut habe). Immerhin ein bisschen Hype, vor allem, weil der Track klanglich definitiv ein superdickes Brett ist. Icytwat macht diesen durchschrammenden Bass, der auch zu dessen sonstiger Musik passt. Geht nach vorne! Wenn direkt darauf Brent Faiyaz über einen supersmoothen Hit-Boy-Beat singt, kommt man definitiv ins Viben.

Klanglich fehlt es überhaupt nicht an coolen und interessanten Momenten. Der wahllose Electro-Party-Track auf "STFU" mit einem Feature von Slay Sqaud: Ballert. Sauce Walka läuft absolut Amok auf seinem Featurepart auf "Stop Snitching". Doechii über einen quasi unbearbeiteten Duke Ellington-Track rappen lassen? Ebenfalls eine ziemlich gute Idee. Gegen Ende zumindest für einen Track Clams Casino und Harry Fraud zurückbringen? Stattgegeben. Wenn man dieses Album für die reinen Vibes nebenher hört, gut möglich, dass es dann ziemlich aufregend und beeindruckend durchschrammt.

Aber es gab einen Moment, der zumindest mich ein bisschen radikalisiert hat. Track 12, "Whiskey (Release Me)", rühmt sich nämlich mit Features von Westside Gunn und den Gorillaz. Was für eine unglaubliche Kombo an Talent?! Tatsächlich bekommen wir einen ziemlichen Autopilot-Track, auf dem am Ende Albarn ein paar generische Lines singt, während Westside Gunn seine typischen Schussgeräusche macht. Das Outro macht nichts, es ist reine Augenwischerei.

Ich fürchte, reine Augenwischerei ist eine Kategorie für vieles, was auf "Don't Be Dumb" passiert. Die ganzen Genre-Wechsel, auch gerne drei mal pro Track, fühlen sich an, als wolle man mit der Jagd nach Hype-Momenten überspielen, wie wenig Substanz das Album hat. Einzig auf "Don't Be Dumb/Trip Baby" rappt Rocky mal anständig durch, allein Drake als Gegner weckt ein bisschen Sass in ihm. Aber die meiste Zeit trottet A$AP Rocky auf diesem Album im Windschatten neben der Zirkuskaravane und versucht, nicht im Weg zu stehen. Da ist kein roter Faden auf diesem Album, kein Thema, kein solides Fundament.

Und trotzdem klingt es ziemlich cool! Das muss ja auch schon etwas wert sein. Rocky ist ohne Frage ein guter Kurator. Wird wahrscheinlich auch einfacher, wenn man so viel Clout hat, dass man wirklich jedes Feature nach Belieben anheuern kann. Entlarvend scheint aber auch dieses Tim Burton-Ding: Dick und fett auf das (ehrlicherweise eher hässliche) Cover geschrieben steht dieser renommierte Regisseur, als hätten wir es mit einem Rocky-Burton-Album zu tun. Merkt man davon etwas? Hat der Kerl überhaupt etwas getan? Wer weiß! "Don't Be Dumb" ist eine Assemblage an coolen Ideen, die sich zu einer ziellosen, aber dafür ziemlich aufgekratzten Laserlightshow verschmelzen. Es ist irgendwie ganz cool, mal wieder ein Hip Hop-Album mit diesem Level an Budget und Theatralik zu hören. Aber würde man mit dem Kontext dieses Albums fragen, warum A$AP Rocky jetzt wichtig für die Rapszene ist - ich wäre mir nicht sicher, ob es so richtig schlüssige neue Antworten liefert.

Trackliste

  1. 1. Order Of Protection
  2. 2. Helicopter
  3. 3. Interrogation (Skit)
  4. 4. Stole Ya Flow
  5. 5. Stay Here 4 Life
  6. 6. Playa
  7. 7. No Trespassing
  8. 8. Stop Snitching
  9. 9. STFU
  10. 10. Punk Rocky
  11. 11. Air Force (Black DeMarco)
  12. 12. Whiskey (Release Me)
  13. 13. Robbery
  14. 14. Don't Be Dumb/Trip Baby
  15. 15. The End
  16. 16. Swat Team
  17. 17. Fish N Steak (What It Is)

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2 Kommentare

  • Vor 4 Stunden

    Ich habe so gehofft , dass nicht ausgerechnet Yannik diese Review schreibt… Er kreidet sein eigenes Unverständnis Asap Rocky an. Du hast das Album schlicht nicht begriffen. Und das Cover als „hässlich“ zu bezeichnen , lässt dermaßen tief blicken…

  • Vor einer Stunde

    Ich fand dieses Album schlicht und ergreifend langweilig. Der einzige Song mit Energie ist "Stole Ya Flow" und dort bekommt man meiner Meinung nach am ehesten den Rocky von seinen Anfängen zu hören.

    Wo hier so viele über das Cover reden: Es repräsentiert tatsächlich gut den Inhalt des Albums. Der Titel hat, außer dass er da ist und teilweise ein Song auf Tracklist so heißt, keine weitere Bedeutung. Passts, dass er durchgestrichen im Hintergrund ist. Vielleicht wurde im Vorfeld irgendeine Bedeutung rausposaunt, aus der Musik entnehme ich sie auf jeden Fall nicht. Ansonsten sehen wir Abbildungen von verschiedenen Outfits von Rocky auf einem weißen Hintergrund. Das Tim Burton dieses Cover designt hat, reicht nicht, es muss auch noch sein Name drauf, weil hey, Rocky kennt die wichtigen Leute und jeder mag doch Tim Burton, das ist doch der mit Edward und den Scherenhänden, Alice im Wunderland, Johnny Depp und Helena Bonham Carter. Und genauso einzigartig ist Rocky!

    Joa und so ist es im Endeffekt mit dem Album: Rocky zeigt viele Facetten, aber ein Hintergrund fehlt. Die Songs finden nicht zueinander und plätschern so dahin. Ich meine, er hat 8 Jahre kein Album mehr released. 8 Jahre. Inzwischen war die Pandemie, ein neuer Präsident kam und wurde durch den alten wieder abgelöst. Dann wird das Album mit so einem Filler-Track eröffnet? Und ähnlich wie die Tim Burton-Signatur hat man sich natürlich die großen Namen hergeholt. Doechii gibt sich die Ehre, aber auch die Gorillaz und Tyler, the Creator. Aha, sogar Jessica Pratt und will.i.am sind drauf.

    Es ist nicht mal so, dass die Songs schlecht sind. Jemand mit den Kapazitäten von Rocky könnte wahrscheinlich auch nie ein wirklich schlechtes Album veröffentlichen. Es fühlt sich aber nicht wirklich an wie ein Album, sondern eher wie ein Mixtape oder im drakeschen Sinne wie eine Playlist. An seiner Stelle hätte ich sie "POV: Du bist ein chilliger Fashion-Millionär und weißt nicht, welche Musik du machen sollst." genannt.