laut.de-Kritik

Nicht schön, aber unheimlich faszinierend.

Review von

Am 17.01.2024 stirbt Frank Ziegert. Mit seinem überraschenden Ableben verliert die hiesige Punklandschaft ein Unikat, eine hochinteressante Persönlichkeit, einen der frühen Genre-Protagonisten und ein regelrechtes Fossil.

Bevor er sich vollständig der Musik widmet, verdingt sich Frank Z. als Schriftsetzer, engagiert sich in der Blütezeit des Deutschen Herbstes als linker Aktivist in der Szene und verbreitet die Kunde vom im Vereinigten Königreich aufgekommen Punk. Seine Band Abwärts entsteht in den späten 70er Jahren in Hamburg, neben Düsseldorf und Berlin eines der drei Epizentren des deutschen Punks. Ursprünglich als eher basisdemokratisch geführtes Künstlerkollektiv gegründet, muss Ziegert seine Rolle als Frontmann und Mastermind erst entwickeln, auch die Einordnung unter dem, was wir heute gemeinhin unter (Deutsch-)Punk verstehen, gestaltet sich eher schwierig. Oft zurecht mit den britischen Post-Punk Ikonen Wire verglichen, schaffen Abwärts einen hierzulande völlig neuen und sicherlich vorerst ziemlich verstörenden Sound, der allerdings in der Szene einschlägt wie eine überdimensionale Dachlawine.

Zu seinen Mitstreiter*innen gehören unter anderem der später mit den Avantgarde-Pionieren Einstürzende Neubauten groß gewordene FM Einheit und die Schauspielerin und Performance-Künstlerin Margita Haberland, die vor allem für die besonders dissonanten Töne im Bandgefüge sorgen. Ihre erste, selbstbetitelte EP verkauft sich gut, der darauf enthaltene Evergreen "Computerstaat" (1980) gilt bis heute als Hymne und wurde erfolgreich von Schwergewichten wie Die Toten Hosen, Westbam oder Slime neu interpretiert.

Anders als bei anderen Deutschpunk-Pionieren wie etwa Male oder PVC zeichnet sich die Musik von Abwärts weniger durch wilde, stringente und melodische Songs aus, sondern lebt von Monotonie, bedrohlicher Kälte und den zumeist kryptischen, teils dadaistischen Texten Frank Ziegerts. Der Vorgeschmack, den die EP mit ihren kurzen, rohen und unbequemen Stücken bereits gegeben hat, wird mit dem Debüt fortgeführt und perfektioniert. "Amok Koma" ist der Soundtrack zu einem gehetzten, nervenaufreibenden Alptraum, kuratiert von der getriebenen, nervösen und zynischen Stimme Frank Ziegerts.

"Maschinenland, Maschinenland. Wann bist du denn wohl abgebrannt?" fragt er im Opener und meint sicherlich den Fortschritt der modernen Zeit, um Gewissheit zu geben reichen die wenigen Worte keinesfalls aus. Über einem stoisch treibenden Post-Punk Gerüst jagen wilde Synthesizer- und beinahe schmerzhafte Trötentöne den Verstand des Hörers in die nächste Ecke. Das entrückte "La la lala la la lala la la lala la" in einer vermutlich als Chorus gedachten Sequenz erzeugt höchst eigenartige Gefühle.

Der kaum überwindbare Schockzustand pausiert mit "Karo 1/4 08/15 Hoch 2" nur kurz und wird durch eine animierende Songstruktur gemildert. Schon musikalisch nahe am Hardcore-Punk zieht die Geschwindigkeit an, und Ziegert scheint endgültig seinen Groove gefunden zu haben. Drums und Bass stützen das wilde Gitarrengeschrammel, während der gut verständliche Text durchaus Fragen aufwirft: "Lass mich in Ruhe - ich stehe nicht auf dich. Fick doch mit yourself - ich liebe nur mich. Ich schlage eure Omas und mache alles tot. Ich bums nur noch mit Hunden. Und klau den Negern Brot. Hau endlich ab, geh doch nach Haus. Dann hab ich meine Ruhe und häng mich hier auf." Teufel, welch Irrsinn!

Bevor Abwärts mit physischen Tonträgern auf der Bildfläche erscheinen, machen sie mit gefeierten Live-Darbietungen von sich reden. Unter anderem beweisen sie Geschick bei ihrer Version der staubigen Schlager-Schmonzette "Capri Fischer". Mit "Monday On My Mind" (im Original "Friday On My Mind" von The Easybeats) und dem vor allem in den Kriegsjahren populären "Bel Ami" befinden sich auch zwei Cover-Versionen auf "Amok Koma". Natürlich erinnern beide nur entfernt an die entsprechenden Originale, werden sie doch hier auf beinahe schmerzhafte Weise entfremdet. Während "Monday On My Mind" irgendwo zwischen skandiertem Denglish mit dissonanten, angejazzten Gitarrenakkorden und angenehm punkigem Refrain noch als halbwegs gefällig durchgeht, gleicht "Bel Ami" der Vertonung eines gruseligen Laientheaterstücks. Deutlich langsamer, mit einem seltsam schrägen, aber dennoch überraschend passenden Lick und übertriebenem Falsettgesang ausgestattet, macht es den Konsum alles andere als leicht. Schwere See, schwere Kost, da kommt der Höllenshanty "Shanghai Stinker" mit seinem Dada-Text genau richtig. "Wenn ich ein Seemann wär'. Und ich wüsst' nicht, wo ich wär'. Wo wär' ich dann?" Viel treffender lässt sich der Zustand nach dem Genuss dieser wüsten Musik kaum beschreiben. Nicht schön, aber unheimlich faszinierend.

Einige Stücke könnten als Inspiration für einige der jüngeren, derzeit aktiven Post-Punk Bands gedient haben. Das dreckig angefunkte "Verzählt", das mit wenigen Worten ein trotzdem sinnvolles Szenario schafft und mit Sprechchören ordentlich Druck erzeugt, oder das schwer negative aber trotzdem unfassbar coole "Unfall" erscheinen zeitlos und könnten auch heute noch junge Menschen zum Post-Punk führen. Ebenso das ungewöhnlich fröhliche, geil basslastige "Softly, Softly", das mit wirklich witzigen Inhalten daherkommt ("Hey Mann, jetzt ziehst du deinen Colt. Hey Mann, ein Pimmel ganz aus Gold"), die allerdings in der heutigen Zeit eher nicht mehr überall gut ankämen. Hier tobt sich zudem FM Einheit am Synthesizer (und anderen Alltagsgegenständen) aus, was den ohnehin schon sehr präsenten Avantgarde-Charakter fördert.

Zwischendurch verpasst Co-Frontfrau Margita Haberland am Mikrophon der völlig irren Konsumkritik "Mehr" den letzten Schliff in Sachen Wahnsinn. Egal ob bei der Vertonung der Strophe oder als Ergänzung um völlig atonale Schrei-Parts, zu den klirrenden, knarzenden Schrottriffs und Wah-Tönen passt ihre gewöhnungsbedürftige Stimme allemal. Im folgenden "Türkenblues", einem finsteren, inhaltlich wie gewohnt kryptischem Post-Punk-Feger streitet sie sich förmlich mit Ziegert um den möglichst anrüchigsten Gesang. Neben nervenzerfetzenden Elektrotröten sind es vor allem die ungewohnt kalten, orientalischen Klänge, die hier für Gänsehaut sorgen.

Das leicht an The Clash erinnernde, im Offbeat gespielte "Neon Kind" ("Kinder Fressen Rot") erinnert an Reggae, allerdings nicht im Geringsten an die sonst damit assoziierten positiven Vibrationen. Kalt und trocken geht es zu, wobei hier auch Haberlands abgehackter Gesang deutlich beiträgt. Das geil schräge "Ich Bin Stumm" weckt Erinnerungen an die spätere Phase der ebenfalls aus Hamburg stammenden Die Goldenen Zitronen und lässt vermuten, dass man sich hinsichtlich der Inspiration reichlich bei "Amok Koma" bedient hat.

Bevor der damalige BKA-Präsident Horst Herold das Schlusswort spricht (in der Vinyl Version läuft der Satz "Wir kriegen sie alle" in einer sog. locked groove in Dauerschleife), gibt es noch eine Live-Darbietung des Songs "Japan" vom allerersten Auftritt der Band. Der auf dem Album manifestierte Irrsinn ließ sich offenbar auch auf der Bühne gut abbilden, die Stimmung ist trotz der relativ langen Zeit zwischen Liveaufnahme und dem vorliegenden Album beinahe identisch.

"Amok Koma" ist kein schönes Album, es ist ein wichtiges, ein authentisches und ein auf seltsame Art und Weise sehr emotionales Werk, das auch nach über 40 Jahren noch seinesgleichen sucht.

In der Rubrik "Meilensteine" stellen wir Albumklassiker vor, die die Musikgeschichte oder zumindest unser Leben nachhaltig verändert haben. Unabhängig von Genre-Zuordnungen soll es sich um Platten handeln, die jeder Musikfan gehört haben muss.

Trackliste

  1. 1. Maschinenland
  2. 2. Karo 1/4 08/15 Hoch 2
  3. 3. Monday On My Mind
  4. 4. Shanghai Stinker
  5. 5. Bel Ami
  6. 6. Verzählt
  7. 7. Softly Softly
  8. 8. Unfall
  9. 9. Mehr
  10. 10. Türkenblues
  11. 11. Neon Kind
  12. 12. Ich Bin Stumm
  13. 13. Japan (Live)
  14. 14. Schlußwort Von Horst Herold, Bundeskriminalamt

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