laut.de-Kritik

NPC-Folkrock, der sich über NPCs aufregt.

Review von

Was Angelo Kelly uns mit Schwarzweiß-Fotos, auf denen er mit Akustikgitarren posiert, kommunizieren will, ist klar: "Authentizität". Auch der Pressetext des Kelly-Family-Mitglieds hebt dieses ausgelutschte Buzzword hervor und erklärt, wieso gerade "Alive" nun so authentisch geworden sei: Er hat alle Songs selbst geschrieben und produziert, er singt über intime Ängste und Erfahrungen, alles wurde von allen Mitgliedern gleichzeitig in One-Takes auf eine Bandmaschine aufgenommen und nichts daran verändert. An sich kein schlechtes Rezept.

Der analoge Produktionsstil von "Alive" ist ein zweischneidiges Schwert. Zum Glück ist es kein komplett über- und plattproduzierter Mix, der den ohnehin unspannenden Songs jegliche Seele raubt. Das Gefühl, bei einer Live-Session dabei zu sein macht sie immerhin ein wenig nahbar. Andererseits führt das Prinzip, alles so stehen zu lassen, hier dazu, dass alles sehr schlicht klingt und Elemente sich den Platz im Mix klauen. Wenn die Crash-Becken – beispielsweise in "Family Tree" – ertönen, erschlagen sie alles andere. In Songs wie "Running Inside My Head" geht Angelos Stimme teilweise ziemlich unter. Besonders kuschelige Unplugged-Atmosphäre kommt da nicht auf.

"Alive" ist größtenteils ein Akustik-Album. Dabei sind insbesondere die Folk-Instrumente, wie irische Flöte, Fiddle und Bouzouki (das ist ein kleines Saiteninstrument, wie eine tiefere Mandoline), eine gute Ergänzung. Sie setzen zu Angelo Kellys Gesang oft spannendere Akzente, und ihre Melodien, die sie am Ende von Songs wie "Only Heaven Is A Win" gemeinsam spielen, sind meist die schönsten Momente des Albums.

So irisch, wie Angelo Kelly es gerne betont, klingt das zwar nicht immer, aber auch die amerikanischeren Country-Rock-Anleihen sind nicht verkehrt. An manchen Stellen scheint hier ein wenig Pearl-Jam-Einfluss im Gesang (nicht auf eine Qualitätsebene zu stellen) und im Instrumental "Rollin'" sogar ein akustisches Metal-Riff durch. In "Never Too Late" versucht Kelly sich doch wahrlich an Operngesang auf Italienisch. Wieso? Der Song ist dem verstorbenen Vater seiner Ehefrau gewidmet, der gerne Opernsänger geworden wäre. Süße Geste, das Ergebnis wirkt nicht sonderlich gekonnt, aber auch nicht schrecklich.

Persönlichere Themen wie diese begleiten ein paar der Songs hier, ein Song übers Trockensein etwa oder über das Gefühl, seine Tochter nach langer Zeit wieder in die Arme zu schließen. Mit seinen Textphrasen und Gesangsperformances bewirkt Kelly da keine außergewöhnlich berührenden Emotionen, aber es ist wesentlich besser als die Songs, in denen er Gesellschafts-Commentary liefern möchte.

"Are You Alive" begrüßt uns dahingehend direkt von der schlimmsten Seite. Ausgelutschte Statements des "We live in a society"-Kalibers über modernes Leben, das Internet und Krieg hageln auf uns ein: "Nobody's home, life in a phone / Years pass by while you're on flight mode / Out of control, losing your soul / Get 20 off with this promo code". Seine Fans werden ihm aber bestimmt zustimmen. Diese Influencer, von denen sie im Morgenmagazin hören, sind wirklich eine Plage! "Music is dead, it's digital bread / AI is gonna take your clout". KI, davon habe ich auch gehört; wir werden ja noch alle zu Robotern! Und wo zum Geier bleibt die Authentizität in der Musik? Zum Glück ist Angelo Kelly unser authentischer Herzensblut-Ritter, der dem ganzen AI-Slop mal zeigt, wie man ordentlich fühlt!

Und da hat doch ausgerechnet Angelo fucking Kelly in diesem Song die Dreistigkeit, sich darüber zu beschweren, dass zu viele "NPCs" auf dieser Erde wandeln. Erstmal ist es unterhaltsam, dass er dieses Wort aufgeschnappt hat. Aber Junge, du trittst im Fernsehgarten auf. Du nennst die Tour zu deinem Album "Ready to rock". Wenn deine Fans die NPC-Zeile dieses Songs mitsingen, können sie ja mal in den Spiegel schauen.

Nicht viel besser ist die politische Weisheit, die er auf "Running Inside My Head" liefert: "More government equals less freedom" – damn! "Don't Say Goodbye" ist seine Rebellenhymne darüber, dass die Wahrheit heutzutage immer mehr verloren geht. Um seine Aussagen zu untermauern, namedroppt Kelly allerlei Philosophen und erklärt: "Marx and Marcuse have infected our souls" – ist das positiv oder negativ gemeint? Irgendwie wird man aus den Statements des Songs nicht so ganz schlau, auf welche Seite er sich politisch stellt. Etwas unklar formuliert, aber go off, alter Punk-Rocker!

Wenn Angelo Kelly sich aus solchen Diskussionen heraushält, richtet er ansonsten auf "Alive" nicht allzu viel Schaden an. Ein bisschen Jesus-Worship hier, ein bisschen Trauer dort. Musikalisch ist alles ziemlich generisch, und würde Kellys Name nicht draufstehen, hätte das auch dein Onkel sein können, der jetzt mit seiner neuen Dadrock-Band ein paar Songs geschrieben hat. Die "authentische" Live-Stimmung ist noch das Stärkste an "Alive".

Trackliste

  1. 1. Are You Alive
  2. 2. Only Heaven Is A Win
  3. 3. Christ Be With Me
  4. 4. Running Inside My Head
  5. 5. Rollin'
  6. 6. Oh Hana
  7. 7. Never Too Late
  8. 8. Don't Say Goodbye
  9. 9. Back In My Arms
  10. 10. Family Tree
  11. 11. I Promise To Do Better

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