laut.de-Kritik
Zwischen Sade und The XX: Electropop aus einer anderen Welt.
Review von Kerstin KratochwillWie ein warmer Sommerregen nach einer durchtanzten Clubnacht prasselt der filigrane und feingewebte Electropop von Art School Girlfriend auf uns hernieder: Hinter dem Künstlernamen steckt die walisische Musikerin und Produzentin Polly Mackey, deren so unwirklicher wie unerwarteter Sound in der deutschen Musiklandschaft noch immer hinter einem dunstigen, nebligen Fenster versteckt scheint.
Doch spätestens mit der Platte "Lean In" von 2025 sollten ihre Lieder auch hierzulande erstrahlen, denn ihr drittes Album ist ein faszinierend dichtes Werk voller schimmernder Electropop-Balladen, düsterer Dreampop-Stücke und melancholischem Sophisti-Pop. Sie klingt mal zärtlich melancholisch wie Daughter ("Doing Laps“), dann aber auch euphorisch clubbig wie Romy ("L.Y.A.T.T."), geradezu sphärisch jazzig im Geiste von Boards Of Canada ("Save Something") oder verschleppt trippig wie Massive Attack ("Almost Transparent").
Das hier ist Art-Pop im weitesten Sinn, der es vermag Sades Smoothness mit der Kühle von The XX zusammenzubringen. Art School Girlfriend kreiert eine Musik, die gleichermaßen für das stille Hören mit Kopfhörern wie für die drängende Katharsis auf der Tanzfläche geeignet ist.
Ihren Antrieb erklärt sie so: "In den letzten Jahren habe ich das erlebt, was man im Leben als 'Big Life Shit' bezeichnet. Alles im Leben fühlte sich auf seinen Kern reduziert an – unglaublich kostbar, aber zerbrechlich." Selbstproduziert und eigenständig im Sound gelingt Art School Girlfriend ein flirrendes wie ätherisches Album, das selbstbestimmt und selbstbewusst ein subtiles Statement darstellt und Aspekte von Ambient, Shoegaze, Synth-Pop, Trip Hop, Trance und sogar House miteinander vereint.
Mackey lebt in London mit ihrer Frau, die Indie-Musikerin Marika Hackman, die auch auf "L.Y.A.T.T." (für "Love You All The Time") zu hören ist und unter anderem an der University of the Arts London lehrte. "Lean In" ist ein hypnotisches und helles Album geworden, schummrig und bezaubernd, intim und individuell. Ein Album, in das man sich geradezu hineinlegen möchte.


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