laut.de-Kritik

Sonne hinterm Wolkenkratzer.

Review von

"Ten killers in less than a year and the summer ain't even here yet", rappt Boldy James gleich im Opener "Summer's Eve". Zehn Killer meint: zehn Killer-Alben. Selbst Wikipedia kommt mit dem Output nicht mehr hinterher. 2026 ist "Trapper's Alley 3: Hell Or High Water" das vierte Album des Eastcoast-Trappers. Erst im Februar hat er der Straße "Manhunt" geschenkt, ein wunderbares Griselda-Album mit Rome Streetz. Böse und dramatisch kriechen Songs wie "Hot Plate" und "Cheat The Grind" aus dem Werk von Detroit nach New York.

Mit seinem Haus-Producer Nicholas Craven droppte er dieses Jahr ebenfalls bereits ein Projekt. Zusammen mit Punchline-Philosoph Ransom fordert er "Salvation For The Wicked". Craven, den er einst über das Internet kennenlernte, versorgt die beiden dafür mit Alchemist-Gedächtnis-Beats: Checkt vor allem "Forgiveness" ab.

Auf "Trapper's Alley 3: Hell Or High Water" überzeugt Boldy James dagegen mit durchgehend souligen Loop-Kreaturen, über die er wieder den Bogen vom Drug Game über Familie bis zu Selbstzweifeln spannt. Kein anderer Rapper macht das so nonchalant, lässig und bodenständig wie Boldy aus Detroit.

Der Beat des Openers "Summer's Eve" kreiert eine friedvolle Atmosphäre, doch so sonnig die Stimmung, so düster die Lyrics: "It's crazy but those closest to you be your biggest haters / In the same breath, it'll force you to get some paper / Shit be janky when your biggest supporter is a strange."

Mit einfachen Worten sprüht das Griselda-Signing ähnlich wie Benny The Butcher die Probleme erfolgreicher Menschen aus dem Ghetto an die Häuserwände. Neben dem gewaltsamen Tod eines Bruders und 99 Problemen mit Frauen gibt er einen Einblick ins Indieleben eines Emcees: "Food fightin', gotta move right, I can't go back to jail / At night, I wonder sometimes how I come up with the rhymes / And all these thoughts in my head, some corrupted my mind."

Auf "Mama Maxine" verschwindet die Sonne vollends hinter den Wolkenkratzern. Cravens Loops wechseln vom 70er-Soul zum 80er-Style, wie Harry Fraud ihn häufig repräsentiert. Crockett und Tubbs lassen grüßen. Gleich zu Beginn stellt James klar: Das hier ist kein Outkast-Funk, das ist der harte Shit. "Don't confuse it with no Southern playalistic Cadillac funky music / This that Hell Block, Curtis Curb, hully gully rooted."

Wiederum mit höchster Effizienz und Intensität braucht er nur zwei Lines, um den ganzen tragischen Kreislauf in den ärmeren Gegenden auf den Punkt zu bringen: "I was only three when I first found out that my unc' was using / Sold dope all my life, if I don't know shit, I know what I'm doin'." Mit drei Jahren endet die Kindheit, und wenn ich auch sonst nichts weiß, weiß ich immerhin, wie man Drogen vertickt. So.

Böse Zungen behaupten ja, Nicholas Craven sei ein Alchemist-Klon, der sogar noch eine Liga unter Conductor oder Daringer spielt. Doch das ist Hater-Quatsch. Natürlich sind die drumlosen, sample-lastigen Gerüste stark geprägt vom legendären Producer, doch immer wieder findet Craven in diesem Sound neue Ideen und eigene Identität. "My Last Try" pitcht und loopt das Vocal-Sample zwar zu Tode, aber genau im richtigen Moment, während Boldys erster Strophe, lässt er die Harmonien des gesampelten Tracks auslaufen. Im Zusammenspiel mit dem leicht monotonen Flow bohrt sich der Beat tief in die Seele.

Wesentlich breiter legt er "Beautiful Snow" an. Klar, harte Snares und Premo-Kicks werden niemals Cravens Trademark sein, aber zumindest holt er sich einen fast orchestralen Unterbau in den Track, der vom Vibe her an die J.U.S.T.I.C.E. League erinnert. Nur eben ohne zusätzliche Drums.

Die beiden Standout-Tracks, die in Sachen Beats und Raps zur Top 5 der Nicholas Craven-und-Boldy James-Projekte gehören, kommen in der zweiten Hälfte. Das warme, volle Piano in "Hamburger Helper" umschmeichelt die Seele, der langsame Beat mit der Rimshot-Snare führt direkt in einen rauchverhangenen Jazz-Club. Boldy eröffnet prophetisch mit: "Teddy Bundy, the way I killed the game, been on my Jalen Brunson / Knickerbockin' / niggas snitch on Blocks, I get you Teddy Ruxpin."

Für "Grinding My Gears" diggt Craven deep, deep, deep in the Crates. Er begrenzt das Vocal-Sample in den ersten drei Takten und lässt es im vierten frei, um die melancholische Einsamkeit des Rappers zu untermauern. Der große Moment folgt am Ende des zweiten Chorus, als er den Refrain des Originals (ich würde sagen: "Love Me To Sleep" von Hot Chocolate) auslaufen lässt. Der RZA lässt grüßen.

Boldy rappt dazu schnell und tight und wirkt trotzdem lässig wie ein Slow Flow-Emcee. Der (Pre-)Chorus schreibt die Überschrift, auch über seine Rap-Karriere: "Unalivin' my fears / Voted less likely to succeed but now I'm outshinin' my peers", und verdammt, ja: Das macht er.

Trackliste

  1. 1. Summer's Eve
  2. 2. Mama Maxine
  3. 3. My Last Try
  4. 4. Beautiful Snow
  5. 5. False Accusations
  6. 6. Hamburger Helper
  7. 7. Powerhouse (feat. Lethalias Grain & Chip$)
  8. 8. Grinding My Gears
  9. 9. Don't Tell Me (Trinidadian James)
  10. 10. Death & Taxes (2026 Remaster)

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