laut.de-Kritik

Moshpit und Marketing.

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Moshpit im Kino? Genau dieses bizarre Szenario geisterte zuletzt durch die sozialen Medien. Statt mit Popcorn, Nachos oder Kaltgetränk im Kinositz zu kleben, wird der Bereich vor der Leinwand mal eben zum Moshpit umfunktioniert. Wenn es dieser Tage eine 'Metalcore'-Band schaffen konnte, mit einer Liveshow in den Kinos zu landen, dann Bring Me The Horizon. Auch jenseits subkultureller Grenzen scheint der Hype längst real, ja, unaufhaltsam.

Zum einen hat der Personenkult um Emo-Ikone Oliver Sykes, besonders bei weiblichen Fans, ungeahnte Dimensionen erreicht. Vor allem aber hat die Band aus UK die vermeintlichen Gegenpole Pop und Metal in den vergangenen Jahren so erfolgreich vereint wie niemand sonst. Orchesterbegleitung, sakrale Schauplätze oder übergroße Hallen: Extreme überraschen auch rund um ihre Liveperformances niemanden mehr. Grenzen sind nur noch da, um weiter verschoben zu werden.

Jetzt also das bisher größte Konzert der Band als immersives Kinoerlebnis. Nicht etwa in Europa oder den USA, sondern im ausverkauften Allianz Parque in São Paulo, wo die Begeisterung noch ungezähmter überschwappt, eine Show dieser Größenordnung noch mehr als besonderes Erlebnis kickt. So funktioniert geschicktes Marketing.

Erst stürmten die Fans weltweit für einige erlesene Vorstellungen ins Kino, nun lässt sich der Bombast auch im reinen Audioformat erleben. Während die Bilder des Films die 50.000 Menschen vor der Bühne besonders fokussieren und ungefiltert einfangen, wie die Meute ekstatisch verzückt an Sykes Lippen klebt, fährt die Tonebene weniger auf.

Was bietet das Hörerlebnis all jenen, die der Band zwar ein respektables Gespür für metallastige Pop-Songs zugestehen, die frenetische Begeisterung aber nicht komplett teilen? Allem voran: ein stark tiefergelegter Sound. Auch wenn die Produktion wuchtig daherkommt und die Gitarren böse antäuschen, fehlt es in den entscheidenden Momenten an Ausgewogenheit. Das gesamte Klangerlebnis beschränkt sich darauf, die Lautsprecher basslastig durchzurütteln, transportiert dafür in den melodischeren Momenten über die Abmischung wenig Emotion. Der immersive Sog entfaltet sich insofern nur bedingt.

Verheißungsvoll wird es immer dann, wenn Sykes diabolisch tiefe Growls aus der Mottenkiste kramt, um zu Beginn der Tracks anzuheizen. "Bang your fucking heads!", stachelt er etwa bei "MANTRA" den wahnsinnig groovigen Gitarrenpart an. Das macht zwar Eindruck und triggert die Vorfreude. Im Refrain von "Doomed", "Teardrops" oder "Happy Song" wird die aufkeimende Energie dann leider von einer überglatten Produktion ausgebremst. Als Grundrauschen ist der lauthals mitsingende Zuschauerchor dabei so omnipräsent, dass sich der Effekt bald abnutzt.

Trotzdem hilft dieses atmosphärische Element dabei, den organischen Livecharakter im Gegensatz zur Studioversion hervorzuheben. Sykes präsentiert sich stimmlich stark, aber nie unfehlbar. Schwächen in den Höhen werden in der Produktion nicht krampfhaft kaschiert, sondern bleiben als authentisches Zeugnis stehen. So bekommt die gottgleiche Inszenierung etwas Menschliches und die dumpfe Erinnerung an kleine Bühnen und stickige Locations entfernt erhalten.

Gelegenheit zum Mitsingen gibt es mehr als genug. Über die Jahre haben die Briten eine Setlist angesammelt, die Hits nur so aneinanderreiht. So fällt es kaum noch auf, dass die Death Core-Wurzeln und damit die frühen Alben völlig ausgespart werden. Nicht weiter schlimm, denn spätestens das herausragende "Sempiternal" liefert mit "Sleepwalking", "Shadow Moses" oder "Can You Feel My Heart" mächtig Zündstoff für große Momente im Pit. Die Tracks stechen in ihrem epischen Ansatz besonders heraus. Die Nackenhaare stellen sich besonders dann auf, wenn die prägnanten Synthies auf fette Gitarrenwände prallen.

Was an elektronischen Interludes über den gesamten Konzertverlauf dazwischenfunkt, wäre zumindest für die Ohren verzichtbar gewesen. Als Teil der Inszenierung und eingebettet in ein Setting voller Referenzen an ein dystopisches Post Human-Universum passen die Brüche aber visuell wunderbar ins Konzept. Zudem bereiten sie Tracks wie "Doomed", "Kool-Aid" oder "Darkside" die Bühne. Gemeinsam mit Sykes portugiesisch formulierten Liebeserklärungen an die südamerikanische Crowd stärken Verschnaufpausen wie diese die Verbindung zwischen Band und Fans - und ziehen natürlich auch das Kinopublikum in den Bann.

Für Fans bleibt das Livealbum zur Kinoshow ein Liebhaberstück in der Plattensammlung. Perfekt geeignet, um tief in den Mythos der bandeigenen Erfolgsformel einzutauchen. Für den Rest überwiegt das Gefühl, Teil eines großen Marketing-Projekts zu sein, das in alle Richtungen ausgeschlachtet wird. Die vielen Perlen in der Setlist sind dann der gemeinsame Nenner, der allen eine gute Zeit beschert.

Trackliste

  1. 1. (Interlude) Press Start
  2. 2. DArkSide
  3. 3. Mantra
  4. 4. Happy Song
  5. 5. Teardrops
  6. 6. AmEN!
  7. 7. (Interlude) Project Angel Dust
  8. 8. Kool-Aid
  9. 9. Shadow Moses
  10. 10. Lost (spi)ritual
  11. 11. n/A
  12. 12. Sleepwalking
  13. 13. Itch For The Cure
  14. 14. Kingslayer
  15. 15. Parasite Eve
  16. 16. Follow You
  17. 17. LosT
  18. 18. Can You Feel My Heart
  19. 19. (Interlude) You People Are All Doomed
  20. 20. Doomed
  21. 21. Aura Gauger
  22. 22. Drown
  23. 23. Throne

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