laut.de-Kritik

Am Puls von 1966: Psychedelic-Debüt aus Wien.

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Die Geschichte geht so: Ein Quintett in Österreich macht nostalgischen Sixties- und Seventies-Classic Rock, ohne dabei wie so etliche andere Led Zeppelin zu kopieren. Und ohne auch nur im Ansatz auf Austria als Herkunft ihrer Sounds schließen zu lassen. Die Keyboards sind unverzichtbarer Bestandteil, denn mitunter wird es psychedelisch und sinfonisch.

Die Band benennt sich nach einem Spitznamen von Sängerin Irina: Bruther. Irina verehrt die Beatles. Alle vier. Alle fünf, wenn man den Deutschen Klaus Voormann mitzählt. Als die Gruppe brainstormt, wer das Cover ihres Debüts "Kaleidoscope" gestalten könnte, gibt es einen utopisch anmutenden Wunsch: Der Plan A heißt Voormann, der heute im Raum München lebt, 88 Jahre.

"Es kam eine persönliche Antwort: Wer braucht denn heutzutage noch Album-Covers? In Streaming-Zeiten sind sie untergegangen, und es gibt doch nur wenige Menschen, die etwas damit anfangen können", zitiert Irina. "Wir haben ihm dann geschrieben: 'Nein, für uns ist das Cover Teil eines Albums und des Gesamtkunstwerks und wichtig, und wir sind in der glücklichen Lage, dass wir eine Auflage in Vinyl haben können.'" Voormann lud die Band schließlich in sein Atelier ein, man trank gemeinsam Tee. "Er war interessiert, wie es für uns läuft als junge Musiker und Musikerinnen heutzutage. Ob wir denn von der Musik leben könnten", erinnert sich die Bruther-Frontfrau an die surreale Begegnung. Schließlich sagt Voormann zu, und schickt binnen kurzer Zeit ein Artwork.

Da ist er nun also, der Erstling einer noch unbekannten Combo, mit einer Formen verschachtelnden Grafik von einem der berühmtesten Bassisten der Welt (Stichwort "Walk On The Wild Side") wie auch einem der Maßstäbe setzenden Grafiker ("Revolver"). In 'seine' Ära, die goldene Zeit des Albumformats, jagen uns Bruther unweigerlich zurück. Deren buchstäbliches Kaleidoskop reicht von Woodstock-tauglichem Hippie-Rock der Marke Steppenwolf in "Lovin'", auf den Spuren von Jefferson Airplanes "Surrealistic Pillow" samt Ekstase-Riffs über satte Bad Company-Bässe und McCartney-Melodieseligkeit im Titelstück "Kaleidoscope" bis hin zum gesellschaftspolitischen Balladen-Pathos "Milky Way".

Das Motto der ganzen LP: 'Lasst uns einen Unterschied machen mit der Kunst, die wir erschaffen, denn unsere Zeit ist genau jetzt', so formulieren die Wiener:innen es im Text von "The End". Das Ende markiert übrigens nicht "The End", sondern der Tanz mit dem Teufel, dem Irina im letzten Track "Waiting" während eines Brückenschlags zwischen Prog und packendem Blues die Hand schüttelt. Der Kickdrum-Charme von "Hello" klopft durchaus mal in der Abteilung Heavy an und offenbart in der Tiefe zugleich die Tradition englischer Orgel-Bands wie Procol Harum, Manfred Mann oder The Zombies. "Hello" ist mit einem Facettenreichtum zwischen hart und zart einer der magischen Ohrwürmer des Albums.

Das hymnische "Stay" setzt auf zeternde Starkstromsoli im Wechsel mit flehenden, zärtlichen Lead-Vocals, die stellenweise fast a cappella für sich alleine stehen. Bei "Loud Silence" schlängelt sich ruhiger Soul in die Strophen. Der Refrain schmettert dagegen saftigen Electric Bluesrock. Der C-Teil kontert mit einer gepflegten Grunge-Disharmonie samt Verzerrung. In den Texten ist öfter mal Nachdenken über den Planeten und seine zweibeinigen Bewohner angesagt. So versteht sich besagtes "Milky Way" als alarmierendes Gedankenexperiment.

"'Milky Way' ist aus der Perspektive eines Aliens geschrieben, das auf die Erde schaut und sieht, wie sie Stück für Stück zugrunde geht und wie sich die Menschheit durch Kriege selbst zerstört und generell zerstörerisch ist, auf die Natur bezogen", ordnet Irina Radovic ein, die sich selbst an der Produktion der Scheibe beteiligte. "Ich finde es wichtig, wenn man sich mit solchen Themen beschäftigen darf und kann, und wir als Künstler die Sorge um die Welt ausdrücken und kanalisieren und damit auch die eine oder den anderen zum Nachdenken bringen. Wir spüren, glaube ich, alle, dass heutzutage etwas nicht rund läuft. Man hat so viele Ängste, wenn Psychopathen die Welt regieren. Gleichzeitig gibt es dann wieder gute Neuigkeiten wie jetzt in Ungarn, wo Orbán gegangen ist. Hoffnung ist mir persönlich wichtig, ich habe den Glauben daran. Wir leben so kurz - unser Leben ist wie ein kleiner Furz. Wäre es nicht schön, wenn wir miteinander etwas Gutes machen könnten?! Da ist die Musik ein gutes Mittel, das Menschen verbindet."

Genau so tönt es oft auch in Songs der mittleren bis späten Sechziger. Somit ist "Kaleidoscope" eine stimmige Reminiszenz an Sounds, Werte und Einstellungen jener unfassbar fruchtbaren Phase der Musikgeschichte.

Trackliste

  1. 1. Kaleidoscope
  2. 2. Lovin'
  3. 3. Hello
  4. 4. Hold Me Close
  5. 5. The End
  6. 6. Milky Way
  7. 7. Stay
  8. 8. Loud Silence
  9. 9. Waiting

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