laut.de-Kritik

Werkschau auf hohem Niveau.

Review von

Converge laufen in der öffentlichen Wahrnehmung Gefahr, als "wichtige" Band zu gelten. Jedem fällt ein Beispiel für eine solche Band ein, mir sind R.E.M. am präsentesten. Warum sollte man "Accelerate" hören, wenn ich auch "Automatic For The People" hören kann? Und warum sollte man "Love Is Not Enough" oder die fünf Alben davor hören, wo es doch "Jane Doe" gibt?

Zwar gaben Converge sich offenkundig Mühe, jedem ihrer qualitativ konstant sehr guten Alben nach "Jane Doe" einen merklichen Stempel aufzudrücken. Genreverändernd war danach jedoch nichts mehr, und die musikalische Relevanz der Band ist mittlerweile geringer als die von Kurt Ballou als Produzent (Fleshwater, Gospel).

"Love Is Not Enough" beendet nun eine Pause von fast neun Jahren, wenn man "Bloodmoon: I" zumindest nicht als reines Converge-Album zählen mag. Auf den ersten Blick fällt auf: Dieses Mal feiert das Quartett ohne Gäste. Das ist durchaus symptomatisch für die Scheibe, die keinem Konzept folgt und absolut nichts neu macht, das Altbekannte aber auf gewohnt hochwertigem Level exerziert.

Jacob Bannon bleibt der bekannte Fixpunkt im Sound, der mit dem Titeltrack überraschend thrashig beginnt. Das thrashige Element verliert sich im Verlauf des Albums ein wenig, schillert bei den Gitarren aber immer wieder merklich durch, wenn auch nicht immer so ostentativ wie am Schluss von "To Feel Something". Der ist ein Albumhighlight, da er die bandüblichen Schmerzenstexte mit seinen disparat wirkenden Teilen besonders schön in Kontrast setzt und meine Verlobte zum hektischen Verlassen des Raums bewegte – die Geschwindigkeit ihrer Flucht ist ein wichtiger Core-Gradmesser.

"Bad Faith" beginnt mit einem Riff, das eine größere Homogenität schon andeutet. Deutlich mehr Metalcore als Post-Hardcore, ein grundsolides Stück, das spätestens zum Chorus hin aber nicht nach Converge schreit – es fallen einem aus dem Stand zehn Bands ein, die das so ähnlich auch gemacht haben hätten können. "Distract And Divide" rutscht der Finger aus beim Chaos-Regler. Eine weitere Manier des bekannten Converge-Spiels kompetent demonstriert. Bis "Beyond Repair" fühlt sich die nicht ausreichende Liebe an wie eine kleine Werkschau. Das instrumentale Zwischenspiel ist für seinen geringen Anspruch, der scheinbar wirklich nur Verschnaufpause bieten soll, zu lange; das kann die Band so viel besser.

Mit "Amon Amok" beginnt ein neuer Teil des Albums. Vier der fünf Songs der zweiten Hälfte sind deutlich länger als der Rest des nur eine halbe Stunde fassenden Werks und fallen allein schon deshalb gefühlt anders aus. Logischerweise ziehen wir "Force Meets Presence" also vor, das den Thrash-Aspekt besonders intensiv zelebriert, verbunden mit einer hohen Aggressivität. Das Stück ist keinesfalls langsam, die Härte kommt aber nicht durch die Geschwindigkeit des Geklöppels, sondern durch seine Intensität.

"Amon Amok" fährt den Mathcore deutlich zurück und Bannons Rolle ändert sich ein wenig. In der ersten Hälfte ist der wie eh und je wandlungsfähige Sänger mit seiner schwer zu greifenden Stimme, die gleichzeitig alles kann und wenig Haken hat, um sich an sie zu erinnern, der Showmaster, der die Teile zusammenbindet. Im zweiten Teil trägt er sie über die raumgreifenden Strukturen. Das Stück ist ein Grower, aber ein hundsverdammt guter, vielleicht das beste Stück des Albums mit seinen ständigen leicht schiebenden Riffs. "Gilded Cage" beginnt gar ruhig, Bannon nutzt den Raum erneut bravourös und über fast fünf Minuten widersteht die Band dem Reiz, diesen Kind-Of-Stadionrock bersten zu lassen, ohne, dass er auch nur eine Sekunde langweilig würde.

"Make Me Forget You" hat ein Problem auf musikalischer Seite: Zwar hat Bannon große Lust, über die Larifari-Spuren drüberzuschreien, ohne seine Stimme bliebe aber was übrig, was "Post-Hardcore-Stil-Preset" heißen könnte in der Sounddatenbank. Völlig unnötig auf einer so starken Scheibe. "We Were Never The Same" mäandert zu Beginn ein wenig unsicher dahin, bis es sein Nu Metal-Riff gefunden hat, dass es dann immer wieder fallen lässt und aufnimmt. Mit sieben Tracks eine Wahnsinns-EP, so ist "Love Is Not Enough" eine vernünftige Ergänzung einer sehr vernünftigen Diskographie.

Trackliste

  1. 1. Love Is Not Enough
  2. 2. Bad Faith
  3. 3. Distract And Divide
  4. 4. To Feel Something
  5. 5. Beyond Repair
  6. 6. Amon Amok
  7. 7. Force Meets Presence
  8. 8. Gilded Cage
  9. 9. Make Me Forget You
  10. 10. We Were Never The Same

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