laut.de-Kritik
Dreckig ist gar kein Ausdruck.
Review von Stefan Johannesberg"Don't think twice, it don't look nice / You should've run for your life" – ach, hätte man sich doch den Refrain von "Run For Your Life" zu Herzen genommen. Der sechste Song markiert das abrupte Ende einer monströsen ersten Hälfte von "Good God / Baad Man". Wie ein Zwölf-Tonner waren Corrosion Of Conformity-Gitarrist Woody Weatherman und Pepper Keenan mit ihren neuen KollegInnen auf ihrem elften Album bis dahin über den armen, alten Hörer gewalzt, bis nur noch blutige Gedärmefetzen auf dem Teer klebten.
Der Opener "Good God? / Final Dawn" durchbricht bereits dickste Barrikaden wie Kris Kristofferson in "Convoy". Dreckig ist gar kein Ausdruck für den aggressiven Stoner-Punk-Rock. Jedes Drumroll, jedes tiefer gestimmte Riff malträtiert die Nervenstränge wie der Zahnarzt in "Marathon Man". Als Gegensatz dazu predigt Keenan mit heller Stimme wie Ozzy und lässt so eine schnelle Count-Raven-Version im Kopf entstehen. Wenn Smoke Blow in den Südstaaten aufgewachsen wären, diesen Track würden sie live zocken. "Mover, I am a reality mover." Gemoved wird hier viel, Gras wächst auch keins mehr. Auch der schwere Schweine-Rock auf "You Or Me" knüpft direkt an das letzte Album von 2018 an.
Der frühe Höhepunkt und ein Song-des-Jahres-Anwärter folgt mit "Gimme Some More". Die Hymne prescht vor wie Mötley Crüe mit "Kickstart My Heart", nur um dann in ein tonnenschweres Hardcore-Südstaaten-Monster zu mutieren. Der mitreißende Refrain "Leather, Chains, Spikes" setzt sich für Tage fest, während die neue Rhythmussektion aus Bassist Bobby Landgraf und Drummer Stanton Moore – direkt nach Album-Release schon wieder ersetzt durch Nick Shabatura – jeden frauenverachtenden Bikerschuppen im Staate North Carolina zertrümmert. Danach stellen CoC die HörerInnen mit dem schweren, sperrigen Geschoss "The Handler" und dem Instrumental "Beduin's Hand" vor mentale Herausforderungen, während der angesprochene doomige Nackenbrecher "Run For Your Life" die rockigere Ära der Gruppe einleitet.
Die zweite Hälfte startet als "Baad Man" mit ein bisschen Peppers Funk und Soundgarden-Blues. Gerade die Verehrung der Seattle-Legenden hört man aus jedem Riff. Alles erinnert an die dritte Phase der Band von Mitte bis Ende der 90er. Diese schwächelt aber extrem gegen den furiosen Beginn. Der Refrain klingt fast wie eine Crossover-Karikatur. Auch "Lose Yourself" wabert etwas altbacken und belanglos vor sich hin. Nur der Tempowechsel ab Minute zwei sorgt für Spannung.
Bei "Asleep From The Killing Floor" weint man ein paar Tränen, denn Neu- und nun wieder Ex-Drummer Moore findet jenen Sound vom verstorbenen Gründungsmitglied Reed Mullin, der das überlebensgroße Groove-Metal-Album "Blind", das stets besser war als der oft gepriesene Nachfolger "Deliverance", so tanzbar und energiegeladen machte. Gitarrist Weatherman erinnert sich: "Als ich die Nachricht bekam, dass er von uns gegangen ist, war das, als ob eine riesige Last auf mich gefallen wäre. Wir waren Highschool-Kumpels, wir haben die Band gegründet, als wir beide, ich weiß nicht, in der 10. Klasse oder so waren. (...) Er war ein großer Teil dessen, was den COC-Sound ausmacht, einfach sein Vibe. Der Groove, dieses Laid-back-Ding, der Swing. Man muss Swing haben für eine Band wie Corrosion. Wir spielen nicht einfach nur geradlinig."
Gradlinig sind sie auf "Good God / Baad Man" wahrlich nicht. In der Dreierreihe "Handlung County", "Swallowing The Anchor" und "Brickman" jammen sie zwischen ZZ Top und Everlast unfokussiert hin und her, als wäre ihnen der Alk zu Kopf gestiegen. "Wir sind hingegangen und haben uns alle möglichen alten Platten angehört und Zeug, das wir ausgegraben haben, wir haben einfach Bier getrunken, Gitarre gespielt, Riffs geschrieben", erklärt Keenan bei Loudwire Nights den Aufnahmeprozess.
"Forever Amplified" schlägt am Schluss mit Stoner Doom noch einmal den Bogen zum starken Anfang. Am Ende erfreut "Good God / Baad Man" vor allem die CoC-Ultras, wirft ein paar heiße Dinger ab und festigt eine irrwitzige Genre-Bandbreite als absolutes Alleinstellungsmerkmal. Ein bisschen weniger wäre dieses Mal aber mehr gewesen.


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